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Kommunalwahl in Karlsfeld:Drei für Karlsfeld

Amtsinhaber Stefan Kolbe (CSU), Bernhard Goodwin (SPD) und Birgit Piroué könnten unterschiedlicher kaum sein - und doch bilden die drei Bürgermeisterkandidaten gemeinsam die Gesellschaft sehr gut ab. Über eine Wahl, die noch nicht entschieden ist

Drei konkurrieren um den Chefsessel im Karlsfelder Rathaus. Drei, die gegensätzlicher kaum sein könnten und doch die Gesellschaft im Ort gut abbilden. In Abwandlung zu John F. Kennedys berühmten Satz wirbt der Amtsinhaber Stefan Kolbe (CSU) unverhohlen mit: "Ich bin ein Karlsfelder." Seit zwölf Jahren lenkt er die Geschicke der Gemeinde. Er ist tief verwurzelt in der Kommune, dort aufgewachsen, nie weggewesen. Er hat sich vom Hauptamtsleiter zum Bürgermeister hochgearbeitet. "Ich gehe davon aus, dass ich wiedergewählt werde", sagt er selbstbewusst. Mit seiner Bilanz ist der 55-Jährige zufrieden. "Es ist gut weitergegangen in Karlsfeld", sagt er.

Ganz anders der Werdegang seines Herausforderers von der SPD, Bernhard Goodwin. Die Genossen haben ihn eigens für die Wahl nach Karlsfeld geholt. Seit einem Jahr tourt er durch die Gemeinde, klopft fleißig an alle Türen, spricht mit den Leuten, hört ihre Beschwerden und Wünsche an. Er hat den Blick von außen. Er ist der Neue, der Zugezogene, wie etwa 500 andere Menschen auch, die sich im vergangenen Jahr in der größten Gemeinde des Landkreises niedergelassen haben. Als Soziologe weiß er, wie schwierig es ist, als "Fremder" gegen einen Amtsinhaber anzutreten, aber Goodwin will etwas bewegen. Noch ist er Forscher und Wissenschaftler an der Uni München, doch jetzt will er in die Politik. Er will gestalten. Und voller Selbstvertrauen sagt der 41-Jährige: "Ich kann das."

Finanzdesaster

Das größte Bauprojekt in diesem Jahr ist die Grundschule an der Krenmoosstraße. Zehn Millionen Euro sind dafür im diesjährigen Haushalt eingeplant. Insgesamt sind dafür jedoch 34 Millionen Euro veranschlagt - viel Geld für die finanziell ohnehin schon strapazierte Gemeinde Karlsfeld.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Dritte im Bunde ist eine Frau: Birgit Piroué. Auch sie ist eine Zugezogene, aber keine Neue mehr. Seit 25 Jahren wohnt sie bereits mit ihrem Mann und ihren Kindern in Karlsfeld. Die 62-Jährige ist bekannt im Ort, sie engagiert sich viel, ist Vizepräsidentin im Sportverein, war in Bürgerinitiativen aktiv, seit sechs Jahren sitzt sie für das Bündnis für Karlsfeld im Gemeinderat, ist Sportreferentin. "Karlsfeld ist mir ans Herz gewachsen. Es ist jetzt meine Heimat geworden", sagt die gebürtige Münchnerin. Und das empfinden viele Karlsfelder so, die von überall hergekommen sind und sich seit vielen Jahren am Münchner Stadtrand in der etwas ländlicherer Atmosphäre wohlfühlen. Auch wenn das Bündnis bislang im Gemeinderat mit nur fünf Sitzen von 24 - Holger Linde ist erst im Januar von der CSU zum Bündnis gewechselt - eine eher bescheidene Rolle in der Politik gespielt hat, ist Piroué zuversichtlich: "Ich schaff's", sagt sie voller Überzeugung.

Wachstum und Wohnen

Vor sechs Jahren lebten noch keine 19 000 Menschen im Ort, inzwischen sind es etwa 22 000 - zählt man nur die Leute mit Erstwohnsitz in Karlsfeld. Die Gemeinde könnte längst eine Stadt sein, doch um die Umwandlung hat sich bislang niemand bemüht. Verändert hat sich trotzdem viel: Statt Einfamilienhäuser mit Garten werden seit geraumer Zeit vor allem Mehrfamilienhäuser geplant. Investoren sind heiß auf die noch freien Grundstücke, wer eins vermarkten kann, versucht so hoch und so dicht wie möglich zu bauen - am liebsten nur Wohnungen. Das hat das Gesicht von Karlsfeld verändert: das einstige Dorf wird urbaner, wie man vor allem an der Neuen Mitte sieht und den aktuellen Plänen auf dem Ludl-Gelände. Auch der Soziale Wohnungsbau an der Parzivalstraße könnte genau so in München stehen. Westlich der Bahn ist praktisch ein neuer Ortsteil entstanden, der Prinzenpark. Stefan Kolbe (CSU) gibt sich zufrieden, "trotz schwieriger Rahmenbedingungen". Er ist froh, die Projekte zu einem "guten Ende" gebracht zu haben.

