bedeckt München 22°

75. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau:Gedenken aus der Distanz

Das Gelände der Gedenkstätte bleibt in diesem Jahr weitgehend leer. Kränze kann man von den Mitarbeiten niederlegen lassen.

(Foto: Toni Heigl)

Zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau, wurden eigentlich 2000 Besucher erwartet, darunter etwa 90 Überlebende. Doch in diesem Jahr müssen die Feierlichkeiten ohne direkte persönliche Begegnungen stattfinden.

75 Jahre ist es her, dass US-Truppen am 29. April 1945 das Konzentrationslager Dachau stürmten und 32 000 Häftlinge befreiten. Mehr als 200 000 Menschen waren hier von 1933 bis 1945 eingesperrt, 41 500 von ihnen wurden ermordet, verhungerten oder starben an Krankheiten. Normalerweise wären am 3. Mai zur Befreiungsfeier gut 2000 Besucher in die Dachauer KZ-Gedenkstätte gekommen, darunter etwa 90 Überlebende des Lagers. Jeweils zu "runden" Jahrestagen werden in der KZ-Gedenkstätte besonders große Veranstaltungen organisiert. So sprach dort vor fünf Jahren mit Angela Merkel (CDU) erstmals eine Bundeskanzlerin als Hauptrednerin, 2010 der damalige Bundespräsident Horst Köhler.

Doch ist in Corona-Zeiten kaum Normalität zu erwarten. In der zweiten Märzwoche bestätigten sich die Befürchtungen: Wegen des Risikos von Corona-Infektionen wurden die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau offiziell abgesagt. Zur Begründung sagt Karl Freller (CSU), Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Vizepräsident des Landtags, "die Sicherheit und Gesundheit insbesondere der hochbetagten ehemaligen Häftlinge und Befreier und ihrer Angehörigen" müsse an erster Stelle stehen. Und auch die Dachauer Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann erklärt: "Diese Entscheidung zu treffen, ist uns enorm schwergefallen. Aber die Sicherheit und Gesundheit unserer Gäste steht an erster Stelle. Auch wollen wir keinesfalls einer schnelleren Ausbreitung des Coronavirus Vorschub leisten."

Gedenkreden und Gottesdienste im Internet

Als Ersatz der ursprünglich vorbereiteten Feierlichkeiten wird man Gedenkreden, Gottesdienste und ein geplantes Konzert nun im Internet erleben können. Denn eines war für Gedenkstätten-Stiftungsdirektor Freller schnell klar: "Trotz der herrschenden Corona-Krise und der Absagen der örtlichen Befreiungsfeiern in Dachau und Flossenbürg legt die Stiftung Bayerische Gedenkstätten größten Wert darauf, an das ungeheure Leid der Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern." Und weiter betont er in einer Pressemitteilung: "Die Warnung aus dem Gestern dient dem Frieden von morgen."

Nach mehr als vier Wochen, in denen das gesellschaftliche Leben stark eingeschränkt ist, hat man sich ja längst daran gewöhnt, dass vieles nur digital stattfindet - Konzerte ebenso wie Theateraufführungen oder Begegnungen mit Freunden und Verwandten. Schon vor der Gedenkfeier in Dachau waren andere KZ-Gedenkstätten in Deutschland in ähnlicher Lage. So mussten etwa Buchenwald und Mittelbau-Dora, Bergen-Belsen und Sachsenhausen ihre Veranstaltungen zum 75. Jahrestag der Befreiung ausfallen lassen und die wesentlichen Reden lediglich online übertragen. Laut Mitteilung der Gedenkstätten-Stiftung in Flossenbürg wird vom heutigen Donnerstag, 23. April, an, dem Jahrestag der dortigen Befreiung gedacht, indem eine separate Webseite freigeschaltet wird. Auf dieser sind Text-, Audio- und Videobotschaften vorrangig von Überlebenden und Angehörigen eingestellt.

KZ-Gedenkstätte Dachau gestaltet neue Internetseite

Am 3. Mai wird auch die KZ-Gedenkstätte Dachau auf der bis dahin neu gestalteten Internetseite (www.kz-gedenkstaette-dachau.de/aktuelles/liberation) auf Video aufgezeichnete Grußworte übertragen, unter anderem von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sowie CID-Präsident Jean-Michel Thomas. Darüberhinaus werden schriftliche Grußbotschaften von etwa 30 Überlebenden und Befreiern veröffentlicht, wie es in einer Pressemitteilung weiter heißt. Zu den bewegenden Momenten der Dachauer Gedenkfeier gehört normalerweise jeweils die Niederlegung Dutzender Kränze durch ausländische Botschaften, Bundes- und Staatsregierung, Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Gruppierungen, auf die in diesem Jahr wegen Covid-19 ebenfalls verzichtet werden muss. Doch die Projektkoordinatorin für die Befreiungsfeier, Martina Venter, hat auch dafür eine Lösung gefunden. Es könnten Kränze bei einem Dachauer Blumengeschäft bestellt werden, teilte sie den Gruppierungen in einem Schreiben mit. Mitarbeiter des Geschäfts würden die Kränze dann ohne jegliche Zeremonie und ohne Teilnehmer am Internationalen Mahnmal unter Einhaltung der gebotenen Schutzmaßnahmen anliefern und platzieren. "Wir werden die Kränze fotografieren und die Fotos in ein ,Virtuelles Gedenken' integrieren, das wir gerade für unsere Homepage gestalten", teilte Venter mit.

