Germering Polizei schnappt Bande von Geldautomaten-Sprengern

  • Das Vorgehen ist immer dasselbe: Die Täter leiten Gas in Geldautomaten, um sie zu sprengen. Danach verschwinden sie so schnell, wie sie gekommen waren.
  • In den Niederlanden und in Deutschland soll die Bande Hunderte Automaten geknackt und geplündert haben.
  • In Germering bei München gelang der Polizei nun ein Schlag gegen die Organisation, die wegen der Wahl ihrer hoch motorisierten Fluchtfahrzeuge von Ermittlern "Audi-Bande" genannt wird.
Von Martin Bernstein

In einer spektakulären Aktion hat die Münchner Polizei am frühen Mittwochmorgen vier Mitglieder einer internationalen Bande festgenommen, die für Hunderte Geldautomaten-Sprengungen in ganz Deutschland verantwortlich ist. Die Täter wurden ertappt, als sie gerade den Geldautomaten der Sparda-Bank am "Kleinen Stachus" in Germering sprengen wollten. Einer der Automatenknacker wurde angeschossen, nachdem er bei einem Fluchtversuch einen Polizisten verletzt hatte, sein Komplize türmte zunächst zu Fuß. Drei weitere mutmaßliche Bandenmitglieder nahmen Spezialeinsatzkräfte wenige Minuten später in einer Wohnung in Gilching fest.

Sechs dunkle Autos stehen am Mittwochmorgen auf der Straße in der Germeringer Otto-Wagner-Straße. Sichtschutzwände, die die Unterpfaffenhofener Feuerwehr aufgebaut hat, verbergen, was Passanten nicht sehen sollen: die Arbeit der Spurensicherung und der Ermittler des Landeskriminalamts, mit gelben Markierungen gekennzeichnete Projektile und Geschosshülsen auf dem Pflaster, Einschusslöcher in der Windschutzscheibe eines dunklen Audi RS 5, eine abgerissene Stoßstange, die vor dem Eingang zu der Genossenschaftsbank liegt, fünf demolierte oder beschädigte Zivilfahrzeuge der Polizei mit Münchner und Starnberger Kennzeichen.

Echt ist manchmal zu echt

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Um 2.30 Uhr hatten mehr als 20 Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) zugeschlagen. Sie warteten, bis die beiden Täter ihre in Koffern verstauten Utensilien, darunter Gasflaschen, ausgeladen hatten und damit zur Tat schreiten wollten. Einer der Männer war bereits im Vorraum der Bank und machte sich am Automaten zu schaffen, der andere war gerade auf dem Weg. Mit fünf Autos fuhren die SEK-Beamten in diesem Moment vor, blockierten das Fahrzeug der Automatenknacker und griffen zu. Zu groß war die Gefahr, dass bei einer Explosion das ganze Gebäude mit der Hausnummer 2a, in dem auch mehrere Menschen wohnen, beschädigt oder - wie vor einem Monat in Regensburg geschehen - in Brand hätte gesetzt werden können.

Einer der Täter sprang in sein Auto und versuchte, die Polizeiblockade zu durchbrechen. Tatsächlich gelang es ihm, mit dem 450 PS starken, knapp zwei Tonnen schweren Audi mehrere Polizeiautos zur Seite zu rammen. Dabei wurde ein Polizist schwer verletzt. Nach Angaben von Markus Kraus von der Münchner Kriminalpolizei brach sich der Beamte Schien- und Wadenbein.

Ob der Täter in Tötungsabsicht handelte, muss laut Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich noch geprüft werden. Was dann passierte, untersuchen derzeit interne Ermittler des Landeskriminalamts, die in solchen Fällen routinemäßig aktiv werden. Fest steht, dass auf den Mann hinter dem Lenkrad mehrere Schüsse aus Polizeiwaffen abgegeben wurden, um ihn zu stoppen. Der 27-Jährige wurde von einer Kugel in die Schultermuskulatur getroffen.