Konkurrentin Birgit Piroué (Bündnis) sieht das anders: "Der Gartenstadtcharakter macht Karlsfeld aus", sagt sie. Die Architektur der Neuen Mitte sei dagegen beliebig, der Platz habe keine Aufenthaltsqualität und es fehle Grün. Für die Zukunft spricht sie sich sogar für einen Baustopp von Großprojekten aus. "Es ist finanziell nicht mehr machbar", sagt sie und spricht damit einen wunden Punkt der Gemeinde an: die Finanzen. Einheimischenmodelle, Genossenschaftwohnen und kleine Verdichtungen sollten schon möglich sein. "Wir wollen ja auch für die Jugend etwas schaffen", sagt sie. Vor allem aber sollte gelten: Qualität vor Quantität.

Mitbewerber Bernhard Goodwin (SPD) ist strikt dagegen, dass die Gemeinde weiterhin Grundstücke verkauft - auch nicht an "Eigenheimler". Das seien wichtige Pfründe und die einzige Möglichkeit wie die Kommune gestaltend einwirken könne, um den Markt zu beeinflussen, sagt er. Sie müsse vielmehr Grundstücke erwerben und Wohnungsbau betreiben. Wenn es sich rechne, sollte sie dafür auch einen Kredit aufnehmen, so Goodwin. Nur so könne die Gemeinde günstigen Wohnraum schaffen. Das Wachstum solle "geordnet" vorangetrieben werden, sagt der SPD-Kandidat. Das heiße: nahe Arbeitsplätze, kurze Wege, weniger Verkehrsprobleme und Freiräume, damit die Leute gerne in Karlsfeld wohnen. "Ackerflächen wird es irgendwann nicht mehr geben", prophezeit Goodwin. Außerdem werde Karlsfeld mittelfristig eine Stadt. Die Entwicklung solle zusammen mit den Bürgern erarbeitet werden, etwa als Leitbild 2050.

Finanzen

"Das Thema Finanzen liegt mir am meisten im Magen", sagt Kolbe. 23 Millionen Euro Schulden, die Kinderbetreuung, die jedes Jahr eine größere Belastung darstellt - zuletzt musste die Gemeinde knapp sieben Millionen Euro dafür zahlen. Außerdem wurde eine neue Schule wurde nötig. Kostenpunkt: 40 Millionen Euro. Steigende Personalkosten und Kreisumlage verschlingen ebenfalls einen Großteil der Finanzen. "Ich fühle mich vom Staat allein gelassen", sagt Kolbe und denkt über ein Gewerbegebiet nach. Der Flächennutzungsplan an der Schleißheimer Straße wurde bereits entsprechend geändert. Neues Gewerbe zu akquirieren, ist eines der großen Aufgaben der Zukunft, in diesem Punkt besteht Einigkeit zwischen Amtsinhaber Kolbe und seien Konkurrenten Goodwin und Piroué. "Ich würde es zur Chefsache machen und nicht dem Wirtschaftsförderer überlassen", sagt diese.

Verkehr

Auch in Sachen Verkehr ziehen alle an einem Strang: Eine Busspur auf der Münchener Straße und bessere Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr fordern alle Drei. "Es kann nicht sein, dass die Leute westlich der Bahn zum Einkaufen auf Busse verwiesen werden, die nur im 40-Minuten-Takt verkehren", moniert Goodwin. Zuverlässigkeit sei wichtig.

Auch die Förderung des Radverkehrs ist unumstritten. "Ein erster Schritt sind die Fahrradständer am Bahnhof", sagt Kolbe. "Für jeden Parkplatz, der eingespart wird, muss ein Stellplatz für Lastenräder oder ein Fahrradhäuschen errichtet werden", fordert Piroué. Goodwin macht auch klar: "Ich bin nicht mehr bereit, den Autos so viel Platz zu geben wie jetzt." Um Karlsfeld für Radler und Fußgänger attraktiver zu machen, müsse Platz von der Straße abgezweigt werden, sagt er. Zwar wolle er es den Autofahrern nicht absichtlich schwer machen, aber er wolle es vor anderen Verkehrsteilnehmern angenehmer machen.

