Autodidakt:"Ich wollte raus und Klavier spielen"

Autodidakt: Der Pianist Andre Racz spielt auf der Münchner Corneliusbrück, an einem der Klaviere, die für die Aktion "Play me I´m yours" aufgestellt wurden.

Der Pianist Andre Racz spielt auf der Münchner Corneliusbrück, an einem der Klaviere, die für die Aktion "Play me I´m yours" aufgestellt wurden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Andre Racz führt ein unstetes Leben, dann entdeckt er ein öffentliches Klavier. Eine Art Rettung für den 18-Jährigen.

Von Christiane Lutz

An sein erstes Klavier erinnert sich Andre Racz noch genau. Er war 16 und das Klavier stand im Musikraum seiner damaligen Schule. Ein beliebter Mitschüler spielte darauf, alle fanden das toll. Andre wollte in dem Moment auch toll gefunden werden. Also setzt er sich an das Klavier und spielt los. Haut auf die Tasten ein, spürt zum ersten Mal, wie sich das anfühlt.

Sehr, sehr gut fühlt sich das an.

Klaviere hatten in seinem Leben bis zu dem Zeitpunkt keine Rolle gespielt. Weil er keine Noten kennt, komponiert er eigene Stücke, spielt nach Gehör nach, was er auf Youtube findet. Eines seiner ersten Stücke war der Tetris-Song. "Die erste Woche war's schwer, dann ging's eigentlich", sagt er. Jeder, der schon mal Klavierunterricht hatte, weiß, dass nach einer Woche gar nichts geht. Aber Andre ist nicht jeder.

Heute ist Andre Racz 18, ein junger Mann, der genau zuhört und besonnen antwortet. Kein Sprücheklopfer. Er verbringt den Tag in München, klappert die "Play me, I'm yours"-Klaviere ab. Er liebt öffentliche Klaviere, weil die das Publikum gleich mitliefern. Nach Publikum sehnt er sich, denn sein größter Wunsch ist, vom Klavierspielen leben zu können. Um davon leben zu können, braucht er Zuhörer.

Andre Racz' Leben ist, vorsichtig ausgedrückt, bis vor Kurzem sehr unstet verlaufen. Er wächst bei seiner Mutter in München auf, die zu viel trinkt und sich nicht so um ihn kümmern kann, wie er das gebraucht hätte. Seinen Vater kennt er damals nicht. Er kommt zu einer ersten Pflegefamilie, zu einer zweiten, in ein Kinderheim. Er kann heute nicht mehr genau sagen, wann was passiert ist. An seine Vergangenheit erinnert er sich nicht sehr gern. Er meint, dass er "vielleicht 16" war, als er anfängt, Sachen im Internet zu bestellen, bis er irgendwann Schulden in Höhe von 7000 Euro hat. Damals lebt er bei einer Pflegefamilie in Ravensburg und ist sehr unglücklich. Er wird in eine Klinik nach Bayern geschickt, eine "Reha", wie er es nennt. Dort findet er das zweite Klavier.

Er spielt dort alles, was ihm gefällt. Charts, Yann Tiersen, eigene Kompositionen. Er entdeckt die Musik von Ludovico Einaudi. Dessen fließende Klänge berühren ihn, lösen Bilder in seinem Kopf aus. Er nimmt die Motive von Einaudis Stücken auf und führt sie selbst weiter, komponiert auf diese Art viele Lieder. Racz sagt, ihn interessieren bestimmte Töne und Akkorde. Solche, deren Namen er nicht kennt.

Dass er etwas kann, was andere nicht können, sagen ihm die Menschen in der Reha. Er spielt so oft, dass die Hausleitung ihm schließlich feste Probezeiten verordnet. Bei jeder Gelegenheit fährt er an den Münchner Hauptbahnhof, da steht ein Klavier im kargen Warteraum in der Haupthalle. Vielleicht soll es gestrandete Reisende etwas milder stimmen.

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