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Automobilindustrie:MAN-Beschäftigte in Karlsfeld unter Schock

Protest MAN

Viele Beschäftigte der MAN-Werke in Karlsfeld und Dachau nahmen am Dienstag an einer "Sprechstunde" des Konzernbetriebsrates teil, in der sie über die neue Entwicklung im Unternehmen informiert wurden. Coronabedingt fand die Veranstaltung im Freien statt, mit Schutzmasken und Abstand.

(Foto: oh)

Die Konzernspitze kündigt die vertragliche Beschäftigungsgarantie für die 9000 Mitarbeiter des Werks in Karlsfeld. Damit wäre der Weg für den geplanten Stellenabbau frei - rund 2200 Arbeitnehmer kommen aus dem Landkreis.

Von Christiane Bracht, Karlsfeld/Dachau

Seit zwei Wochen geht unter tausenden Beschäftigten bei MAN in Karlsfeld die Angst um - nach der Ankündigung eines Abbaus von 9500 Stellen dann am Dienstag der Schock: Der Betriebsrat informierte die Mitarbeiter, dass das Unternehmen die Beschäftigungsgarantie zum 30. September kündigen will. Also, freie Fahrt für Kündigungen und die Schließung des Münchener Standorts. Im Landkreis Dachau sind ungefähr 2200 Arbeitnehmer betroffen, verlieren sie alle den Arbeitsplatz, dann würde die Arbeitslosenquote im Landkreis in nie geahnte Höhen schnellen. Im Hauptwerk an der Ortsgrenze von Karlsfeld und einer Logistik-Niederlassung in der Stadt Dachau arbeiten insgesamt 9000 Menschen. Was aus ihnen und dem Standort nun wird, ist noch offen. Der Betriebsrat hat am Mittwochmorgen entschiedenen Widerstand gegen die Kahlschlagpläne angekündigt.

Noch stehen die Mitarbeiter des Standorts München unter dem Schutz einer Beschäftigungssicherung bis Ende 2030. Manch einer wähnte sich deshalb in Sicherheit. "Es sind alles ungelegte Eier" - so schätzte ein 36-Jähriger aus dem Landkreis noch die Situation ein, als der Vorstand des Nutzfahrzeugherstellers MAN vor zwei Wochen bekannt gegeben hatte, dass 9500 Stellen gestrichen sowie drei Werke in Steyr (Österreich), Plauen (Sachsen) und Wittlich (Rheinland-Pfalz) geschlossen werden sollen. Doch nun scheint es ernst zu werden. "Ich habe schon viele Höhen und Tiefen erlebt", sagt eine Dachauer Mitarbeiterin der Süddeutschen Zeitung. Sie ist schon seit fast 20 Jahren bei MAN. "Die Zahl, die dieses Mal im Raum steht, ist besonders hoch. So krass war es noch nie", sagt sie. Und doch: Es gibt auch Zuversicht. "Der Betriebsrat ist stark", sagt sie. Schon seit zwei Wochen brodelt es im Werk. Wut und Empörung werden nun noch wachsen.

Etwa 9000 sind im Münchner Stammwerk gleich hinter der Karlsfelder Ortsgrenze und in Dachau angestellt. Viele von ihnen wohnen im Landkreis - wie viele, will man bei MAN nicht sagen. Vor vier Jahren waren es etwa 2200, so die Auskunft aus dem Landratsamt Dachau. Viele der Beschäftigten haben ihr gesamtes Berufsleben in dem Betrieb verbracht, empfinden sich als Teil des Unternehmens und sind stolz darauf. Einige sind sogar MAN-Beschäftigte in dritter Generation. Alle reden nur hinter vorgehaltener Hand. Die Angst geht um.

Die eigentlichen Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite haben noch nicht begonnen, sagt Unternehmenssprecher Manuel Hiermeyer. Unterdessen stellte Horst Lischka klar: "Den Abbau von 9500 Stellen werden wir nie und nimmer akzeptieren." Auch der Idee des Vorstands, Teile der Produktion zu verlagern, erteilte der Gewerkschafter eine klare Absage. München müsse Produktionsstandort bleiben - und zwar voll funktionsfähig vom Fahrerhaus, über Lackiererei, Montage bis zum Logistiklager in Dachau. Außerdem betonte er, dass die Berufsausbildung erhalten und die Azubis übernommen werden müssten.

Saki Stimoniaris

Konzernbetriebsrat Saki Stimoniaris auf der Protestkundgebung im MAN-Werk in Karlsfeld.

(Foto: oh)

Am Dienstag veranstaltete der Betriebsrat eine sogenannte Sprechstunde im Münchner Werk jenseits der Würm. "Es muss einen anderen Weg geben, als Stellenabbau und Standortschließungen", forderte Konzernbetriebsrat Saki Stimoniaris. "Die Beschäftigungssicherung, die bis 31. Dezember 2030 gilt, wegen der wirtschaftlichen Situation aufzukündigen - das ist unterste Schublade", rief Stimoniaris von der Ladefläche eines Lkws aus ins Mikrofon. "Nur weil es vergangene Vorstände nicht geschafft haben, unsere MAN winterfest zu machen." Man habe in wirtschaftlich guten Jahren verpasst, eine ausreichende Rendite einzufahren, klagte er. Da könne es nicht sein, dass die Beschäftigten dafür büßen sollen.

"Uns ist es wichtig: Betriebsbedingte Kündigungen müssen ausgeschlossen bleiben", forderte Stimoniaris. Vielmehr müsse man konstruktive Lösungswege finden und "eine Umstrukturierung könne nur mit der Belegschaft gelingen". Echte Visionen seien gefragt, nicht die "Rasenmähermethode". Zu der Sprechstunde waren auch die Betriebsratsvorsitzenden aus Nürnberg, Salzgitter, Steyr, Plauen und der Vertriebsgesellschaft Deutschland nach München gereist. Auch der VW-Konzernbetriebsrats-Vorsitzende Bernd Osterloh zeigte sich solidarisch. Das Signal ist klar: "Wir stehen zusammen".

© SZ vom 24.09.2020

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