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Kommentar:Unglaubwürdige Landeskirche

Die finanzielle Schwächung der Versöhnungskirche ist ein Schlag ins Gesicht der ehemaligen KZ-Häftlinge Dachaus

Von Helmut Zeller

Ignoranz, fällt einem dazu nur noch ein, ist der Fels, auf dem die Evangelische Kirche steht. Oberkirchenrat Michael Martin, ein offenbar kritischer Geist, hat die EU-Flüchtlingspolitik 2020 als "politische Bankrotterklärung" bezeichnet - über die Bankrotterklärung seiner eigenen Kirche im Fall Dachau schweigt er lieber, die erkennt er vielleicht nicht einmal. Die Kirche muss sparen, in vielen "sensiblen Bereichen", sagt er. Welche das sind, lässt er offen. Offenbar ist für ihn die Versöhnungskirche eine von vielen. Das ist aber falsch. Diese Kirche an der KZ-Gedenkstätte ist innerhalb der evangelischen Gemeinschaft ganz Deutschlands einzigartig, denn nur sie hat explizit den Auftrag zur Erinnerung an die Naziverbrechen, den sie nebenbei gesagt seit vielen Jahren hervorragend erfüllt. Die Arbeit des Teams um Kirchenrat und Historiker Björn Mensing setzt Impulse für die Erinnerungskultur.

Dieser Auftrag war der Landeskirche bisher nur zwei Stellen wert, die des Pfarrers und eines Diakons. Ist das schon, gemessen an den "Nie wieder!" - Sonntagsreden der Kirchenspitze blamabel genug, soll nun die Versöhnungskirche vollends geschwächt werden. Der Auftrag zur Erinnerung und Versöhnung scheint dem Landeskirchenamt so wichtig dann auch nicht zu sein. Das ist ein Schlag ins Gesicht der ehemaligen Dachau-Häftlinge, auch den Priestern darunter, die den Bau dieser Kirche initiiert haben, und der Shoah-Überlebenden, die mit ihr über Antisemitismus und Rassismus aufklären und zur demokratischen Erziehung der Jugend beitragen. Nur vier von zehn Schülern wissen heute, wofür Auschwitz steht. Auf deutschen Schulhöfen ist "Du Jude" eine gängige Beschimpfung geworden, täglich ereignen sich in Deutschland verbale antisemitische Übergriffe oder gar Gewaltakte. Das ist die Situation, vor der das Landeskirchenamt den Blick abwendet. Auch Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Das geht nicht zusammen: zum Gedenken nach Auschwitz zu fahren, dort vor dem Verdrängen und Relativieren der Shoah zu warnen und zuhause in München dann die Sparpläne abzusegnen, die den Projekten gegen den Hass den Boden entziehen. Damit macht sich die Kirche nur unglaubwürdig.

Überhaupt: Meinen die Kirchenfunktionäre etwa, die Mitschuld der Evangelisch-Lutherischen Kirche an dem Massenmord an den Juden und anderen NS-Verbrechen sei abgetragen? Auch in ihren Reihen und unter ihrem Kirchenvolk - mit Ausnahme mutiger Pfarrer und Gläubiger - grassierte der Antisemitismus. Die Kirche hat eine historische Verantwortung - so wird sie ihr aber nicht gerecht.

© SZ vom 02.03.2021
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