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Demo:200 Menschen protestieren gegen Corona-Regeln in Dachau

Etwa 200 Menschen protestieren friedlich mit Maske und Abstand auf der Thoma-Wiese gegen die in ihren Augen überzogenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Ein Mann in Lederhosen und mit Zauberhut taucht zwei Stangen mit einer Schnur in einen Eimer und lässt Riesen-Seifenblasen über die Ludwig-Thoma-Wiese fliegen. Kinder jagen den Bubbles hinterher, während mancher Demo-Teilnehmer den instabilen Luftbällen lieber ausweicht. Der Meister der Seifenblasen hat wie alle hier Mund und Nase bedeckt. Und wie die meisten transportiert er mit seinem Mund-Nasen-Schutz eine Botschaft, was er von der Maskenpflicht hält. Sein Mundschutz: eine Maske mit einem X darauf. Sein Nasenschutz: eine rote Clownsnase.

Rund 200 Menschen versammeln sich an diesem sonnigen Samstagnachmittag auf der Ludwig-Thoma-Wiese, um gegen die in ihren Augen überzogenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu protestieren. Sie demonstrieren friedlich und halten sich an die Maskenpflicht und das Abstandsgebot. Die Polizei Dachau spricht später von einem "störungsfreien" Verlauf. Lediglich eine Person erhält eine Anzeige, weil sie sich weigert, eine Maske zu tragen. Polizeidirektor Thomas Rauscher zeigt sich "sehr zufrieden bezüglich der Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Dachau, der Stadt Dachau und der Versammlungsleitung".

Die Partei "Die Basis" hat einen Informationsstand auf der Demo

Es ist das erste Mal, dass eine Demo gegen die Corona-Regeln in Dachau stattfindet. Die sogenannte "Freiheitsversammlung" hat die Veranstaltung organisiert. Die Initiative fordert etwa, den Betrieb an Schulen und Kitas uneingeschränkt wieder aufzunehmen, Kinder von der Masken- oder Testpflicht zu befreien oder die Kultur- und Gastroszene komplett zu öffnen. Versammlungsleiterin Susanne Schmidt sagt, sie sei begeistert davon, dass so viele Menschen gekommen seien. Es sei ein "großer Schritt", weil man erstmals in Dachau demonstriere. "Wir sind richtig coole Leute hier und wollen die Welt ein bisschen verändern. Zum Guten."

Die Demonstrierenden haben das Gefühl, dass es derzeit sehr schlecht läuft. Wie schlecht, das kann man an den Sprüchen auf den Schildern und Masken erkennen. Einige haben Schilder in Herzform umhängen. Darauf steht: "Impfung - nein danke!" Einer meint, dass früher "symptomlose Menschen" als gesund gegolten hätten. Heute seien sie "Gefährder". Und eine ältere Frau glaubt tatsächlich, es sei wahrscheinlicher, von einem Asteroiden getroffen zu werden, als an Corona zu sterben. "Es wird Zeit, von der Maske zum Helm zu wechseln", steht auf dem Schild, das sie hochhält. Sie weiß offenbar nicht, dass allein im Landkreis Dachau bisher mehr als 130 Menschen infolge einer Covid-19-Erkrankung gestorben sind, aber seit Beginn der Pandemie noch kein einziger Asteroid eingeschlagen ist.

Die Organisatoren von der "Freiheitsversammlung" grenzen sich öffentlich ab von rechtem, rassistischem oder antisemitischem Gedankengut. Pascal Schmidt, der Ehemann der Versammlungsleiterin, sagt zu Beginn: "Wir sind weder rechts noch Verschwörungstheoretiker." Zudem gebe es hier keine "Querdenker-Fahnen". Er ruft die Teilnehmer auf, Bescheid zu sagen, sollte jemandem ein "komisches Schild" auffallen. Diese Leute werde man dann von der Versammlung ausschließen. Doch dass auf mehreren Schildern für den Blog des umstrittenen Journalisten Boris Reithschuster geworben wird, stört niemanden. Die gemeinnützige Amadeu Antonio Stiftung bezeichnet Reithschuster als "rechtsalternativen Publizisten".

Freiheitsversammlung

Eine Frau hat ein Schild mit einem Zitat von Sophie Scholl umhängen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Vereinzelt tragen Demo-Teilnehmer in Dachau Masken, auf denen das Wort "Diktatur" geschrieben ist. Darunter ist auch eine Dame, die offiziell als Ordnerin auf der Versammlung fungiert. Eine jüngere Frau hat ein Schild umhängen, auf denen ein Zitat von der Widerstandskämpferin Sophie Scholl zu lesen ist. Eine Verharmlosung des NS-Terrors. Dass die Demo-Teilnehmerin hier in der Sonne stehen und ihre Meinung frei äußern kann, während Sophie Scholl von den Nazis zuerst verhaftet und dann ermordet wurde, macht für die Frau offenbar keinen Unterschied.

Vorne am Mikrofon steht jetzt Natalie Andrione aus Fürstenfeldbruck. Sie ist Mitglied des Dachauer und Brucker Kreisverbandes der Partei "Die Basis", der zweiten Nachfolgeorganisation der Parteiinitiative "Widerstand 2020", die im April 2020 von Gegnern der staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie gegründet und mittlerweile wieder aufgelöst wurde. Einer der Gründer von "Widerstand 2020" ist Bodo Schiffmann. Der Mediziner verbreitet Verschwörungstheorien zu Covid 19 und zählt zu den führenden Köpfen der deutschen Corona-Leugner-Szene. Bei der "Basis" ist Schiffmann nicht Mitglied. Die "Basis" hat am Samstag auf der Thoma-Wiese einen Infostand aufgebaut und verteilt Aufkleber, auf denen von einem vermeintlichen "Impfzwang" die Rede ist. Natalie Andrione erzählt in Dachau, dass sie einige Jahre in Russland gelebt habe. Jetzt in der Corona-Krise habe sie ein "Déjà-vu-Erlebnis". Wer sich kritisch äußere, lande gleich in der "rechten Ecke", sagt sie. Nach ihr spricht Christian Kreiß aus Gröbenzell. Der Professor für Ökonomie ist nach eigenen Angaben vor Kurzem der "Basis" beigetreten. In der Vergangenheit hielt er bei mehreren Querdenker-Kundgebungen Reden, distanzierte sich dann aber von der Bewegung. Später treten unter anderem noch ein Heilpraktiker aus dem Landkreis Ebersberg, eine Referentin der KZ-Gedenkstätte Dachau und ein Familienvater aus Dachau als Redner auf.

Nach rund zwei Stunden ist die Demo vorbei. Die Veranstalter sind zufrieden und "hoffen auf eine baldige Wiederholung", schreiben sie auf ihrem Telegram-Kanal. Susanne Schmidt, die Versammlungsleiterin, steht jetzt mitten auf der Thoma-Wiese, unweit vom Seifenblasen-Meister, der für die Kinder noch ein paar Luftkugeln zaubert. "In Dachau leben viele Familien", sagt Schmidt. Man habe die "Freiheitsversammlung" hier gemacht, um den Menschen einen Platz zu geben, "wo sie ihre Kritik ausüben können". Man habe zeigen wollen: "Wir sind ganz normale Menschen und wollen die Gesellschaft wachrütteln."

© SZ vom 12.04.2021
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