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Zugeparkt:Eine Stadt wird überrollt

Die Bürgerversammlung der Stadt Dachau im Corona-Jahr 2020.

(Foto: Toni Heigl)

Angesichts steigender Infektionszahlen trauen sich nur wenige Dachauer auf die Bürgerversammlung. Alle klagen über dasselbe Problem: die Verkehrsbelastung.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Um kurz nach halb acht an diesem bemerkenswerten Donnerstagabend im Saal des Ludwig-Thoma-Hauses lässt Florian Hartmann fünf Buchstaben über die Leinwand flimmern: "Danke!" Der Oberbürgermeister steht am Rednerpult. Er erinnert an den Lockdown im Frühjahr. Viele Bürger hätten sich damals von ihrer besten Seite gezeigt, sagt er. Sie hätten für ihre Nachbarn eingekauft, Medikamente besorgt oder seien mit dem Hund Gassi gegangen. Der SPD-Politiker zitiert Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, den Krisenmanager mit dem kühlen Kopf, der einmal sagte: "In der Krise zeigt sich der Charakter." Hartmann findet, in der Corona-Krise hätten die Dachauer gezeigt, "dass sie Herz haben, hilfsbereit sind und solidarisch. Und das macht mich schon ein bisschen stolz."

Eine Bürgerversammlung wie diese hat es in der Stadt Dachau noch nie gegeben. Nur 28 Besucher sind gekommen, darunter auch ein paar Stadträte. Theoretisch hätten 60 Menschen teilnehmen dürfen. Viele hat vielleicht Corona abgeschreckt, die Infektionszahlen steigen wieder. Normalerweise gibt es fünf Bürgerversammlungen in Dachau, in jedem Stadtteil eine. Um die Infektionsgefahr zu verringern, hat die Stadt heuer aber nur diese eine im Thoma-Haus veranstaltet. "Wir erleben kuriose Zeiten", sagt Hartmann. Man müsse auf Abstandsregeln und ausreichend Belüftung achten, das funktioniere weder in Etzenhausen noch in Pellheim oder im Adolf-Hölzel-Haus. Zwar sind die Dachauer vielleicht, wie Hartmann meint, in der Corona-Krise zusammengerückt, doch an diesem Abend müssen sie Abstand halten. Sie sitzen weit auseinander auf Einzelstühlen, auf dem Weg zu ihren Plätzen müssen sie Masken tragen. Wer etwas sagen will, dem bringt Stadtfotograf Florian Göttler den Mikrofonständer. "Sprechen Sie ins Mikrofon, aber bitte ohne es zu berühren", sagt Hartmann zu Beginn. Nach jedem Wortbeitrag wischt Göttler mit dem Desinfektionstuch über das Mikro. Das ist sie, die sogenannte neue Normalität.

Die Dachauer beschäftigt vor allem ein Nicht-Corona-Thema: der Verkehr

Während die Pandemie die Umstände dieser Bürgerversammlung bestimmt, beschäftigt die meisten Anwesenden allerdings ein Nicht-Corona-Thema: der Verkehr in der Stadt. Dass sich täglich Autos und Lastwägen durch die Dachauer Straßen schieben und es gefühlt immer mehr werden, hinterlässt Spuren bei den Einwohnern. Viele klagen über Lärm, Raser, zugeparkte Wohngebiete oder beobachten, dass sich immer weniger Verkehrsteilnehmer an die Regeln halten. Eine Folge auch des rasanten Bevölkerungswachstums. In den vergangenen zehn Jahren ist die Einwohnerzahl um mehr als 5200 auf fast 48 000 gestiegen. Dagegen sind kaum neue Baugebiete entstanden. 70 bis 80 Prozent des Bevölkerungswachstum gehe auch Nachverdichtung zurück, schätzt Hartmann. Das sei ein Problem, das die Stadt baurechtlich nicht verhindern könne. Schließlich sei Nachverdichtung vom Gesetzgeber gewollt.

"In der Krise zeigt sich der Charakter." OB Florian Hartmann lobt die Solidarität der Dachauer in der Corona-Pandemie.

(Foto: Toni Heigl)

Letztlich bedeuten mehr Menschen mehr Verkehr. Und der frisst den ohnehin knapp gewordenen Raum. Seit ein paar Monaten gilt der Bereich rund um das Klinikum als Anwohnerparkzone. Anwohner können sich für 30 Euro einen Parkausweis bei der Stadt holen, dieser ist ein Jahr lang gültig. Alle anderen müssen ein Parkticket am Automaten lösen. Die Stadt wollte mit der Anwohnerparkzone eigentlich das Parkchaos rund um das Krankenhaus in den Griff bekommen. Doch dieses hat sich nun auf die umliegenden Straßen verlagert. Anwohnerin Ilse Sander berichtet von den Zuständen in der Prälat-Wolker-Straße, wo das Anwohnerparken nicht mehr gilt. "Wir sind völlig zugeparkt", sagt sie. Viele Klinikangestellte würden dort ihr Auto abstellen und wollten sich die Gebühren sparen. Hartmann kennt das Problem. Bevor die Stadt die Anwohnerparkzone ausgewiesen habe, sagt er, habe er mit dem Klinikgeschäftsführer telefoniert. Dieser habe ihm versichert, die Angestellten würden alle im Parkhaus parken. "Das Gegenteil ist eingetroffen." Nun wolle sich die Stadt eine Lösung überlegen und eventuell die Anwohnerparkzone erweitern.

"Alle regen sich über den Verkehr in Dachau auf"

Mehrere Bürger weisen auf Raser hin. Genannt werden die Burgfriedenstraße, die Josef-Effner-Straße und der Franz-Xaver-Böck-Weg. Ein Anwohner des Adolf-Hällmayr-Weges bittet die Stadt, "das anzupacken, bevor ein Kind unter das Auto kommt". Auch ein Anwohner der Burgfriedenstraße sorgt sich um die Kinder der Klosterschule. Schließlich würden die Autos morgens nur so durch die Burgfriedestraße durchrauschen. Stefan Januschkowetz vom Ordnungsamt merkt an, dass die Kommunale Verkehrsüberwachung regelmäßig diese Straße kontrolliere. Ein Großteil der Autofahrer in der Burgfriedenstraße etwa würden sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten.

Ute Schütt koordiniert in Augustenfeld die Schulweghelfer. "Alle regen sich über den Verkehr in der Stadt auf", sagt sie. Doch leider seien immer weniger Menschen bereit, den Schulweg zu sichern. In der Bürgerversammlung ruft sie dazu, sich dafür ehrenamtlich zu engagieren. Wer Interesse hat, soll sich an das Ordnungsamt wenden. Hartmann sagt: "Wir können überall im Stadtgebiet Schulweghelfer gebrauchen."

Ein ganz anderes Thema beschäftigt einen Anwohner der Pollnstraße. Er berichtet, dass ein dortiges Arbeiterwohnheim ihn und viele Anwohner um den Schlaf bringe. Hartmann sagt, der Stadt sei das Problem bekannt. Leider sei die Stadt bei solchen Arbeiterwohnheimen baurechtlich "ziemlich machtlos". Aber die Stadt wolle sich das ganze noch einmal anschauen.

© SZ vom 26.09.2020

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