Das Getümmel beim Ausbruchsversuch, bei dem zwei weitere Polizisten leicht verletzt wurden, nutzte der zweite Täter zur Flucht zu Fuß. Die Polizei schloss nicht aus, dass er versuchen könnte, in eine zuvor observierte Wohnung im nahen Gilching zu gelangen, und griff auch dort zu. Zwei junge Frauen, 17 und 19 Jahre alt, und ein 47-jähriger Mann wurden festgenommen. Die Logistikhelfer der Gruppe, wie die Polizei vermutet. Sie haben wohl ausgekundschaftet, welche Banken besonders geeignete Geldautomaten besitzen.

Anmerkung der Redaktion

In der Regel berichtet die SZ nicht über ethnische, religiöse oder nationale Zugehörigkeiten mutmaßlicher Straftäter. Wir weichen nur bei begründetem öffentlichen Interesse von dieser im Pressekodex vereinbarten Linie ab. Das kann bei außergewöhnlichen Straftaten wie Terroranschlägen oder Kapitalverbrechen der Fall sein oder bei Straftaten, die aus einer größeren Gruppe heraus begangen werden (wie Silvester 2015 in Köln). Ein öffentliches Interesse besteht auch bei Fahndungsaufrufen oder wenn die Biografie einer verdächtigen Person für die Straftat von Bedeutung ist. Wir entscheiden das im Einzelfall und sind grundsätzlich zurückhaltend, um keine Vorurteile gegenüber Minderheiten zu schüren.​

Denn im Gegensatz zu einigen eher dilettantischen Nachahmungstätern, die in den vergangenen Wochen auch der bayerischen Polizei ins Netz gingen, geht die international agierende sogenannte Audi-Bande hochprofessionell vor. "Das sind Täter aus der Preisklasse Champions League", sagt Polizeisprecher Marcus Da Gloria Martins am Mittwochmittag in München. Die Gangster sind effizient, aber vor allem absolut rücksichtslos.

Ihren Spitznamen hat die rund 250 Köpfe starke Bande von den schnellen, hoch motorisierten Autos, die sie für ihre Taten verwendet. Gestohlene Autos mit gestohlenen Nummernschildern, wie auch im Fall Germering. Die Bandenmitglieder kommen aus den Niederlanden, wo die Serie vor einigen Jahren begann. Als dort die Geldinstitute immer mehr aufrüsteten, um ihre Automaten technisch vor Angriffen zu schützen, und die Aktionen für die Gangster damit immer riskanter und auch teurer wurden, verlagerten die Gangster ihre Tätigkeit in die Nachbarländer.

Geldautomaten sprengen - seit einigen Jahren regelrechter Trend

Seit 2015 fliegen in Deutschland reihenweise Geldautomaten in die Luft. Die Ermittler in mehreren Bundesländern haben inzwischen ein recht genaues Bild davon, wie sich die Bande zusammensetzt. Die Täter sind überwiegend junge Niederländer marokkanischer Abstammung aus den Vorstädten von Amsterdam und Utrecht. Auch mehrere der in Germering und Gilching Festgenommenen sollen aus diesem Milieu kommen.

Wie ihnen die Ermittler auf die Schliche gekommen sind, verrät Chef-Fahnder Markus Kraus nicht. Ausgangspunkt waren zwei Serien ähnlicher Taten im Herbst vor einem Jahr sowie Ende April, Anfang Mai 2018. Insgesamt sieben Geldautomaten in Schwabing, Milbertshofen, Ottobrunn, Grünwald und Berg am Laim wurden attackiert. Nicht jeder Angriff war erfolgreich. Doch in vier Fällen erbeuteten die Täter insgesamt rund 900 000 Euro. Bayernweit gab es in den vergangenen zwei Jahren 28 derartige Taten. Bei ihren Ermittlungen stieß die Münchner Polizei auf die Gruppe, die um den 8. Oktober in den Großraum München kam. Von da an wurden die Automatenknacker auf Schritt und Tritt observiert. Bis der Polizei am Mittwochmorgen der entscheidende Schlag gelang.

Dass ein Täter zunächst entkam, ist offenbar kein großes Malheur. "Der Tatsache, dass wir keinen Fahndungsaufruf machen, können Sie den Rest entnehmen", sagt Polizeisprecher Martins. Heißt wohl: Man kennt den Flüchtenden, seine Festnahme dürfte nur eine Frage der Zeit sein.