Abschiebung:Ein Jahr in Not

Abschiebung: Die Familie Esiovwa lebt in Nigeria ohne stabile Stromversorgung und leidet unter Medikamentenmangel seit der Abschiebung aus Karlsfeld.

Die Familie Esiovwa lebt in Nigeria ohne stabile Stromversorgung und leidet unter Medikamentenmangel seit der Abschiebung aus Karlsfeld.

(Foto: privat)

In der Nacht des 12. Juli 2022 wird die fünfköpfige Familie Esiovwa aus Karlsfeld nach Nigeria abgeschoben. Die drei Kinder leben seitdem in einem Land, das sie zuvor nicht kannten. Ihre kranken Eltern kämpfen um das Notwendigste zum Überleben. Über ein Trauma, das anhält.

Von Jessica Schober, Karlsfeld

Genau vor einem Jahr ging die elfjährige Stefanie das letzte Mal in die Mittelschule in Karlsfeld. Wie jeden Morgen nahm sie am Unterricht der sechsten Klasse teil, mit ihrem Klassenkameraden Schamon war sie gut befreundet. Am nächsten Morgen blieb ihr Platz leer. Sie kam nie wieder. Keiner wusste, wo sie war. Erst später erfuhren die Kinder: Das Mädchen wurde nach Mitternacht von Polizisten aus dem Schlaf gerissen und nach Nigeria abgeschoben. Ein Jahr später erinnern sich noch immer viele Menschen im Landkreis Dachau an jene Nacht des 12. Juli 2022, als die fünfköpfige Karlsfelder Familie verschwand.

Die Familie Esiovwa mit ihren drei Kindern Gabriel, Claudia und Stefanie war vom Schicksal gebeutelt und dennoch gut integriert: Der Vater Nicholas litt an einer Autoimmunerkrankung, er arbeitete eine Zeit lang in einem Hotel, seine Chefin wollte ihn gern als Arbeitskraft halten. Doch irgendwann entzog ihm die Ausländerbehörde Dachau seine Duldung und die Arbeitserlaubnis - und setzte damit die bürokratische Abwärtsspirale in Gang, die schließlich zur Abschiebung führte. Die Mutter Faith Ilhobe stand kurz davor, an einem Geschwür im Bauch operiert zu werden. Der Sohn Gabriel besuchte ein heilpädagogische Förderstätte, er hat eine Lernbehinderung. Die jüngste Tochter Claudia ging in die Greta-Fischer-Schule, sie war in Dachau geboren und noch nie in Nigeria gewesen. Keiner dieser fünf Menschen ahnte vor einem Jahr, dass dies ihr letzter Tag in Deutschland sein würde.

Der Protest gegen die Abschiebung hält an

In der Karlsfelder Mittelschule wollen sich nun an diesem Mittwoch, 12. Juli, Bekannte der Familie, Asylhelfer und Schüler versammeln, um an die Abschiebung vor einem Jahr zu erinnern. Die Seebrücke Dachau, die den Abend veranstaltet, hat in einem langwidrigen Prozess versucht, Akteneinsicht bei der Ausländerbehörde des Dachauer Landratsamtes in die genauen Umstände der Abschiebung zu erlangen. Bislang sei die Behörde eine Auskunft schuldig geblieben, so das Bündnis.

Das Landratsamt hat die Abschiebung in der Nacht um 2 Uhr stets als rechtmäßig beschrieben, dennoch ebbte der Protest dagegen nicht ab. Bei einer Demonstration gegen die Abschiebung kamen im vergangenen Sommer vor dem Dachauer Rathaus 250 Menschen zusammen. Schülerinnen und Schüler der Mittelschule Karlsfeld hatten auch eine Petition für die Familie ihrer Mitschülerin gestartet. 1475 Menschen unterschrieben den Aufruf "Holt Stefanie zurück!". Die Schüler baten darin den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann und den Dachauer Landrat Stefan Löwl (beide CSU), das Asylverfahren noch einmal zu prüfen, der Familie Esiovwa ein humanitäres Visum zu erteilen und sie zurück nach Karlsfeld zu holen.

