Das ist schön:Aufbäumen am Fuße des Grünen Hügels

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Bundespräsident Steinmeier besucht Bayreuther Festspiele

Was blüht da wem? Die Rabatten vor dem Bayreuther Festspielhaus.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Die Bayreuther leben in Abhängigkeit von den Wagner-Festspielen. Was sie dagegen tun - und was nicht.

Von Susanne Hermanski, Bayreuth

Essen gehörte mal Krupp. Wolfsburg gehört immer noch VW. Und Bayreuth? Das ist fest in der Hand eines Familienunternehmens: dem der Wagners. 1871 kam Richard in das Städtchen mit den schönen Sandsteinhäusern, weil er vernommen hatte, es gebe dort das größte Barocktheater Europas. Für den Komponisten war es freilich trotzdem zu popelig klein, und für den Republikaner in ihm erheblich zu pompös. Also überließ Bayreuth dem berühmten Mann ein Grundstück am Rande der Stadt, um sich sein sehr viel größeres eigenes Opernhaus zu bauen. Mit einem ordentlichen Zuschuss aus der Privatschatulle des Bayerischen Königs versteht sich, denn übertreiben musste man es ja auch wieder nicht mit der Republik.

Seither thront es auf dem Grünen Hügel, und immer wenn dort oben gespielt wurde von Wagners Kindern und Kindeskindern, liefen zu dessen Fuße die Geschäfte gut. Die aus aller Welt Herbeigepilgerten und die Musiker mit ihrer Entourage aßen fränkische Würste, tranken fränkischen Wein, fuhren Taxi, besahen sich, was die Stadt sonst noch an Schönheiten zu bieten hatte und blieben. Nicht nur eine Nacht, sondern auch mal drei oder vier.

Das war so sicher wie der Liebestod von Tristan und Isolde. Cashflow garantiert, seit 1951 alle Jahre wieder, vor, in und nach der Zeit als Zonenrandgebiet. Ob nur als schönes Zubrot oder gar als Haupteinnahmequelle für die Bürger Bayreuths. Doch schon vor dem großen Schock der pandemiebedingten Festspiel-Absage 2020 bröckelte das Vertrauen in das Konstrukt. Nicht etwa wegen des immer währenden familiären Wagner-versus-Wagner-Zwists. Und auch kaum, weil mancher in der mittlerweile real existierenden Republik kleinkrämerisch fragte, ob des Staates Geld oben auf dem Hügel denn auch richtig investiert sei im Namen des Volkes.

Sondern schlicht, weil im Tal die Zahlen nicht mehr so recht stimmten. Oben war immer noch ausverkauft, doch unten sank die Verweildauer der Gäste in den Hotels und Pensionen. Denn welche Herrlichkeiten es Abseits des Hügels in Bayreuth zu entdecken gibt, war offenbar zunehmend in Vergessenheit geraten - sehr zum Gram von Bayreuths Tourismus-Beauftragten: die interessante französisch inspirierte Architektur in der Altstadt etwa oder die Schlösser wie die einzigartige Eremitage mit ihrem romantischen Park und ihren Wasserspielen. All jenes also, was vor Wagner schon da war. Das funkelnde Juwel darunter: das von Wagner verschmähte Markgräfliche Opernhaus. Und außerhalb der Festspielzeit? Besser gar nicht so genau fragen.

Um Bayreuth von seiner Wagner-Abhängigkeit zu befreien, veranstaltet man nun aber nicht nur das Musikfestival Bayreuth Baroque im Markgräflichen Unesco-Wunder. Es wird vom 1. bis 12. September stattfinden und soll auch weltweit gestreamt werden. Man übt sich auch in lässigeren Formaten wie der "Summertime Bayreuth", die schon seit Wochen parallel zu den Wagner-Festspielen an vielen Orten der Stadt für Sang und Klang sorgt.

Und es gibt noch viel weitergehende Pläne, die noch nicht spruchreif sind, auch wenn ihre Stoßrichtung vollkommen klar ist: die Stadt Bayreuth als weltoffen, so jung wie ihre vielen Studenten und durchaus auch divers zu zeigen. Wenn das am Ende auch wahr würde, und nicht nur ein Göttertraum bliebe, wäre das schön. Und wenn dann auch noch die auf erschreckende Weise investitionsscheue Hotellerie Bayreuths mitmachen würde, wäre es noch viel schöner!

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