Bernried:Immer weiter gackern

Lesezeit: 3 min

Peter Gaymann
Das Leben ist schön!

Einblick ins Huhniversum: "Das Leben ist schön!" hat Peter Gaymann dieses Werk betitelt.

(Foto: Peter Gaymann)

Eine große Retrospektive im Buchheim Museum entdeckt auch die unbekannten Seiten des Cartoonisten Peter Gaymann

Von Sabine Reithmaier, Bernried

Gar nicht so einfach, einen Saal, in dem normalerweise riesige, farbenfrohe Expressionisten hängen, mit kleinformatigen Cartoons zu gestalten. Doch Peter Gaymann und sein Kurator Reinhard G. Wittmann haben diese Schwierigkeit durch eine geschickte Inszenierung gut gelöst. Von der Saaldecke flattern Hühner, am Boden weisen Krallenspuren den Weg durch die große Retrospektive, die schon im Vorjahr zum 70. Geburtstag des großen Cartoonisten im Buchheim Museum hätte stattfinden sollen, wäre die Pandemie nicht dazwischen gekommen.

Die Dramaturgie folgt den einzelnen Lebensstationen des Künstlers. Die Kapitelüberschriften dazu hat Gaymann mit Edding-Stiften an die Wände geschrieben, sie auch mit kleinen Skizzen angereichert. "War ein bisschen befremdlich, in einem Museum auf die Wände zu zeichnen", sagt Gaymann. Aber so lässt sich fast spielerisch nachvollziehen, wie sich der eifrige, kleine Ministrant zu dem großen Cartoonisten entwickelte, dessen "Huhniversum" fast jeder kennt.

Peter Gaymann & Gudrun Landgrebe in der Villa Stuck, Oktober 1985

Peter Gaymann und Gudrun Landgrebe in der Villa Stuck im Oktober 1985.

(Foto: Christine Strub)

In die kleinbürgerliche Freiburger Wiege wurde ihm die Karriere jedenfalls nicht gelegt. Die allerersten Zeichnungen schenkt er, wie jedes andere Kind, seiner Mutter. Das Genie ist noch nicht zu entdecken, auffällig die Exaktheit, mit der er arbeitet. "Ich habe schon meine Bilderbücher sorgfältig ausgemalt", sagt Gaymann und beugt sich über die Vitrine. "Keine Ahnung, wo das herkam." Zuhause unterstützte ihn niemand, im Gegenteil, der Vater fand die Idee, Künstler zu werden, überhaupt nicht gelungen.

Das hielt den Sohn nicht ab, bald nach der Natur zu zeichnen, Bäume, Pflanzen, Blumen - hübsche kleine Details. Doch auch wenn er gern "irgendetwas mit Kunst" machen wollte, studierte er Sozialpädagogik. Das Abiturzeugnis ist übrigens super: in Latein eine Fünf, ansonsten lauter Dreier und Vierer. Daneben der Wehrpass mit dem Schriftzug "verweigert". Gaymann hatte anderes zu tun, protestierte gegen das geplante Atomkraftwerk Wyhl oder gegen den Umbau der Altstadt . In einer Zeichnung verschwindet das Münster hinter Hochhäusern. Kurator Wittmann hat dieser wilden Freiburger Zeit eine eigene Wand mit Fotos und Zeitungsausschnitten gewidmet, um das Umfeld zu skizzieren. "Ich war kein Rebell, aber bei wichtigen Demos bin ich mitgegangen", sagt Gaymann. Und er gestaltete das erste Programmheft der Freiburger Grünen, ließ in einem altmodischen Fernsehapparat eine Sonnenblume blühen.

Peter Gaymann

Wilhelm Busch weiterdenken: ein Bild aus dem Buch "Gaymanns Lämpeleien" von 1980.

(Foto: Peter Gaymann / Reproduktion: Thomas Flakus)

Mit 26 beschloss er endgültig, Künstler zu werden, verdient sein Geld aber noch als Sozialarbeiter. Für die Badische Zeitung zeichnet er eine Serie, die er "Gaymanns tierische Blätter" nannte. Jeden Samstag ein anderes Tier, nach Elefanten und Bären auch Hühner. "Auf sie reagierten die Leser besonders stark." Und dann wollten plötzlich alle die Hühner mit den kleinen, kongenialen Textzeilen, mit denen Gaymann seither auf den Zeitgeist reagiert und die deutschen Befindlichkeiten ebenso scharfsinnig wie witzig auf die Schippe nimmt.

Robert Gernhardt erteilte ihm oberlehrerhafte Ratschläge

Als ideales Medium, um seine Botschaften zu verbreiten und um Geld zu verdienen, erwies sich die Postkarte. Parallel dazu erschien 1984 sein erstes Buch "Huhnstage". Natürlich fehlen auch Gaymanns Vorbilder nicht, weder Tomi Ungerer noch die Neue Frankfurter Schule, allen voran F.K. Waechter. Sehr amüsant zu lesen der Briefwechsel zwischen Gaymann und Robert Gernhardt, der dem jungen Kollegen oberlehrerhaft Ratschläge erteilt und ihm vorwirft, ganz schön zu "waechtern".

1986 zieht Gaymann, begeistert von den Filmen Federico Fellinis, mit Frau und Tochter nach Rom. "Michelangelo, Caravaggio und ich" - die Überschrift beschreibt sein damaliges Lebensgefühl ziemlich gut. Eine Entdeckung sind in der Ausstellung seine vielen Reiseskizzen. Dem dolce vita ergab er sich in Rom freilich nicht, sondern zeichnete fleißig weiter. Schickte die Originalzeichnungen nur mit der Vatikanpost nach Deutschland. "Wenn der Papst die Briefmarke zierte, kam der Brief drei Tage früher an."

Peter Gaymann

Peter Gaymann: "Die Alternative", Collage mit Freiburger Münster, 1980.

(Foto: Peter Gaymann)

Fünf Jahre später kehrt er nach Deutschland zurück, zieht für die nächsten 26 Jahre nach Köln. Jeder Umzug habe ihm neue Impulse gegeben, sagt er, habe ihm die so wichtigen täglichen Beobachtungen geliefert. Natürlich gibt es auch einen Gaymann abseits der Hühner, einen, der die Menschen scharf beobachtet. 30 Jahre lang zeichnet er für die Brigitte allwöchentlich Beziehungsgeschichten unter der Überschrift "Paar-Probleme".

2017 zieht er mit seiner zweiten Frau nach Bayern, wohnt jetzt in einem ehemaligen Wirtshaus in Schäftlarn. Inzwischen hat er 100 Bücher herausgegeben, an die 20 000 Zeichnungen gefertigt, die Auflage der Postkarten geht in die Millionen. Sein Erfolgsrezept? "Du musst mit deiner Zeit mitgehen und mit deinen Figuren altern." Manche blieben in ihrer Jugend hängen. "Aber wenn du immer auf deine nächste Umgebung reagierst, hast du genug Stoff." Und es geht vor allem immer weiter.

Gaymann. Von Hühnern und Menschen, bis 24.10., Buchheim Museum, Bernried

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB