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KZ-Gedenkstätte Dachau:Breiter Protest gegen kirchliche Sparpläne

KZ-Überlebende, Wissenschaftler und Kommunalpolitiker fordern, die Diakonenstelle an der Versöhnungskirche in Dachau zu erhalten. Sie betonen deren Bedeutung für die Aufklärung über Rechtsextremismus und Antisemitismus

Von Helmut Zeller, Dachau

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern muss sparen. Deshalb soll die Versöhnungskirche in Dachau von 2024 an keine Diakonstelle mehr haben.

(Foto: Toni Heigl)

Eine Welle des Protests bricht über die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern (ELKB) herein. In Dachau und München kritisieren KZ-Überlebende, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Vertreter von Bildungseinrichtungen und Verbände der Dachau-Überlebenden die geplante Kürzung von Personalstellen der Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau. Seit Sonntagabend kennt die Öffentlichkeit auch das Gesicht, das hinter den Sparplänen steht: Oberkirchenrat Michael Martin machte in einem BR-Interview deutlich, dass er die vorgesehene Halbierung des Teams nicht zurücknehmen will. Dachau sei, so Martin, nur "ein exemplarischer Fall" für "viele sensible Bereiche", in denen künftig mit weniger Ressourcen gearbeitet werden müsse. Zugleich plant die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) die Geldzuwendung drastisch zu kürzen, um fast ein Drittel der bisherigen Summe.

Die Hoffnung richtet sich auf Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der sich in dem Streit jedoch bedeckt hält. An ihn und Oberkirchenrat Martin schrieb der Überlebende Walter Joelsen, 94, einen bewegenden Brief: "Ich will Mut machen, eine Stelle zu erhalten, die unpopulär sein mag, aber in deren Arbeit das Herz der Kirche schlägt." Joelsen und der Shoah-Überlebende Ernst Grube, 88, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, haben sich wie andere Kritiker auch an die Synodalen gewendet, die als "Kirchenparlamente" die höchsten Leitungsorgane der ELKB und EKD sind.

Die Situation der Kirche: Infolge der steigenden Zahl an Kirchenaustritten und damit auch weniger Steuereinnahmen steht die Kirchenleitung unter einem großen finanziellen Druck. Alleine in diesem Jahr muss die Kirche in Bayern mehr als 30 Millionen Euro einsparen, wie Oberkirchenrat Martin erklärt hat. Deshalb soll die Versöhnungskirche von 2024 an keine Diakonenstelle mehr haben, deshalb soll auch Geld für eine Mietwohnung der beiden jeweiligen Mitarbeiter der Aktion Sühnezeichen und für Projekte gestrichen werden.

Der Holocaust-Überlebende Ernst Grube kritisiert die Sparpläne deutlich. Er lobt Elan der Versöhnungskirche, mit dem die Erinnerungan die Naziverbrechen wachgehalten würde.

(Foto: Toni Heigl)

Ernst Grube, als jüdisches Kind von den Nazis verfolgt und ins Ghetto Theresienstadt verschleppt, ist Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Mitglied des Kuratoriums der Evangelischen Versöhnungskirche. "Gerade heute, wo der Rechtsextremismus immer stärker und brutaler wird, wäre die Streichung der Diakonenstelle ein schlimmes Signal", schreibt er an Annekathrin Preidel, Präsidentin der Synode der ELKB. Er lobt Elan und Kraft der Versöhnungskirche, mit denen die Erinnerung an die Naziverbrechen wachgehalten würden. "Wichtig war und ist für mich dabei, dass diese Arbeit über die Gedenkstätte hinaus strahlte und Angehörige und Nachkommen von Überlebenden des Naziterrors erreichte". Alle Rundgänge, Projekte, Veranstaltungen seien ohne die bisherigen Diakone nicht machbar gewesen wäre und würden in Zukunft fehlen.

Walter Joelsen, als evangelischer Jugendlicher in München wegen der jüdischen Herkunft seines Vater verfolgt und in ein Zwangsarbeitslager in Thüringen verschleppt, hat im Ruhestand als Pfarrer der bayerischen Landeskirche sowie als Zeitzeuge gewirkt. Er schreibt an Landesbischof Bedford-Strohm: "Sie sind für mich doch der Mensch, dem ich vertraue, dass Sie meinen Brief nicht mit einem Achselzucken an einen Referenten abgeben. Meine Bitte an Sie: Helfen Sie mit, dass die Synode die Diakonenstelle an der Versöhnungskirche in Dachau nicht ersatzlos aufgibt." Walter Joelsen erinnert daran, dass die Versöhnungskirche auf Wunsch ehemaliger KZ-Häftlinge 1967 geschaffen worden ist - damit "am Ort des Schreckens und vielfachen Sterbens das Evangelium, das Wort von der Versöhnung laut wird". Der Diakon stelle den Kontakt zu Besuchern der Gedenkstätte her, vor allem zu den unzähligen Schulklassen, Konfirmandengruppen und biete spezielle Führungen gerade für Jugendliche. Besondere Bedeutung habe seine Mitarbeit bei der jährlichen Internationalen Jugendbegegnung in Dachau. "Nicht nur die AfD fordert einen Schlussstrich unter das Erinnern an den "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte. Dass Erinnerungskultur ein Auslaufmodell ist, scheint für viele Menschen eine schmerzliche Selbstverständlichkeit zu sein."

Auch das Comité International de Dachau (CID) und sein Präsident, Jean-Michel Thomas, Sohn des Dachau-Überlebenden Jean Thomas, protestieren gegen die Sparpläne. Die Versöhnungskirche sei einer der Hauptakteure der Gedenkgemeinschaft und damit "ein wesentliches Element der KZ-Gedenkstätte Dachau und ihrer internationalen Bekanntheit".

In einem offenen Brief warnt die Dachauer Theologin Jutta Krispenz vor einem Stellenabbau. "In unseren Tagen, da uns mit dem Jubiläum "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" schmerzlich bewusst sein muss, was durch den Holocaust verloren ging, in einer Zeit, in der wir nach Hanau, nach dem Mord an Walter Lübcke, nach den NSU-Morden die Augen nicht mehr verschließen können vor der Zunahme rechter Gewalt, ist es gut zu wissen, dass es an der Versöhnungskirche eine etablierte Arbeitsstelle gibt, die diese Thematik schon länger bearbeitet." Den Brief haben 20 Personen unterzeichnet, darunter auch die Bundestagsabgeordnete Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) sowie viele Stadt- und Kreisräte.

"Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn die Stelle des Diakons in der Versöhnungskirche gestrichen wird", sagt Sabine Gerhardus, Leiterin des Projekts "Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau. Aber nicht nur ihr Projekt wäre gefährdet. Die Kürzungen würden einen großen Rückschlag für die gesamte Erinnerungsarbeit bedeuten. Gerade da rechtsextreme Einflüsse in der Gesellschaft spürbar würden, sei die Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit an der Versöhnungskirche extrem wichtig; besonders deshalb, weil die Zeitzeugen nicht mehr selbst zu den jungen Menschen sprechen könnten. "Da finde ich es eine fatale Entscheidung, wenn die Stimme der Versöhnungskirche jetzt leiser werden soll."

Der frühere Diakon Klaus Schultz hat einen Antrag an die bayerische Landessynode gestellt, die Stelle des Diakons in vollem Umfang zu erhalten. Die Synode tagt vom 21. bis 25. März.

© SZ vom 02.03.2021
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