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Fasching:Der Party-Landkreis und seine Narren

Tausende Menschen feiern Fasching. Die Umzüge in Indersdorf, Petershausen und Vierkirchen thematisieren vereinzelt die Kommunalwahl.

"A langs Fuhrwerk" warnt ein Holzschild, das vorne am Wagen aus Niederroth festgenagelt wurde. Vielleicht steht es für den gesamten Faschingsumzug in Vierkirchen, der dieses Jahr aus insgesamt 40 Wägen besteht. Es ist eine lange Kolonne an bunten Motivwägen. Da sind aufwendig gebaute Après-Skihütten auf Rädern, die von Skifahrern mit Helmen bewohnt sind, oder ein "Hogwarts-Express" mit unzähligen Zauberschülern und mehreren Harry Pottern. Bei strahlendem Sonnenschein ziehen sie am Samstag durch die Straßen Vierkirchens, die einen mit politischen Botschaften, die anderen vollkommen unpolitisch. Es wird gegen die Kassenbonpflicht geschimpft, "Ein Skandal für Rosi", heißt es auf einem der Wägen. Auch an die Natur wird gedacht, eine Gruppe an Förstern appelliert: "Das Wild braucht seine Ruhe!" Die Faschingscrew Winden thematisiert die "Flächenversiedlung" in Bayern: "Lieber Verbraucher, soll mein Kind den Hof weiterführen?"

Lokalpolitische Stellungnahmen findet man im diesjährigen Faschingstrubel in Vierkirchen nur vereinzelt. Die Altburschen schieben eine Werbung mit einem lebensgroßen Harald Dirlenbach durch die Straßen, während es auf einem anderen Wagen in Bezug zur bevorstehenden Kommunalwahl heißt: "Neue Räte braucht das Land, die Alten gehen in Ruhestand." Der gesellschaftlich aktuellste Spruch befindet sich an einem Wagen, auf dem eine Gruppe an Ärzten wild tanzt: "A beer a day keeps Corona away", wird hier eine Anspielung auf den Coronavirus gemacht. Viele Fahrgäste scheinen das ernst zu nehmen.

Die am Straßenrand wartenden Kinder interessieren sich weder für die Bierpfützen am Boden noch für die politischen Botschaften. Die kleinen Marienkäfer, Astronauten und Teufel halten mit großen Augen und offenen Mündern ihre Beutel auf und versuchen, die durch die Luft fliegenden Bonbons zu fangen.

Etwas abseits vom Trubel steht eine Reihe von Polizisten, Sanitätern und Feuerwehrlern mit verschränkten Armen - einsatzbereit. Dieses Jahr haben sie nicht nur ein mobiles Zelt für die Versorgung zur Verfügung, sondern zwei. "Wir haben dies heuer optimiert", so Benjamin Sanchez, Veranstaltungseinsatzleiter. Doch zum Glück mussten die 34 Rettungskräfte bis jetzt noch nicht eingreifen. "Wenn die Leute fröhlich sind und nicht so viel trinken, ist alles gut", sagt Sanchez und betrachtet die Menschenmassen vor sich. Seine Kollegin, eine junge Sanitäterin des Roten Kreuzes, erzählt vom "alltäglichen Faschingswahnsinn", also ausgeschlagenen Zähnen, Schnittwunden durch Glasscherben, betrunkenen Jugendlichen. Sanchez arbeitet seit zehn Jahren auf dem Faschingsumzug: "Die meisten von uns sind alte Hasen." Etwas anderes käme für ihn nicht in Frage: "Ich bleibe lieber auf dieser Seite des Umzuges. Diese Faschingsfeierei war noch nie meins." Das scheint die Mehrheit an diesem Tag anders zu sehen. Die Musikboxen, die an keinem der Wägen fehlen, könnten die Olympiahalle in München problemlos beschallen, Krankenschwestern, Piraten und Jäger tanzen begeistert zwischen den Traktoren.

Der Kreativität scheint keine Grenzen gesetzt zu sein, nicht nur bei den Kostümen der Zuschauer und der Gestaltung der Wägen. Auch wenn es um den Alkoholkonsum geht, lassen sich verschiedenste Lösungen für eine dauerhafte Bierversorgung erkennen: Vom befestigten Zapfhahn hinten am Faschingswagen bis hin zur mit Bier gefüllten Pfandflasche, die um den Hals gehängt wird. Besonders einfallsreich zeigen sich die Kammerberger Hexen, ulkige Gestalten mit gruseligen Masken und langen Haaren. Sie schieben einen Rollator vor sich her, auf dem ein Kanister mit Bier befestigt ist.

