70 Jahre Befreiung des KZ Dachau "Wir wurden umarmt, immer wieder umarmt"

Alan W. Lukens sprach auch bei der Befreiungsfeier am Sonntag.

(Foto: Jørgensen)

Alan W. Lukens war 21 Jahre alt, als er mit einer Einheit der 7. US-Armee das KZ Dachau befreite. Im Gespräch erzählt er von der kurzen Schlacht mit den SS-Männern - und wie die amerikanischen Soldaten von den Überlebenden empfangen wurden.

Interview von Anna-Sophia Lang, Dachau/München

Alan W. Lukens war 21 Jahre alt, als am 29. April 1945 Einheiten der 7. US-Armee das KZ Dachau befreiten. Was er dort sah, hat ihn nie losgelassen. Nach dem Krieg ging er in den Auswärtigen Dienst, 1984 wurde er Botschafter in der Volksrepublik Kongo. Heute ist er 91 und noch immer voller Temperament. Bei einem Empfang für die "Liberators" im Haus des US-Generalkonsuls in München sprach Lukens mit der SZ über seine Erlebnisse in Dachau und seine Rückkehr viele Jahre später.

SZ: Herr Lukens, wussten Sie, was Sie in Dachau erwarten würde?

Alan W. Lukens: Nein, wir hatten keine Ahnung, dass wir dort auf ein Konzentrationslager treffen würden. Wir waren eigentlich auf dem Weg zum SS-Hauptquartier nördlich von München. Ich gehörte zu einer kleinen Gruppe der Artillerie, Combat Command B. Plötzlich sahen wir vor uns das Lager mit seinen Wachtürmen. Wir waren vollkommen überrascht. Die Häftlinge wussten aber, dass wir kommen würden. Sie hatten es geschafft, mit versteckten Radios BBC zu hören.

Was haben Sie dann gemacht?

Direkt vor uns befand sich ein hoher Turm, wo noch SS-Männer waren. Dort wehten weiße Flaggen. Wir benutzten unsere Panzer, um durch den Stacheldraht und den Graben zu kommen, der das Lager umgab. Die SS-Männer schossen auf uns, unser Oberst wurde getötet. Wir schossen zurück auf den Turm. Das war das Ende der kurzen Schlacht.

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Sind Sie danach selbst durch das Lager gegangen?

Ich persönlich ging erst am nächsten Morgen hinein, andere noch am selben Tag.

Was sahen Sie dort?

Es war ein furchtbarer Anblick. Überall lagen tote Häftlinge. Ich habe auch den Todeszug aus Buchenwald gesehen. Weit über 30 Waggons voller Leichen. Es gab einige wenige aus dem Zug, die noch lebten. Wir liefen mit den befreiten Häftlingen herum, sie zeigten uns das SS-Lager und das Krematorium im Häftlingslager. So viele Leichen lagen dort, als wir ankamen. Viele Überlebende waren krank und ausgezehrt, mehr tot als lebendig.

Wie haben die Häftlinge auf Sie reagiert?

Es waren sehr emotionale Momente. Wir wurden umarmt, immer wieder umarmt. Ein paar hatten eine amerikanische Flagge aus Lumpen gemacht. Ich konnte nicht anders, als mein Essen zu verteilen. Aber unsere Vorgesetzten pfiffen uns zurück. Die Häftlinge hätten unsere Nahrungsmittel nicht vertragen. Wir durften nicht lange bleiben, denn viele hatten Typhus. Die Gefahr war groß, sich anzustecken.

Wie sind Sie mit dem umgegangen, was Sie gesehen haben?

Wir hatten keine große Wahl. Wir waren bei der Army, wir taten, was uns befohlen wurde. Später dann ging ich zurück nach Deutschland. 1995 war ich das erste Mal wieder in München und in Dachau. Da gab es einen Empfang in der Residenz, wo viele aus meiner Division dabei waren.

Bei der Gedenkfeier vor fünf Jahren waren Sie auch in Dachau und haben gesprochen.

Genau, da saß ich neben Christian Wulff, dem deutschen Bundespräsidenten. Das Amt hatte er ja nur sehr kurz inne.

Haben Sie davon gehört, dass das Tor der Gedenkstätte gestohlen wurde?

Ja, das hat mir große Sorge bereitet. Ich habe sofort Gabriele Hammermann, der Leiterin der Gedenkstätte, geschrieben.

Sie haben mit den Jahren viele Überlebende kennengelernt?

Das stimmt. Ich habe viele unglaubliche Geschichten gehört. Die eines französischen Widerstandskämpfers zum Beispiel: Weihnachten 1943 wollte er in einem Dorf in den Alpen mit 34 anderen eine Feier abhalten. Doch die Nazis erfuhren davon und brannten das Gebäude nieder. Fünf überlebten und kamen ins KZ. Er kam nach Dachau. Er war der einzige, der überlebte. Ich lernte ihn 1995 kennen. Mit vielen Überlebenden bin ich jahrelang in Kontakt geblieben.

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