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Pokalschlager in Dachau:Friedliches Familienfest

Seite an Seite drücken die fast 2500 Fußballfans des TSV 1860 München und des TSV Dachau 1865 ihren Teams die Daumen. Am Ende des Toto-Pokal-Schlagers jubeln die Löwen. Die 65er sind stolz, aber auch ein bisschen traurig

Blau, soweit das Auge reicht: Einerseits präsentiert sich das spätsommerliche Wetter am Dienstag von seiner besten Seite, andererseits sind es vor allem die blauen Löwentrikots, die beim Toto-Pokal-Achtelfinalspiel des TSV Dachau 1865 gegen den TSV 1860 München am Spielfeldrand und auf der Zuschauertribüne dominieren. Die Fans der Löwen fallen wie ein Rudel ebensolcher in Dachau ein - und zeigen dabei doch ihre zahme Seite.

Die Stimmung im Dachauer Jahnstadion ist beinahe unaufgeregt, für die Zuschauer fühlt sich das Spiel mehr nach Familienfest denn knallhartem Duell an. Die ursprüngliche Idee der getrennten Eingänge für Dachauer und Münchner Anhänger wird schnell verworfen, hält man in der Masse der weiß-blauen Trikots der Fans des Münchner Drittligisten doch beinahe vergeblich Ausschau nach dem roten Dress der Dachauer. Die wenigen, die sich mittels solchem als Unterstützer des Gastgebers zu erkennen geben, stehen friedlich Seite an Seite mit den Anhängern der Löwen oder schwenken gar deren Fahne. Ebenso applaudieren diejenigen in blau-weißen Fantrikots kräftig, wenn die Dachauer Spieler zeigen, was sie können.

"Es waren viele Leute da, bei denen gestern wohl zwei Herzen in einer Brust schlugen", glaubt Wolfgang Moll, 1. Vorsitzender des TSV 1865 Dachau. "Die waren dann im Spagat und wussten nicht so recht, ob sie nun zum kleinen David oder doch zum mächtigen Goliath halten sollen." Denn da die Dachauer zwei Ligen unter den Münchner Löwen spielen, ist es im Normalfall kein Problem, Fan beider Vereine zu sein.

Dieser Meinung sind auch Katja, Vicky und Rosi, die sich am Stand des TSV 1865 bemühen, die roten Fantrikots des Bayernligisten zu verkaufen: "Wir sind für beide Teams, egal, wer gewinnt, es ist ein toller Abend!" Auch der Dachauer Stadionsprecher Faxe sieht das ganz ähnlich: "Natürlich hoffe ich, dass wir lange genug mithalten können und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber alles andere als eine Niederlage wäre eine Sensation und Überraschung." Das Spiel sei ein super Event und die Stimmung - ganz egal wie das Match ausgehe - bleibe bei ihm ungetrübt.

Höhere Erwartungen an den Spielverlauf und ihre Mannschaft haben hingegen die Löwenfans. Sie hoffen auf einen klaren Sieg und ein schnelles Durchsetzen der Favoriten - mit den torlosen 90 Minuten, in denen die Außenseiter aus Dachau alles geben, und dem anschließenden Elfmeterschießen hat wohl niemand gerechnet. "Es wäre schon möglich gewesen, dass die Stimmung bei einem sportlichen Erfolg unsererseits gekippt wäre - das ist aber zum Glück nicht passiert", resümiert Moll den Abend. Die Löwenfans hätten anerkannt, dass die Dachauer durchaus mithalten konnten, überzogene Reaktionen seien ausgeblieben. Trotzdem sei man für den Ernstfall vorbereitet gewesen, so Moll.

Zu übersehen ist das am Dienstagnachmittag tatsächlich nicht: Vor dem Stadion parken zehn Fahrzeuge der Polizei sowie ein Rettungs- und Löschwagen. An den Eingängen werden die Taschen der Besucher kontrolliert und diese selbst auf auffällige Gegenstände abgetastet. Wer sich nicht auf eine wenig erfolgversprechende Parkplatzsuche begibt, sondern vom Dachauer Bahnhof in die Jahnstraße spaziert, wird dabei von etlichen Polizisten in die richtige Richtung gelotst.

Am Bahnhof gar passen 16 Einsatzkräfte aus unterschiedlichen Kommandos auf, dass niemand aneinandergerät. Denn wenn S-Bahn um S-Bahn aus München ihre Türen in Dachau öffnen und die Menschen, zuvor dicht gedrängt und an die Scheiben gedrückt, wie eine Flutwelle auf den Bahnsteig schwappen, kann es schon einmal eng werden. Stimmengewirr hallt dann von den Wänden in der Unterführung, freudig begrüßen sich alte Bekannte, nachdem die suchenden Blicke zueinander gefunden haben. Selbst Krücken und gebrochene Beine stellen für den einen oder anderen eingefleischten Löwenfan kein Hindernis dar, die Aufnäher auf den abgetragenen Jeanswesten zeigen, dass ein Spiel zu verpassen keine Alternative ist.

Die Polizisten sind trotz der knapp 2500 Zuschauer, die das Spiel live mitverfolgen, entspannt: "Wir gehen nicht davon aus, dass es zu Zwischenfällen kommt, da das Spiel nicht so wichtig ist. An Engstellen wie der Unterführung sind aber zumindest verbale Zusammenstöße möglich, deshalb zeigen wir Präsenz", erklärt einer der verantwortlichen Beamten.

Für ein bisschen Frust unter den Zuschauern sorgt letztlich nur eines: die lange Schlange vor den Bier- und Verköstigungsständen. Organisator Moll ist dennoch höchstzufrieden: "Ich bin stolz, dass alles reibungslos geklappt. Wir waren gut vorbereitet und ein tolles Team." Das sei besonders in der Ferienzeit nicht selbstverständlich, wenn man als Amateurverein auf die Hilfe Ehrenamtlicher angewiesen sei. Und was meinen die Löwenfans, die normalerweise größere Stadien gewöhnt sind? "Wie früher eben, wir waren ja auch nicht immer ganz oben."