"Wir sind nicht mehr die glückliche Familie, die wir mal waren"

Doch all das hat den Esiowvas bisher nicht viel genützt. Sie leben nun, meist ohne Strom, im Nigerdelta in einer gemieteten Unterkunft. Nicholas Esiovwa beschreibt den Alltag der Familie, ein Jahr nach dem Beginn des Alptraums: "Wir versuchen immer noch, uns an die neue Umgebung zu gewöhnen. Die Kinder müssen sehr weit zu Fuß zur Schule gehen und sie werden dort von den Lehrkräften geschlagen." Seine älteste Tochter Stefanie, inzwischen zwölf Jahre alt, halte noch Kontakt zu ihren Freunden in Karlsfeld. Das gehe jedoch nur, wenn er Benzin kaufen könne, um den Generator zur Stromerzeugung anzuwerfen. "Meistens haben wir tagelang keinen Strom und kein Licht."

Die gesundheitliche Situation der Familie ist laut Nicholas Esiovwa extrem angespannt. "Meine Frau nimmt manchmal tagelang keine Medikamente gegen ihre starken Schmerzen im Bauch, damit wir Essen für die Kinder kaufen können. Sie weint dann die ganze Nacht." Seine Beine seien stark geschwollen, weil er vor Ort keine Medikamente gegen seine Autoimmunerkrankung bekomme, berichtet Nicholas Esiovwa, der trotz allem seinen festen Glauben an Gott nicht verliert, wie er immer wieder betont. "Aber, um ehrlich zu sein, wir sind nicht mehr die glückliche Familie, die wir mal waren."

Die Chancen für eine Rückkehr stehen schlecht

Das hat auch Julie Richardson vom Kinderschutz München beobachtet, die regelmäßig in Videotelefonaten Kontakt zur Familie in Nigeria hält. "Die Esiovwas sind seit der Abschiebung in Not", sagt die Psychologin, die den kleinen Gabriel in der heilpädagogischen Tagesstätte in Karlsfeld betreut hat. Sie versucht gemeinsam mit anderen Helfenden, Medikamente zur Familie zu schicken, doch allein ein Paket zu Gabriels Geburtstag - mit einem Stofftier, Lego und seinem Lieblingsspielzeug, einer Eisenbahn - brauchte von Dezember bis März, um schließlich, reichlich zerfleddert, bei dem Jungen anzukommen. "Für die Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind, ist es ein totaler Kulturschock." Besonders die inzwischen zwölfjährige Stefanie wirke auf sie "depressiv und sehr gedrückt im Affekt", sagt Richardson, die sich mit dem Mädchen auf Deutsch unterhalten hat. Wenn sie Kontakt zu ihren alten Mitschülern habe, fragten diese Stefanie meist, ob sie in Nigeria genug zu Essen und zu Trinken habe. "Sie wirkt, als würde sie unbedingt zurückwollen", sagt Richardson. Sie selbst werde sich so lange für die Rückkehr der Familie einsetzen, bis alle Wege ausgeschöpft seien, so Richardson.

Doch die Chancen dafür stehen schlecht, das sieht auch Stephan Dünnwald vom Münchner Flüchtlingsrat so. Er stellt sich darauf ein, dass die Familie langfristig vor Ort auf Unterstützung angewiesen sein wird. Deshalb koordiniert er die Auszahlung der eingegangenen Spendengelder in Höhe von knapp 15 000 Euro, welche die kranken und weiterhin arbeitslosen Eltern über Wasser halten sollen. Die Spenden würden für Schulgeld und Schuluniformen, einen Gaskocher und einen Generator sowie für Mietkosten aufgebraucht. Manche Ehrenamtliche hätten Daueraufträge mit Beträgen von zehn bis 15 Euro eingerichtet, das helfe auf lange Sicht. Das Trauma der Abschiebung lasse sich damit jedoch nicht lindern. "Diese Abschiebung von Kindern hinterlässt gravierende Spuren und verletzt auch die UN-Kinderrechtskonvention", sagt Dünnwald.

Er hat zuletzt in ganz Bayern drei weitere Abschiebungen von nigerianischen Familien mit Kindern mitbekommen. Dünnwald sagt: "Eine sich christlich schimpfenden Partei schiebt hier Familien und Alleinerziehende mit Kindern ab, obwohl sie weiß, dass diese Menschen dann im Dreck landen werden."

Versammlung zum Jahrestag der Abschiebung

Die Seebrücke Dachau ruft für Mittwoch, 12. Juli, ab 18 Uhr zu einer Versammlung in der Mensa der Mittelschule Karlsfeld zum Jahrestag der Abschiebung der Familie Esiovwa auf. Auch ehemalige Mitschüler und Asylhelfer haben ihr Kommen angekündigt. Martin Modlinger von der Seebrücke Dachau sagt: "Wir wollen an die Familie erinnern, von Unterstützungsmöglichkeiten berichten und auf andere Menschen hinweisen, die in ähnlicher unmenschlicher Situation sind."

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