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Dachau:"Wer damit nicht klar kommt, soll's halt nicht anhören"

Sie wollen "gesellschaftskritische und politische Themen auch provokativ" thematisieren: die Mitglieder der Punkband "Sabot Noir".

(Foto: Toni Heigl)

Die Stadt bezuschusst ein Punkkonzert mit der Band "Sabot Noir". Daran stören sich CSU und AfD und werfen der Gruppe vor, sich mit Liedern wie "Fuck Cops" gegen den Rechtsstaat zu stellen. Die Musiker verteidigen sich.

Von Thomas Balbierer, Dachau

Gerade hatte der Dachauer Kulturausschuss noch einstimmig einen 750-Euro-Zuschuss für die Krippenausstellung der Ampertaler Krippenfreunde abgenickt - eine schöne "christliche Tradition", wie Katja Graßl (CSU) anmerkte -, da lagen die Stadträte am vergangenen Mittwoch plötzlich schon im Clinch über die Förderung eines Punkkonzerts der Landkreisband Sabot Noir. Deren Musik richte sich mit Liedern wie Fuck Cops "gegen den Rechtsstaat" und sei "linksextrem", kritisierte Graßl. Deshalb werde die CSU-Fraktion die Bitte um 750 Euro für ein Geisterkonzert im Dachauer Freiraum nicht unterstützen. Auch AfD-Mann Jürgen Henritzi lehnte den Antrag ab und rückte die Gruppe in die Nähe von Verfassungsfeinden, was Richard Seidl (Grüne) zu der nicht ganz unironischen Anmerkung bewog, dass sich der Verfassungsschutz seit Jahren intensiv mit Rechtsextremismus in der AfD beschäftige und dennoch Mitglieder der Partei im Stadtrat säßen. Über Kunst lässt sich herrlich streiten, das veranschaulichten die Mitglieder des Kulturausschusses beispielhaft.

Während sich CSU und AfD über staatskritische Liedzeilen der Punkband empörten, sahen die Politiker von SPD, Grünen und Bündnis die Texte der Punkband als von der Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt an. Die Musik sei "systemkritisch", aber nicht als Extremismus zu verstehen, sagte Richard Seidl. Ein Aufruf zur Gewalt sei in den Texten nicht zu erkennen. "Das ist Ausdruck von Dachauer Jugendkultur", nahm er die Punkband in Schutz. Auch Sören Schneider (SPD) wies den Vorwurf zurück, die Musik sei undemokratisch, und gab zu verstehen, dass man Kulturveranstaltungen nicht nach politischem Gusto fördern sollte.

"Das sind nette Jungs"

Kulturamtsleiter Tobias Schneider sagte, er habe die Gruppe schon live erlebt. "Das sind nette Jungs." Mit acht zu sieben Stimmen setzten sich am Ende die Befürworter des Konzerts knapp durch. Doch die Diskussion um Sabot Noir zeigt, dass um die Frage "Was darf Kunst?" immer wieder neu gerungen wird.

Auf SZ-Anfrage verteidigen die Mitglieder von Sabot Noir ihr Werk gegen den Linksextremismus-Vorwurf von CSU und AfD und halten den Parteien im Gegenzug vor, dass es ihnen "nicht um die politische Auseinandersetzung mit unserer Musik" gegangen sei, sondern um eine Diskreditierung unbequemer Kunst. In dem im Ausschuss angesprochenen Song "Fuck Cops" "problematisieren wir Polizeigewalt und strukturellen Rassismus", so der 28-jährige Musiker Nicolas M., der aus Sorge vor Anfeindungen von Rechts darum bittet, seinen Nachnamen nicht in der Zeitung zu nennen. "Den Vorwurf, unsere Musik sei undemokratisch, haben wir noch nie gehört." Sabot Noir stehe für eine antifaschistische Grundhaltung und für Freiheit.

Die "bürgerliche Mitte" sehen die Punkmusiker nicht als "moralischen Maßstab"

Den Begriff "linksextrem" lehne die Band grundsätzlich ab, suggeriere er doch, "es gäbe eine gute bürgerliche Mitte, die immer recht hat, während alle anderen politischen Spektren als extremistisch gelten". Die "bürgerliche Mitte" sehen die Punkmusiker nicht als "moralischen Maßstab". Punk ist schrill, Punk ist laut, Punk provoziert - und das nicht erst seit gestern. Die anstößige, ja abfällige Kritik an Traditionen und Strukturen - oft mit kreischender Wut ins Mikrofon gebrüllt - macht das Wesen des Genres aus. So produziert Punk Empörung und manchmal auch Skandale, legendäres Kulturgut sind zum Beispiel längst die pöbelnden Auftritte der britischen Ur-Punkband Sex Pistols, die das britische Königshaus in den 70ern als "faschistisches Regime" verhöhnten.

Für hitzige Debatten sorgte auch die Nennung der norddeutschen Punkband Feine Sahne Fischfilet im Verfassungsschutzbericht sowie der Vorwurf, die Musik fördere die Gewaltbereitschaft der Hörer. Davon ist Sabot Noir weit entfernt. Wer sich die Texte der Band ansieht, dem begegnen zwar eine Menge morbider Fantasien und Anarchiegelüste, aber nichts, was die Grenzen der Kunstfreiheit sprengen würde. Inhaltlich positioniere sich Sabot Noir "gegen jede Form von Diskriminierung und Herrschaft" und singt "gegen Umweltzerstörung, Autorität, und Leistungszwang", so steht es auf der Bandwebsite.

Ihren Stil bezeichnen die drei Bandmitglieder, die aus Dachau und Petershausen kommen, als Hardcore-Punk. Sie wollen "gesellschaftskritische und politische Themen auch provokativ" thematisieren, sagen sie und verwendeten als Stilmittel eben auch eine wütende Sprache. "Wer damit nicht klar kommt, soll's halt nicht anhören", so der Rat der Musiker. Alle anderen können sich im August das Freiraum-Geisterkonzert der Band online ansehen. Am 31. Juli soll das von der Stadt geförderte Konzert zum neuen Album "Kollaps" gedreht und dann als Video ins Netz gestellt werden.

© SZ vom 22.07.2020
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