In Dachau, wo auf dem Rathausplatz etwa 4000 Narren feiern, geht es währenddessen ähnlich wild und bunt zu. Nur die Kinder und die Bonbons fehlen bei der Party, die dröhnende Musik, die mit Bier gefüllten Plastikflaschen und die ausgelassene Stimmung ähneln der Atmosphäre aus Vierkirchen. Auf dem Balkon des Rathauses hält Radiomoderator Mike Thiel von Gong 96.3 das Publikum bei Laune, als Clown und Filmfigur Joker verkleidet. Immer wieder greift der DJ in seinen mit CDs gefüllten Koffer, unter ihm tobt die Masse, die zusammen mit den Gardemädchen "Macarena" tanzt.

Einen Tag später, am Sonntagmittag, hält der Fasching in Markt Indersdorf Einzug. Die traditionellen rot-gold-blauen Girlanden in den Farben der Marktwappens schmücken die Straßen und wehen über den Köpfen der feiernden Masse im Wind. Anders als noch am Tag zuvor ist der Himmel grau und es ist kalt. Doch die Feierwütigen lassen sich davon nicht abhalten und sind größtenteils gewappnet: Viele tragen flauschige Einteiler und sind etwa als Glücksbärchis, Einhörner, Giraffen, Füchse oder Kermit der Frosch verkleidet. Die Kälte kann ihnen so nichts anhaben, der Alkohol tut sein übriges.

Neben den vielen (Fantasie-)Tieren laufen vor allem Märchen- und Disneyfiguren durch Indersdorf. Zudem gibt es gleich drei Wägen mit dem Motto "Wilder Westen", drei die den Après-Ski beziehungsweise die Hüttngaudi zelebrieren und mit dem "Sulzemooser Zuchtverein" und der "JVA Haimhausen" auch zwei, deren Fahrgäste sich als Gefängnisinsassen verkleidet haben. Um einiges kreativer ist da eine Gruppe junger Männer, die sich mit drei Spinningrädern und einem Ehrenpodest entlang des Zuges positioniert hat und ordentlich in die Pedale tritt. Die Strecke der Tour de France verläuft wohl neuerdings auch durch die Marktgemeinde.

Nach politischen Statements oder Forderungen sucht man die rund 40 Wägen und knapp 20 Laufgruppen, die sich vom Kloster über den Marienplatz zum Marktplatz schlängeln, nahezu vergeblich ab. Ein als Bierflaschen verkleidete Gruppe fordert "Freibier for Future", auf dem Plakat zu sehen ist ein Mädchen mit zwei Zöpfen, allem Anschein nach Greta Thunberg. Auf dem dazugehörigen Wägelchen steht dann auch: "Nur weil's Great hoaßd, muaß mas ned Hänseln." Eine andere Gruppierung, allesamt in weißem Kittel auf denen "Zukunftslabor" steht, verspricht: "Wir forschen wie verrückt, dass uns unsere neue Erde glückt", denn auf dem "Mond gibt's leider kein Bier".

Gänzlich politisch unkorrekt ist dagegen eine Gruppe junger Männer in hautengen schwarzen Anzügen, darauf die Jamaikafahne. Ein paar haben ihr Gesicht schwarz angemalt und tragen Rastaperrücken. Davon, dass sogenanntes "Blackfacing" neuerdings nicht mehr so gut ankommt, hat man in Indersdorf offenbar noch nichts vernommen.

Zeitgleich in Petershausen: Familiär, originell und immer auch ein wenig politisch - das schätzen Besucher am dortigen Faschingszug. Alle, die sich trotz des stürmischen Winds aufgemacht haben, werden nicht enttäuscht. 24 Wägen und Fußgruppen schlängeln sich durchs Dorf, unterhalten die Zuschauer mit fantasievollen Kostümen, hintersinnigen Sprüchen und witzige Ideen. Riesige Säcke mit Plastikmüll transportiert die Agenda-21-Gruppe auf einem Lastenfahrrad unter dem Motto: "Plastikmüll - ein Riesengeschäft", während Leute vom Fair-Kaufladen im Bananenkostüm ebensolche Früchte verteilen.

Für die vor wenigen Tagen gestohlenen Ortsschilder haben einige rasch Ersatz aus dem Drucker hergestellt. Drei Wochen vor der Kommunalwahl spielt die Politik beim Petershausener Faschingszug auch eine Rolle - mit Anspielungen und Sprüchen auf einer ganzen Reihe von Wägen. Zwei Bürgermeisterkandidaten sind mit eigenen Wagen und Parteifreunden dabei: Unter dem Motto "Fox for Future" winkt Günter Fuchs (CSU) von einem kleinen Transporter, während Amtsinhaber Marcel Fath (FW) mit einem Handwagen unterwegs ist, um getreu seinem Wahlmotto "Beste Karten für Petershausen" Spielkarten an die Zuschauer zu verteilen.

Die haben nach dem Umzug noch lang nicht genug und eilen zur Faschingsparty in die Mehrzweckhalle. Und in Markt Indersdorf geht es im Anschluss an den Umzug mit dem legendären Narrentreiben weiter.

© SZ vom 24.02.2020
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