Abschiebung:Keine Zeit für einen Abschied

Bäckerei Polz

Bäcker Thomas Polz beschäftigt seit Jahren Geflüchtete und setzt sich für deren Bleiberecht ein - doch der Fall von Nomok ist nicht der erste, in dem es ihm misslungen ist.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der 27-jährige Moussa Nomok ist über Nacht in sein Heimatland Mali abgeschoben worden. Seine Unterstützer und der Hebertshausener Bürgermeister sind empört. Landrat Löwl weist die Kritik zurück

Von Christiane Bracht, Hebertshausen/Dachau

Asylhelfer, Geflüchtete, die Mitarbeiter der Bäckerei Polz und ihre Chefs, aber auch der Hebertshausener Bürgermeister Richard Reischl sind fassungslos: Nur wenige Stunden hat es gedauert, um Moussa Nomok außer Landes zu bringen. Am frühen Dienstagmorgen buk der 27-Jährige noch Semmeln und Brot für den Landkreis Dachau. Um 10 Uhr, nach seiner Schicht, sollte er ins Landratsamt kommen - zu einem Gespräch, habe es geheißen, erzählt Raimund Popp vom Asylhelferkreis. Er steht noch immer unter Schock. "Ich bin vorsichtshalber mitgekommen", sagt er. Doch das half nicht viel. Die beiden wurden gebeten zu warten. Zehn Minuten später sei die Polizei aufgetaucht und habe Moussa Nomok die Handschellen angelegt und vorne durchs Foyer hinausgeführt - "wie einen Schwerverbrecher", sagt Bürgermeister Reischl (CSU). "Das war so was von demütigend, dabei hat Moussa Nomok sich nichts zu schulden kommen lassen", stimmt Popp zu. Im Gegenteil: Der Mann aus Mali sei sogar ein Vorbild in Sachen Integration gewesen. "Unfairer geht's ja gar nicht mehr", klagt Thomas Polz von der gleichnamigen Bäckerei in Ampermoching.

Popp hatte noch eine Stunde Zeit um dem Verhafteten ein paar Kleider und etwas Geld zu bringen - nicht mehr als 20 Kilogramm. "An sein Konto kann ich nicht ran, um ihm sein Erspartes zu geben, da habe ich ihm 2000 Euro von mir gegeben", sagt Popp. 2013 als Nomok nach Deutschland kam, habe er ihn kennen gelernt. "Damals war er barfüßig", erinnert sich der Ampermochinger. Er hatte sich besonders um Moussa Nomok gekümmert, ihn bei Behördengängen unterstützt, beim Deutschlernen und seiner Bäckerlehre. Der junge Geflüchtete war Analphabet, hatte nie eine Schule besucht, aber er hatte den Willen zur Integration, kann inzwischen lesen und schreiben und er kann Brot backen und arbeitet zuverlässig. Sein Asylantrag wurde jedoch abgelehnt. Mali gilt als sicheres Land. Moussa Nomok hatte einen Antrag auf Duldung gestellt, eine Arbeitserlaubnis hatte er erst Ende Juni verlängert bekommen. Sie hätte noch bis Ende September gegolten. Den Weg zum Verwaltungsgericht habe man beschreiten wollen, berichtet Popp. "Der Termin bei der Rechtsanwältin wäre am Freitag gewesen, aber jetzt ist Moussa Nomok nicht mehr da." Die Frist laufe erst Ende August ab. Doch die Polizei machte gleich Nägel mit Köpfen. Um 22 Uhr wurde der Bäckereimitarbeiter aus Ampermoching in Frankfurt in den Flieger nach Mali gesetzt. "Ich durfte mich nicht mal verabschieden", klagt Popp. "Hätte ich ihn nicht aufs Amt begleitet, so wüsste jetzt niemand wo er steckt."

"Das ist unmenschlich", schimpft Bürgermeister Richard Reischl. "Jemanden unter einem Vorwand ins Landratsamt zu locken, der nie zur Last gefallen ist, immer bestmöglich seinen Job gemacht hat, im Handwerk hilft und auch bei der Passbeschaffung mitgeholfen hat," so zu behandeln, dass ist für Reischl nicht akzeptabel. Wie schon öfter zweifelt er wieder einmal an dem C, dem "Christlich", das die CSU im Namen trägt. In einer E-Mail an die Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler, den Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath und Landrat Stefan Löwl (alle CSU) schreibt er: "Ihr wollt in der Früh eure frischen Semmel und Brot auf dem Tisch. Habt ihr euch mal überlegt, wer die herstellt?" Die CSU habe mit dieser Aktion im Landkreis ihre Glaubwürdigkeit "stark eingebüßt", dabei sei diese "in der Politik eine ganz wichtige Komponente", so der Hebertshausener. "Ich frage euch: Wo wäre das Problem gewesen, für Moussa während er hier arbeitet und lebt, nach dem Fachkräfteeinwanderunggesetz eine Bewilligung einzuholen? Dazu hätte er lediglich von der deutschen Botschaft in Mali ein Visum benötigt. Liebe Katrin, wo ist das Problem mit euren Kontakten dies aus Deutschland heraus zu organisieren."

Die Angesprochene sagt auf Anfrage der SZ, dass sie erst an diesem Mittwoch von dem Fall erfahren habe und damit zu spät. "Ich kann nur helfen, wenn ich es weiß." Sie könne Ärger, Enttäuschung, Frust und Wut verstehen, sagt Staffler. Einen Spurwechsel vom Asyl- ins Einwanderungsrecht gebe es nicht. Man habe den Schleuserbanden nicht in die Hände spielen wollen. Aber perspektivisch müsse man eine Übergangsregelung schaffen, für diejenigen, die bereits hier seien, um Menschen wie Moussa Nomok die Chance zum Bleiben zu geben. Landrat Stefan Löwl betont, er habe dies bereits in der Fachkommission Integrationsfähigkeit angesprochen und sich für ein Bleiberecht gut integrierter Geflüchteter stark gemacht. Doch in diesem Fall seien ihm die Hände gebunden gewesen. "Moussa Nomok wusste seit eineinhalb Jahren, dass er Deutschland verlassen muss", sagt er. Der 27-Jährige habe keine "dauerhafte Bleibeperspektive gehabt", die Lehre habe er trotz mehrfacher Anläufe nicht bestanden. Der Grund: Sein Deutsch reichte wohl nicht für das Fach Sozialkunde. "Dreiviertel aller Lehrlinge schaffen die theoretische Prüfung nicht", sagt Thomas Polz. "Aber Moussa Nomok ist ein guter Bäcker und hat eine Beziehung zum Teig und den Kollegen."

Die Vorwürfe von Reischl nennt Löwl "starken Tobak". Die christlichen Werte seien wichtig, aber die Leitlinie seines Handelns müsse Recht und Gesetz sein, "sonst leben wir nicht mehr in einem Rechtsstaat". Für die Umstände der Verhaftung sei die Polizei verantwortlich, sagt Löwl. Emotional könne er die Empörung aber nachvollziehen.

Peter Barth hätte an diesem Mittwoch wegen seines unermüdlichen Einsatzes für die Flüchtlinge geehrt werden sollen, doch er lehnte dies ab. Sabine und Thomas Polz hatten bereits vor zwei Jahren eine Auszeichnung für besonders gelungene Integration bekommen, weil sie Flüchtlinge ausbilden und beschäftigen. Auch sie wollen die Nadel zurückgeben. "So springt man mit Leuten nicht um", sagt Sabine Polz. Moussa Nomok war nicht der erste ihrer Angestellten, der von heute auf morgen plötzlich weg war.

© SZ vom 22.07.2021
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