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Bandenkriminalität:Bankräuber, die auf alles eine Antwort wissen

Versuchte Bankautomatensprengung

Als die Verbrecherbande den Automaten der Sparda-Bank in Germering sprengen wollte, war die Polizei schon zur Stelle.

(Foto: dpa)

Schon seit Jahren jagen niederländische Verbrecher Geldautomaten in die Luft - nicht nur in Holland. Und je sicherer die Automaten werden, desto mehr Gewalt setzen sie ein.

Meistens sind sie zu zweit. Einer füllt den Bankautomaten mit Gas, dichtet die Fugen ab, zündet die Lunte, klaubt die Geldkassette aus den Trümmern, springt ins Auto, in dem der Kollege wartet, dann rasen sie davon. Das ist der Idealfall für die Diebe. Mehr als jeder zweite Versuch aber geht schief. Und manchmal wartet auch die Polizei auf sie, so wie am Mittwoch in Germering, als es gelang, einen von zwei Tätern und drei Komplizen in einer spektakulären Aktion dingfest zu machen. Zwei Spezialeinheiten der Polizei gaben dabei fast 30 Schüsse ab, einer der Täter ist noch auf der Flucht. Nach dem Mitglied der "hochprofessionellen und sehr brutalen Bande" werde noch gefahndet, sagte ein Sprecher der Polizei.

Wie fast immer kamen die Männer auch diesmal aus den Niederlanden, wo die neue Variante des Bankraubs 2005 ihren Ausgang nahm. Während dort die Zahl der Überfälle sinkt - von 87 im Jahr 2017 auf bisher 32 im laufenden Jahr -, schlagen sie seit 2015 verstärkt in den Nachbarländern zu. 2017 wurden in Deutschland etwa 500 Geldautomaten gesprengt, in diesem Jahr sind es knapp 200. "Audi-Bande" werden die Verbrecher hierzulande genannt, weil sie am liebsten schwere, mehrere Hundert PS starke Fahrzeuge dieser Marke klauen und für ihre Raubzüge verwenden. In der Heimat heißen sie "Plofkrakers" (etwa: Knallknacker oder Puffknacker), was auf das Explosionsgeräusch anspielt.

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Die Bande soll etwa 250 Mitglieder haben, allerdings hängen die einzelnen Zellen vermutlich eher lose zusammen. Die meisten Mitglieder kommen aus Vorstädten von Amsterdam und Utrecht und haben marokkanische Wurzeln. Manche aber auch nicht. Das zeigt der Prozess gegen fünf "Plofkrakers", der gerade in Utrecht läuft. Nur einer der fünf Beschuldigten ist nordafrikanischer Herkunft. Den Männern werden Überfälle in den nordrheinwestfälischen Städten Emsdetten, Rheine und Wesel vorgeworfen, bei denen sie mehr als 500 000 Euro erbeutet haben sollen. 2017 wurden sie nach einer Verfolgungsjagd in den Niederlanden gefasst - ein Reifen ihres Audis war geplatzt. Wie üblich streiten die Beschuldigten, die offiziell von Sozialhilfe oder geringen Einkommen leben, die Vorwürfe ab und verraten nichts über Mitwisser oder Handlanger. Doch die Ermittler fanden in dem Audi Gasflaschen, Teile einer Geldkassette, Skimützen und Brecheisen. Außerdem verrieten die Telefone der fünf, dass sie am Tatort waren.

Die Staatsanwaltschaft fordert bis zu zwölf Jahre Haft für die Verdächtigen. So hohe Strafen sind erst seit Mai möglich, zuvor wurden die Überfälle noch als gewöhnliche Einbrüche behandelt. Härtere Strafen gehören zu der Strategie, mit der die Politik der Verbrechensserie entgegentritt. Die Überfälle sind jedoch derart lukrativ, dass viele Bandenmitglieder nach ihren Haftstrafen sofort wieder einsteigen.

"Wir wollen die Automaten verfügbar halten, aber das Sicherheitsrisiko steigt"

Die niederländische Polizei hat mehr Erfahrung mit den Automatenknackern als ihre deutschen Kollegen und probiert inzwischen neue Ermittlungsmethoden aus. In Roermond setzt sie auf die Koppelung diverser Daten mit Bildern von Überwachungskameras, was ermöglichen soll, verdächtige Fahrzeuge ausfindig zu machen. Sogar Geräuschdetektoren werden eingesetzt, die anschlagen sollen, wenn eines der schnellen Autos, die die Diebe fahren, unterwegs ist.

Auch die Banken haben investiert: In den Automaten stecken jetzt oft Gasdetektoren und die Geldkassetten sind besser gesichert; werden sie aufgebrochen, spritzt oft Tinte auf die Geldscheine, die nicht abzuwaschen ist. Jedoch wussten die Räuber bisher auf alles eine Antwort. Und je sicherer die Automaten werden, desto mehr Gewalt setzen sie ein. Immer öfter verwenden sie statt Gas echten Sprengstoff.

"Es ist ein Dilemma", sagt Yvonne Willemsen von der niederländischen Bankenvereinigung. "Wir wollen die Automaten verfügbar halten, aber das Sicherheitsrisiko steigt. Sie weniger zu beschützen ist keine Option; wir wollen nicht, dass die Kriminellen mit dem Geld abhauen." Das wirksamste Mittel sei daher, die Zahl der Automaten zu verringern. In Deutschland gibt es etwa 60 000, in den Niederlanden nur noch 7000 bis 8000. Für die Niederländer scheint das halb so wild zu sein, sie stehen dem Bezahlen mit Karte offener gegenüber als die Deutschen.