Umwelt und Klima

Mit Hackschnitzelkraftwerk und der geplanten Umstellung auf LED-Beleuchtung hat die Gemeinde bereits einiges auf den Weg gebracht. Kolbe erinnert an die Ausweisung des Landschaftsschutzes im Schwarzhölzl und den Zukunftswald. "Das Plastik regt mich furchtbar auf", sagt Kolbe. Er wolle gern mit Infos an die Bürger herantreten, um den Plastikwust zu verringern.

"Sollte ich ins Rathaus einziehen, werde ich den Dienstwagen abschaffen", sagt Goodwin. Er will weiterhin Rad fahren. Außerdem hat er sich vorgenommen, den Fuhrpark der Gemeinde unter die Lupe zu nehmen - speziell was die Betriebsart der Autos anbelangt. "Als Gemeinde muss man Klimaschutz vorleben", sagt er. Goodwin ist überzeugt, dass Karlsfeld 2050 ein Klima wie Mailand haben wird. Darauf will er vorbereitet sein, deshalb soll über Kältekonzepte für die neue Schule nachgedacht werden, sonst würden irgendwann Klimaanlagen nötig. Bei dem hohen Grundwasserspiegel in Karlsfeld wäre aus seiner Sicht zudem ein Kältebrunnen denkbar.

Die Grünen, die heuer ebenfalls auf den Einzug in den Gemeinderat hoffen, haben sogar ein ambitioniertes Klimaziel ausgerufen: Danach soll Karlsfeld bis 2030 klimaneutral sein. "Alle Entscheidungen müssen künftig daraufhin untersucht werden, ob sie Auswirkungen auf die Klimabilanz haben", fordert der Vorsitzende des Ortsverbands und Gemeinderatskandidat Michael Fritsch.

Größere Parteienvielfalt

Vor sechs Jahren durften die Karlsfelder ihre Stimmen auf vier Parteien beziehungsweise Gruppierungen verteilen. Heuer haben sie sechs zur Auswahl. Außerdem wird die Runde um den Ratstisch von Mai an wegen der stark gewachsenen Einwohnerzahl größer: Statt 24 werden dort künftig 30 Kommunalpolitiker Platz nehmen, sowie der Bürgermeister beziehungsweise die Bürgermeisterin.

Neu unter den Bewerbern sind die Grünen, die erst vor zwei Jahren einen Ortsverband in Karlsfeld gegründet haben. 20 Kandidaten sind auf ihrer Liste. "Mehr Frauen als Männer", betont Janine Rössler-Huras, die Spitzenkandidatin. "Unter den Top zehn sind es sogar die Hälfte, bei der CSU dagegen nur zwei." Nach den guten Ergebnis der letzten Wahlen und Umfragen spüren die Grünen erheblichen Rückenwind. "25 Prozent - das wären sieben Gemeinderäte", rechnet Fritsch. Doch in Karlsfeld sind sie bescheiden: "Wir hoffen auf vier oder fünf", schließlich müssen sich die Grünen hier erst etablieren. Das Bürgermeisteramt hat sich keiner der Kandidaten zugetraut, denn keiner hat bislang kommunalpolitische Erfahrung, deshalb haben sie auf einen Kandidaten verzichtet. Ihre Themen sind klar: mehr Grün, mehr Fahrrad, mehr Photovoltaik, weniger von Investoren treiben lassen bei der Immobilienentwicklung. Auch die FDP tritt heuer zum ersten Mal an. Doch Liste der Liberalen ist klein. Gerade mal vier Personen wollen in den Gemeinderat.

Die Freien Wähler treten zum zweiten Mal an. Zehn Kandidaten sind auf der Liste, auf Platz eins Anton Flügel, der bereits im Gemeinderat saß. Ihr Ziel ist es, drei, vielleicht mehr Bewerber ins Gremium zu bekommen. "Wir sind die konservative Mitte", sagt Flügel. Mit der CSU zusammen habe man viel geschafft. Statt eines eigenen Bürgermeisterkandidaten haben die Freien Wähler eine Wahlempfehlung für Stefan Kolbe ausgesprochen.

Die CSU wünscht sich am 15. März erneut die absolute Mehrheit. Bislang haben sie zwölf Sitze, künftig bräuchten sie 15. "Das wird schwierig", sagt Kolbe. Die Sozialdemokraten stellen derzeit sechs Gemeinderäte. "Schön wären acht", sagt Goodwin. Das Bündnis ist da weniger bescheiden: "Zehn wären gut", sagt Piroué.

© SZ vom 04.03.2020

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