Fernwärme:Gemeinsam in den Boden bohren

Fernwärme: In Geretsried im Süden Münchens entsteht gerade ein besonderes Geothermiekraftwerk: Statt heißes Tiefenwasser nach oben zu fördern und ihm Wärme zu entziehen, soll eine Flüssigkeit bis auf 4500 Meter hinunter gepumpt werden, wo sie sich erwärmt und wieder aufsteigt.

In Geretsried im Süden Münchens entsteht gerade ein besonderes Geothermiekraftwerk: Statt heißes Tiefenwasser nach oben zu fördern und ihm Wärme zu entziehen, soll eine Flüssigkeit bis auf 4500 Meter hinunter gepumpt werden, wo sie sich erwärmt und wieder aufsteigt.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Stadtwerke haben die Nutzung von Geothermie in "Dachau Nord" beantragt. Die Gemeinden Hebertshausen und Haimhausen würden gerne mitmachen.

Von Alexandra Vettori, Dachau

Der Wettlauf um Geothermie-Claims ist im Landkreis Dachau weitgehend gelaufen, für alle geeigneten Areale hat Bayerns Wirtschaftsministerium schon Rechte vergeben, beziehungsweise laufen Verfahren. Überall da, wo mehrere Interessenten um die Nutzung des heißen Tiefenwassers konkurrieren, könnten sich aber noch Kooperationen ergeben.

Der Claim auf nordöstlicher Dachauer Flur und auf Hebertshausener und Haimhausener Gebiet könnte so ein Fall sein. Dort haben die Stadtwerke Dachau die Aufsuchungserlaubnis schon beantragt. Doch auch die Nachbargemeinden Hebertshausen und Haimhausen interessieren sich für die quasi schadstofffreie Heizform Geothermie und würden sich gerne an einem Geothermieprojekt beteiligen.

Immerhin gibt es in beiden Orten schon seit den Zeiten, als man noch nach Öl gesucht hat, zwei Bohrlöcher. "Unser Ziel ist, dass die Stadtwerke Dachau uns als gleichberechtigten Partner sehen und nicht als einen Kunden", sagt Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl (CSU). Dafür werde man sich auch an den Kosten beteiligen.

"Zeitnahes Moderationsgespräch"

Erdwärme ist nach dem Bundesberggesetz ein sogenannter bergfreier Bodenschatz, das heißt, sie gehört nicht dem Grundeigentümer. Vielmehr vergibt der Staat - in Bayern in Form des Wirtschaftsministeriums - für die Aufsuchung und spätere Gewinnung öffentlich-rechtliche Konzessionen nach festgelegten Kriterien für eine bestimmte Zeit.

Im Genehmigungsverfahren dürfen allerdings die Kommunen, auf - beziehungsweise unter - deren Gebiet die vermuteten Vorkommen liegen, Stellungnahmen abgeben. Diese nutzt Hebertshausen nun, um eine interkommunale Kooperation beim Geothermieprojekt "Dachau Nord" anzuregen. Dafür schlägt sie "ein zeitnahes Moderationsgespräch" zwischen Ministerium und allen Interessenten vor, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit auszuloten. Ebenfalls im Boot wäre Haimhausen.

Die Stadtwerke sind offen

Auf Nachfrage der SZ teilen die Stadtwerke Dachau schriftlich mit, man stehe "einer interkommunalen Kooperation immer offen gegenüber, wenn die Interessen beider Seiten ausreichend und gleich gewichtet berücksichtigt werden". Man habe die Gemeinde Hebertshausen entsprechend über den Antrag beim Wirtschaftsministerium informiert und "ihr eine offene und umfassende Zusammenarbeit angeboten".

Ansonsten gibt es nach Ansicht der Stadtwerke noch nicht viel zum Geothermieprojekt Dachau Nord zu sagen, man werde den vom Ministerium vorgegebenen Arbeitsplan abarbeiten. Erste Schritte sind eine geologische Machbarkeitsstudie und eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. "Aktuell befinden wir uns noch in der Phase der Antragstellung", schreibt die Sprecherin der Stadtwerke, "bis zu einer Bohrung ist es also noch ein langer Weg". Auch sei die Geothermie nur eine von mehreren Optionen, die die Stadtwerke derzeit im Zusammenhang mit der kommunalen Wärmeplanung prüfen würden.

Im Haimhausener Rathaus stellt sich Bürgermeister Peter Felbermeier (CSU) die interkommunale Kooperation fürs Erste so vor, dass seine Gemeinde umfangreiche Datensätze einbringt. Haimhausen habe in der Vergangenheit bereits zwei Studien zur geothermischen Nutzung in Auftrag gegeben, für einen "sechsstelligen Betrag". Finanziell werde man sich deshalb erst einmal nicht engagieren.

Die hohen Anfangskosten sind der große Haken beim Heizen mit dem heißen Tiefenwasser, mit zehn bis 15 Millionen Euro für Bohrungen und Heizzentrale ist zu rechnen. Dazu kommen, bevor auch nur ein Euro verdient ist, noch die Leitungen, die zu den Fernwärmekunden verlegt werden müssen. In der Regel lohnt sich das nur, wo große Abnehmer da sind, etwa Firmen oder Geschosswohnungsbau.

Die Frage der Wirtschaftlichkeit

Wegen der hohen Kosten habe sich Haimhausen schon früher dafür entschieden, auf jeden Fall nicht alleine in die Geothermie einzusteigen, erzählt Felbermeier. Im Verbund sei das etwas anderes, aber auch hier stelle sich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Nur mit Ein- und Zweifamilienhäuser sei die nötige Abnehmerstruktur nicht zu bekommen. Andererseits sei der Leitungsbau über Land wesentlich kostengünstiger und schneller zu bewerkstelligen als in bebauten Gebieten. Noch gebe es üppige Förderungen des Bundes, weiß Felbermeier, allerdings könne niemand sagen wie lange noch.

Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl dagegen sieht vor allem die Chancen, die die Geothermie bietet. Zehn bis 15 Megawatt Leistung seien zu erwarten, "das reicht für ganz Hebertshausen". Die finanziellen Risiken seien bei einem interkommunalen Projekt auf mehreren Schultern verteilt und so eher zu stemmen. Seiner Ansicht nach hängt jetzt erst einmal alles davon ab, ob die Partner gleichberechtigt zueinanderfinden. "Wenn die Stadtwerke uns aber", da wird Reischl deutlich, "schlecht spielen, können wir ihnen das Leben auch schwer machen - aber das wollen wir natürlich nicht".

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