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Corona-Impfungen in Dachau:In der Warteschleife

Impfzentrum

Kein Durchkommen: Die Telefonhotline, die Senioren zur Terminvereinbarung anrufen sollen, ist dauerbesetzt.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

In einem Schreiben des Landrats klingt die Vereinbarung eines Impftermins ganz einfach, doch zahlreiche Senioren versuchen nun schon seit Tagen vergeblich, telefonisch einen Termin zu vereinbaren. Ärger und Verzweiflung machen sich breit. Stefan Löwl verspricht Besserung

Von Christiane Bracht, Dachau

Viele Senioren aus dem Landkreis Dachau sind verärgert, andere hochgradig verzweifelt. Seit Wochen versuchen sie, einen Impftermin zu bekommen - zumeist vergebens. "Ich weiß gar nicht, ob es so sinnvoll ist, sich vorzudrängeln", sagt Frank Müller inzwischen. "Wer garantiert einem denn, ob man in drei Wochen die zweite Impfung bekommt, wenn kein Impfstoff da ist? Ich habe das Vertrauen verloren", sagt der 80-Jährige.

Im Schreiben von Landrat Stefan Löwl (CSU), das nach Weihnachten an alle über 80-Jährigen geschickt wurde, klang es so einfach: "Für Bürgerinnen und Bürger aus unserem Landkreis ist die Durchführung der Impfungen in einem der beiden Impfzentren möglich." Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Homepage von dem Zentrum in Karlsfeld und dem in Dachau sind angegeben. Klingt alles ganz einfach. Doch die Realität ist anders.

"Es ist eine Katastrophe", schimpft Müller. Der Hilgertshausener nimmt seit Erhalt des Schreibens jeden morgen um 9 Uhr das Telefon in die Hand und wählt die Nummer des Dachauer Impfzentrums. Dann hört er eine freundliche Stimme, die sagt: "Alle Mitarbeiter befinden sich in einem Gespräch. Sie sind Nummer 117." Manchmal gelingt es ihm auch, Nummer 110 zu sein. Müller stellt das Telefon auf laut, legt es neben sich und schmökert schon mal in der Zeitung, während das Band eine Nummer nach der anderen abarbeitet. Es ist schon fast ein Ritual. "Nach einer Dreiviertelstunde bin ich dann bei 50", sagt er. "Doch weiter komme ich nie." Denn dann ist die Verbindung plötzlich unterbrochen - alles Warten war umsonst.

Konrad Lochner aus Markt Indersdorf kennt das Ritual auch: "Ewig habe ich probiert durchzukommen", sagt er. Vor kurzem schien der Impftermin schon zum Greifen nahe zu sein: "Ich war der achte Anrufer", triumphiert er. Dann der siebte, der sechste... Nach gefühlt einer halben Stunde meldete sich eine freundliche Stimme. Doch sie sagte nicht, Lochner könne zum Impfen kommen, sondern: "Sie sind leider verkehrt, Sie müssen in Karlsfeld anrufen." - "Das macht Spaß", zürnt Lochner. Im Schreiben von Löwl stand nichts davon, dass man sich je nach Postleitzahl in dem einen oder anderen Impfzentrum melden müsse. Eine Bekannte von ihm erlebte die gleiche Ernüchterung. "Hätte man das nicht reinschreiben können? Das wäre doch ein Klacks gewesen", schimpft Lochner. Karlsfeld sei zudem keineswegs naheliegend, "Dachau ist doch viel näher", echauffiert sich der Indersdorfer. Seine Bekannte sei kurzerhand mit dem Auto nach Karlsfeld gefahren, doch da fehlte es am Serum. "Vielleicht erleben wir die Impfung ja noch", flachst Lohner. "Ich bin schließlich schon über 80." In seinem Bekanntenkreis seien inzwischen viele zumindest "leicht verärgert", sagt er.

Auch Waltraud Wager war anfangs sehr verunsichert. Die 83-Jährige hatte zunächst große Bedenken, ob eine Impfung überhaupt das Richtige sei. Schließlich ist der Impfstoff neu. In Nachrichten und Zeitungen hat man viel gehört, auch zu der Frage, ob er ausreichend geprüft sei. Verwandte redeten ihr gut zu. Daraufhin versuchte auch die Bergkirchnerin, das Dachauer Impfzentrum zu erreichen. Immer und immer wieder. "Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe", klagte sie ihrer Nichte eines Tages, den Tränen nahe. Sie erreiche nur den Anrufbeantworter. Irgendwann nahm die Witwe ihren ganzen Mut zusammen, rief ein Taxi und fuhr nach Dachau. Doch dort verwies man sie wieder aufs Telefon. Die Nichte half der inzwischen völlig verzweifelten alten Dame: Sie klickte sich durch das lange Online-Formular. Auch Müller hat es bereits online versucht. Drei Mal sei der Computer abgestürzt, klagt er. "Beim vierten Mal waren keine Termine mehr frei." Seither habe er seine Bemühungen eingestellt. "Da lese ich lieber ein Buch oder ärgere meine Frau", sagt der Hilgertshausener.

Julius Faubel unterstützte seine 88-jährige Mutter. Doch obwohl er IT-Spezialist ist, scheiterte der 66-Jährige an den Online-Formularen. "Im Oktober 2021 wurden mir immer noch keine Termine angeboten. Alle Felder waren hellgrau", sagt er. "Meine Mutter hätte das nie geschafft. Sie hat ja nicht mal eine E-Mail-Adresse." Dem Enkel gelang es schließlich, mit viel Geduld über die Hotline 116 117 die 88-Jährige zu registrieren. Die Benachrichtigung kommt jedoch per E-Mail. "Ist das der richtige Weg für über 80-Jährige?", fragt Faubel verärgert. Die älteren Leute in der Nachbarschaft hätten erst gar keinen Versuch unternommen, berichtet er. Viele seien auch verunsichert, weil die Impfung nicht beim Arzt stattfindet, wo man bisher immer seine Spritzen bekam.

Doch auch diejenigen, die einen Termin ergattert haben, sind nicht unbedingt glücklich: "Wir warten nun seit 90 Minuten. Es ist kalt auf dem Parkplatz vor den Containern. Es ist nass", klagt Maria-Luise Graeff in einem Schreiben an die SZ Dachau am Mittwoch. Sie hat ihre 90-jährige Mutter zum Karlsfelder Impfzentrum begleitet. Die Röhrmooserin schimpft über die "unwürdigen Zustände" und fürchtet, dass sich ihre pflegebedürftige Mutter eine Lungen- oder Blasenentzündung holen könnte. "Kann der Landkreis keinen anderen Ort zur Verfügung stellen?"

"Es tut uns leid", sagt Landrat Stefan Löwl zu den Vorwürfen. "Wir kennen die Unzufriedenheit." Doch der Landkreis könne nichts dafür, dass der Impfstoff nicht so geliefert worden sei wie vereinbart. Callcenter und Website stünden nun bereit für die Registrierung. Jeder komme dran. Ein erklärendes Schreiben mit neuen Infos werde den Senioren in den nächsten Tagen zugehen. Gut 3000 seien schon geimpft.

© SZ vom 21.01.2021
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