Neben der Stiftung Bayerische Gedenkstätten werden auch die Kirchen mit ihrer Gedenkfeier ins Internet ausweichen. Unter dem Motto "We shall overcome" zeichnet die evangelische Versöhnungskirche auf Bitten von Familien überlebender Häftlinge und amerikanischer Soldaten, die am 29. April 1945 Dachau befreit haben, einen kurzen ökumenischen Gottesdienst auf. Daran ist auch die katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte beteiligt. Die Vorgaben zur Corona-Infektionsprophylaxe werden natürlich eingehalten, wie Kirchenrat Björn Mensing mitteilt. Mensing selbst sowie Pastoralreferent Ludwig Schmidinger, die Beauftragten der evangelischen und der katholischen Kirche für Gedenkstättenarbeit, sowie Diakon Klaus Schultz von der Versöhnungskirche werden auf Englisch und Deutsch Erinnerungen von Häftlingen an ihre Befreiung vortragen: Sie stammen sowohl von Karl Adolf Groß als auch von Joseph Rovan.

Groß hatte im Sommer 1939 eine halbe Million Kunstkarten mit Worten des im KZ Sachsenhausen eingesperrten Pfarrers Martin Niemöller gedruckt und verbreitet. Er wurde deswegen im August 1939 verhaftet und kam selbst nach Sachsenhausen und von dort im September 1940 nach Dachau, wie auch im Sommer 1941 Niemöller. Joseph Rovan war 1944 wegen seiner Mitarbeit in der Résistance aus Frankreich nach Dachau verschleppt worden war. Er wurde im Alter von 26 Jahren befreit.

Zudem wird die aus Dachau stammende Sophie Aeckerle, 25, die an der Hochschule für Musik in Karlsruhe studiert, in der Andacht das "Dachaulied" von Jura Soyfer und Herbert Zipper vortragen. Die beiden linksorientierten NS-Gegner kamen aus jüdischen Familien und wurden 1938 aus Wien nach Dachau verbracht. Während Soyfer 1939 im KZ Buchenwald starb, kam Ziffer frei und konnte aus Europa flüchten. Zum Gedenken an Jura Soyfer und die anderen KZ-Opfer werden Kerzen entzündet, wie Mensing weiter mitteilt. Veröffentlicht wird das Video unter www.sonntagsblatt.de von Mittwoch, 29. April, 17 Uhr, an. Genau zu der Zeit, zu der vor 75 Jahren die Häftlinge befreit wurden.

Auch ein von der Stadt Dachau geplantes Gedenkkonzert mit dem Jewish Chamber Orchestra Munich am 29. April wird nicht wie geplant in der Kirche Heilig Kreuz stattfinden, sondern im Internet zu verfolgen sein. Der Stadt und dem Orchester ist es wichtig, trotz Corona am Mittwoch, 29. April, um 20 Uhr einen Stream in kleiner Besetzung über die Webseiten der Stadt Dachau (www.dachau.de) und der Münchner Kammerspiele (www.muenchner-kammerspiele.de) zu bieten. Die Musiker und Musikerinnen sowie der Schauspieler Stefan Merki von den Kammerspielen als Sprecher werden dabei das Melodram "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" des jüdischen Komponisten Viktor Ullmann (1898-1944) aufführen. Das Melodram ist die letzte Komposition, die Viktor Ullmann vor seiner Deportation nach Auschwitz fertig stellen konnte, wo er am 18. Oktober 1944 ermordet wurde.

Die Internet-Adressen der Gedenkveranstaltungen: www.kz-gedenkstaette-dachau.de/aktuelles/liberation, www.sonntagsblatt.de, www.dachau.de, www.muenchner-kammerspiele.de

© SZ vom 23.04.2020
Stanislav ZámeÄ�ník, Plakat, Plakataktion Für eine Zeit Dachauer

Dachauer KZ-Überlebender Stanislav Zámečník
:"Die Erinnerung war seine Lebensaufgabe"

Das Gesicht von Stanislav Zámečník wird bis Ende Mai auf Plakaten im Stadtgebiet zu sehen sein. Wie viele andere war er als KZ-Häftling ein Dachauer auf Zeit.

Von Thomas Radlmaier

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite