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Studentenstadt Freimann:Das Leben kehrt zurück

Leben in der Freimanner Studentenstadt

Endlich wieder draußen zusammensitzen: Studierende in der Studentenstadt Freimann.

(Foto: Florian Peljak)

Auch in der Studentenstadt hat die Pandemie tiefe Spuren hinterlassen. Nun aber kehrt die Normalität von früher zurück - auch wenn noch nicht alles so ist wie vor der Krise.

Von Gözde Çelik

Oberflächlich betrachtet suggeriert der Blick über das Atrium, den großen Platz der Studentenstadt Freimann, dass die Pandemie auch dort alles erfasst hat - und Menschenleere mit sich bringt. Am "blauen Haus", einem der größten Wohnblöcke, dröhnt eine Baustelle, in der Ferne rauscht die Straße. Das Atrium liegt trotz allem still und sonnig da. Lediglich zwei Studierende lehnen an einer Tischtennisplatte und unterhalten sich.

Ein paar Schritte vom Atrium entfernt, in der sogenannten "Altstadt", der als erstes gebauten Siedlung der Wohnheimanlage, liegt zentral der Brotladen und beweist, dass das Leben in der "Stusta", wie sie von ihren Bewohnern auch liebevoll genannt wird, an einigen Fleckchen doch seinen Weg findet. Im Außenbereich des Ladens, welcher auch gleichzeitig als Café und beliebter Frühstückstreffpunkt dient, tummeln sich Studentinnen und Studenten gruppenweise im Freien. Bis auf den größeren Abstand zwischen den Tischen wie auch zwischen den Bewohnern, wirkt es wie ein ganz normaler Vormittag.

Es wird gegessen, gelacht und geredet. Mit der Schließung der Universitäten und Hochschulen sowie dem pandemiebedingten Online-Semester liegt nahe, dass nun auch die sozialen Kontakte in den Wohnheimen heruntergefahren werden. "Ein bisschen Slow Motion", so packt es Jonathan Clancy, einer der Wohnheimtutoren, in Worte. Das Studentenwerk München teilt auf Anfrage mit, dass es in den vergangenen Monaten zwar keine auffälligen Veränderungen in Sachen Untervermietung in den Wohnheimen gegeben habe, es aber "den Eindruck" gebe, "dass aktuell ein größerer Teil der Bewohner/-innen nicht in München ist".

Was das heißt, wird beim Blick über die freie Grasfläche des Atriums ersichtlich. Auch der 22-jährige Mathestudent bemerkt die Veränderungen im Alltag. "Es finden keine Partys oder Events jeglicher Art statt. Es gibt irgendwie kein wirkliches Wohnheimleben." Dass diese Zeiten einen neuen Rhythmus und andere Arten des "Miteinanders" erschaffen, wenn auch in einem begrenzten Ausmaß, wird aber ebenso klar.

Wenn die Bewohner nicht zu den Burgern im "Manhattan", der beliebten Bar auf der Dachterrasse des Hanns-Seidel-Hauses (HSH), kommen können, so kommen die Burger nun mit dem Lieferdienst zu den Bewohnern, und auch das Pub-Quiz im "Potschamperl", dem Pub im "orangen Haus", konnte drei Wochen lang ins virtuelle Format umgesetzt werden. Der Brotladen hat wieder offen, Hausversammlungen finden online statt.

Leben in der Freimanner Studentenstadt

Im Freien trifft Jonathan Clancy, dessen Zimmer mit Landschaften dekoriert ist, die man jetzt kaum erreichen kann, wieder auf andere Studenten.

(Foto: Florian Peljak)

Clancy kann bei den meisten Aktionen zwar nur für die Resonanz und die Aktivitäten im HSH sprechen, in dem er selbst wohnt, bekommt aber auch von anderen Häusern mit, dass der Kontakt zwischen den Bewohnern langsam wieder auflebt. "In anderen Häusern machen sie Koch-Challenges und verteilen Punkte", berichtet er. Die Stille, die bei Beginn der Pandemie recht plötzlich einsetzte, soll nach und nach gebrochen werden. "Da war das Leben hier erst mal wirklich tot. Da weiß ich nicht, was wie abging. Ich glaube, das weiß niemand so wirklich, weil es keine große Kommunikation gab." Dies soll sich nun langsam wieder ändern: in den Häusern, auf den Stockwerken und auch in der Heimverwaltung, welche auch auf die aktive Teilnahme der Studentinnen und Studenten angewiesen ist.

Auf einer der freien Bierbänke vor dem Brotladen im Schatten sitzend, erzählt Jonathan Clancy von den öffentlichen Orten der Stusta, welche zuerst ganz geschlossen waren und die nun Stück für Stück wieder ihr Programm aufnehmen. Beispiele dafür sind der nun wieder geöffnete Lesesaal oder auch vereinzelt die sportlichen Aktivitäten. "Ich habe jetzt wieder ein paar Leute mit Badminton-Schlägern gesehen. So was ist jetzt wieder erlaubt."

Wobei, so Clancy, das Sportangebot und der Lesesaal nicht die besten Orte sind, um sich in der Stusta zu sozialisieren. "Tatsächlich ist dieser Haussport witzigerweise nicht so die Stusta-Zusammenkunft. Da spielen ein paar Leute, aber da trifft man sich nicht wirklich. Das ist nicht da, wo das Stusta-Leben abgeht." Die Orte, an denen das "Stusta-Leben" stattfinde, seien eher die geselligen Zusammenkünfte auf den Stockwerken, die Partys in den Gruppenräumen und vor allem: das Stustaculum im Sommer. Leider abgesagt, wie so viele Festivals in diesem Jahr.

Clancy kennt sich aus in der Stusta. Der Mathestudent genießt seine Zeit hier und hofft darauf, dass bald wieder Normalität einkehrt. Seine Erzählungen im Freien locken einen weiteren Bewohner an, welcher erst kürzlich eingezogen ist. Stefan Schändiger studiert Informatik und gesellt sich beim Stichwort "Stusta-Leben" spontan dazu. "Ich bin hier vor Kurzem hergezogen und man sollte mir Dinge erklären, die ich nicht weiß. Wenn ihr über das Studentenleben redet, würde ich gerne zuhören", sagt er und unterstreicht so einen weiteren Aspekt, der in dieser Zeit zu kurz kommt: die Begrüßung der neuen Mitbewohner beziehungsweise der "Neueinzügler", wie sie in der Stusta auch genannt werden.

"Normalerweise klopfen wir bei jedem und verteilen Zettel", erzählt Clancy, "so wird halt gewährleistet, dass die Neuen angesprochen und mit ins Boot geholt werden." Persönlich Kontakte knüpfen, ins Gespräch kommen und sich einleben - Dinge, die online nur schwer zu realisieren sind. Denn manche Sachen lassen sich doch besser face to face klären.

Das merken auch die beiden Studenten, die erst am Ende des Gesprächs den Namen des jeweils anderen erfahren und dabei feststellen, dass sie sich auf eine gewisse Weise doch bereits kannten. Sie waren sich online bei einer Lehrveranstaltung schon begegnet. "Ich bin dein Tutor, ich korrigiere deine Abgaben", sagt Jonathan Clancy lachend.

© SZ vom 27.06.2020/lfr
Florian Holzapfel von der TU München, 2017

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