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Coronavirus in München:Tollwood-Sommerfestival abgesagt

Sommer 2020 ohne Münchner Tollwood-Festival

Zeiten ohne Distanzierungsgebot: 2018 feierte das Tollwood-Festival sein 30-jähriges Jubiläum.

(Foto: dpa)

Wegen der Corona-Krise fällt das Kulturfest im Sommer aus. Die Gesundheit der Besucher, Künstler, Mitarbeiter und Aussteller habe Priorität, sagte die Festivalleiterin.

Dass es kein Jahr wie jedes Jahr werden würde, schwante dem Tollwood-Team bereits im Februar. Für das Programm-Magazin zum Sommerfestival hatte man gerade das Motto festgeklopft: "Entschleunigen". Angesichts der zunehmenden Nachrichten zur Ausbreitung des Coronavirus und der ersten Ausgangssperren erschien diese Botschaft erst zwiespältig, dann zynisch und wurde also verworfen. Die Festivalleitung beobachtete daraufhin die sich stetig zuspitzende Lage. Spätestens seit der Ankündigung der Bundeskanzlerin und der Landesregierungen, sämtliche Großveranstaltungen in Deutschland bis 31. August zu verbieten, war klar, dass das Tollwood in diesem Sommer ausfällt. Zwischen 24. Juni und 19. Juli hätten rund 840 000 Gäste das Zeltdorf im Olympiapark besuchen sollen.

Jetzt hat Festivalleiterin Rita Rottenwallner "schweren Herzens, aber mit größtem Verständnis" offiziell das Aus verkündet: "Tollwood ist seit jeher ein Ort der Begegnung und des Miteinanders - aber gerade diese Form des Zusammenkommens ist in der Corona-Krise eine Gefahr für die Menschen", schreibt sie, "die Gesundheit unserer Besucher und Besucherinnen, Künstler und Künstlerinnen, Aussteller und aller Mitwirkenden hat für uns oberste Priorität. Deswegen ist es entscheidend, dass wir alle mit dieser Situation so verantwortungsvoll wie möglich umgehen und als Gesellschaft zusammenstehen. Dieser Zusammenhalt macht auch einen wichtigen Teil der Festivalkultur aus."

Die 25 angestellten Mitarbeiter der Tollwood-GmbH versuchen vom Homeoffice aus, den Schaden zu begrenzen, wie Festivalsprecherin Christiane Stenzel mitteilt. Wobei sie den erwarteten Umsatzverlust nicht öffentlich nennen darf. Der dürfte immens sein, nicht nur die entgangenen Standmieten, auch die Absagen der 26 Großkonzerte in der Zelt-Arena schmerzen. 70 000 Tickets waren bereits abgesetzt, die Auftritte von Spider Murphy Gang, Sting, Boss Hoss, Sido, Pizzera & Jaus, Mark Forster und Johannes Oerding längst ausverkauft. Das Team bemüht sich derzeit, möglichst viele Konzerte in den Sommer 2021 zu verlegen. Bei Sting hat das bereits - tagesgenau am 6. Juli - geklappt. Ticket-Inhaber hätten drei Optionen, erklärt Stenzel: Sie könnten ihre Karten für den Nachholtermin aufheben, sie sich erstatten lassen oder den bereits bezahlten Betrag spenden. Letztere Option wird gerade ausgearbeitet, denn anders als andere Veranstalter möchte Tollwood mit dem Geld keine eigenen Verluste ausbügeln, sondern sie einem guten Zweck zukommen lassen.

Die Absage trifft aber nicht nur die Tollwood-GmbH, sondern auch etwa 120 freie Mitarbeiter wie etwa Tontechniker, sowie die Künstler, Zulieferer, Hoteliers, Rikscha-Fahrer und die 200 Kunsthandwerker und 50 Gastronomen auf dem Festival samt deren Verkäufer, Köche und Spüler, für die Tollwood oft das Hauptgeschäft des Jahres ist. Um den Standbetreibern unter die Arme zu greifen, wurde ein "virtueller Markt der Ideen" auf der Internetseite www.tollwood.de eröffnet. Hier können die Aussteller ihre Produkte präsentieren und auf ihre Online-Shops verweisen. Freunde des Festivals können etwa bei "Lotusimporte" in eine "indische Wunderwelt" mit Silberschmuck und Klangschalen eintauchen, sich bei "Amazonas" (nicht Amazon!) eine Hängematte für drinnen oder draußen bestellen, sich bei "Hirse-Kissen" etwas zum Einkuscheln daheim aussuchen, mit einem marokkanischen Nomaden-Kochtopf von "Ali Baba Tajine" ihren Speisenplan erweitern oder sich die Wartezeit mit dem Erlernen des Bambusblasinstruments "Saxaflute" verkürzen. Das ist dann fast ein bisschen Tollwood daheim.

Im Festivalteam erwägt man, diesen Service auch künftig anzubieten - so wie wohl einiges anders wird nach der Krise, schätzt Christiane Stenzel. Sollte Corona eine Rezession folgen, "werden wohl auch wir den Gürtel enger schnallen müssen", befürchtet sie. Man werde sich die Lage erst mal beim Winter-Festival anschauen und Sicherheitsvorkehrungen treffen, solange das Virus noch grassiert. Das Team selbst ist jetzt schon geschützt: Adam Stubley, der alle Jahre Kunstwerke für das Festgelände liefert, hat allen Mitarbeitern von seiner Schwester geschneiderte Schutzmasken geschickt: lila für die Frauen, aus Jeansstoff für die Männer. Tollwood hält zusammen.

© SZ.de/dpa/fema
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