Süddeutsche Zeitung

Autodidakt:"Ich wollte raus und Klavier spielen"

Lesezeit: 4 min

Andre Racz führt ein unstetes Leben, dann entdeckt er ein öffentliches Klavier. Eine Art Rettung für den 18-Jährigen.

Von Christiane Lutz

An sein erstes Klavier erinnert sich Andre Racz noch genau. Er war 16 und das Klavier stand im Musikraum seiner damaligen Schule. Ein beliebter Mitschüler spielte darauf, alle fanden das toll. Andre wollte in dem Moment auch toll gefunden werden. Also setzt er sich an das Klavier und spielt los. Haut auf die Tasten ein, spürt zum ersten Mal, wie sich das anfühlt.

Sehr, sehr gut fühlt sich das an.

Klaviere hatten in seinem Leben bis zu dem Zeitpunkt keine Rolle gespielt. Weil er keine Noten kennt, komponiert er eigene Stücke, spielt nach Gehör nach, was er auf Youtube findet. Eines seiner ersten Stücke war der Tetris-Song. "Die erste Woche war's schwer, dann ging's eigentlich", sagt er. Jeder, der schon mal Klavierunterricht hatte, weiß, dass nach einer Woche gar nichts geht. Aber Andre ist nicht jeder.

Heute ist Andre Racz 18, ein junger Mann, der genau zuhört und besonnen antwortet. Kein Sprücheklopfer. Er verbringt den Tag in München, klappert die "Play me, I'm yours"-Klaviere ab. Er liebt öffentliche Klaviere, weil die das Publikum gleich mitliefern. Nach Publikum sehnt er sich, denn sein größter Wunsch ist, vom Klavierspielen leben zu können. Um davon leben zu können, braucht er Zuhörer.

Andre Racz' Leben ist, vorsichtig ausgedrückt, bis vor Kurzem sehr unstet verlaufen. Er wächst bei seiner Mutter in München auf, die zu viel trinkt und sich nicht so um ihn kümmern kann, wie er das gebraucht hätte. Seinen Vater kennt er damals nicht. Er kommt zu einer ersten Pflegefamilie, zu einer zweiten, in ein Kinderheim. Er kann heute nicht mehr genau sagen, wann was passiert ist. An seine Vergangenheit erinnert er sich nicht sehr gern. Er meint, dass er "vielleicht 16" war, als er anfängt, Sachen im Internet zu bestellen, bis er irgendwann Schulden in Höhe von 7000 Euro hat. Damals lebt er bei einer Pflegefamilie in Ravensburg und ist sehr unglücklich. Er wird in eine Klinik nach Bayern geschickt, eine "Reha", wie er es nennt. Dort findet er das zweite Klavier.

Er spielt dort alles, was ihm gefällt. Charts, Yann Tiersen, eigene Kompositionen. Er entdeckt die Musik von Ludovico Einaudi. Dessen fließende Klänge berühren ihn, lösen Bilder in seinem Kopf aus. Er nimmt die Motive von Einaudis Stücken auf und führt sie selbst weiter, komponiert auf diese Art viele Lieder. Racz sagt, ihn interessieren bestimmte Töne und Akkorde. Solche, deren Namen er nicht kennt.

Dass er etwas kann, was andere nicht können, sagen ihm die Menschen in der Reha. Er spielt so oft, dass die Hausleitung ihm schließlich feste Probezeiten verordnet. Bei jeder Gelegenheit fährt er an den Münchner Hauptbahnhof, da steht ein Klavier im kargen Warteraum in der Haupthalle. Vielleicht soll es gestrandete Reisende etwas milder stimmen.

Diakonin Julia Mühlendyck verändert Andres Leben

Im Frühjahr bricht Andre Racz die Reha ab und zieht nach Augsburg zu seinem Vater. "Ich war depressiv und fertig", sagt er. "Ich wollte raus und Klavier spielen. Hätt' ich die Entscheidung nicht getroffen, hätt' ich Julia nicht kennen gelernt und wäre am Arsch jetzt."

Julia, das ist Julia Mühlendyck und neben Ludovico Einaudi die zweite Begegnung, die Andre Racz' Leben verändert hat. Mühlendyck ist 35, Diakonin, Mutter von vier Kindern und so etwas wie Andres mütterliche Mentorin. Sie hörte ihn am Bahnhof spielen und sprach ihn an. Heute wohnt er in einer Wohnung in Augsburg, die ihr gehört. Sie hat ihm sein erstes eigenes Klavier organisiert, hilft bei Behördengängen und verschafft ihm kleinere Auftritte. Eine eigene Webseite hat sie auch für ihn einrichten, Visitenkarten drucken lassen. Julia sagt, sie sei "auf der Sonnenseite der Gesellschaft" aufgewachsen, wenn jemand in Not sei, hilft sie. Andres Geschichte habe sie einfach berührt.

Ihre Beziehung ist nicht unkompliziert, immer wieder gibt es Streit. Es fällt Andre Racz schwer, sich auf Menschen einzulassen. Den Alltag in einer harmonischen Familie, wie Julia Mühlendyck sie hat, kennt er nicht. Manchmal sei ihm Julia "zu pädagogisch", dann wird er eben bockig. Am nächsten Tag tue es ihm leid.

Julia Mühlendyck schlägt vor, Andre könne sich einen kleinen Job suchen, irgendwas Sicheres, zum Geld verdienen. Andre möchte sich lieber aufs Klavierspielen konzentrieren. Sie schlägt ihm vor, Klavierunterricht zu nehmen. Wenn er vom Spielen leben wolle, sei es wichtig, sich weiter zu entwickeln, sich verständigen zu können, auch mit anderen Musikern. Andre findet das nicht so logisch. Was sollte ihm ein Lehrer beibringen, was er sich nicht selbst beibringen kann? Eine konventionelle musikalische Ausbildung sieht er als eher hinderlich. Die haben ja alle. Außerdem findet er, dass die meisten, die nach Noten spielen, nur dümmlich auf ihr Papier starren. "Die hören das Lied gar nicht." Notenlesen aber möchte er lernen. Bald mal.

Andre Racz hofft auf eine dieser Youtube-Wunder-Geschichten, bei denen ein Außenseitertyp plötzlich Millionen Klicks bekommt. Er hofft darauf, Erfolg zu haben - als der Mensch, der er ist, mit dem, was er kann. Er möchte gehört werden.

An einem heißen Nachmittag im August, also ein paar Wochen vor der "Play me, I'm yours"-Runde, ist Andre Racz am Münchner Hauptbahnhof. Um das Klavier im Warteraum herum sitzen schläfrige Reisende, starren in ihre Handys. Als sich Andre Racz auf den niedrigen Hocker setzt und zu spielen anfängt, heben manche kurz den Blick. Es gibt Tage, da verdient er auf diese Weise 200 Euro, die Menschen ihm zustecken. Es gibt auch Tage, an denen sich die Leute laut unterhalten, direkt neben seinem Spiel. Oder andere spielen und geben mit ihrem Können an. Angeberei mag er gar nicht. An solchen Tagen bricht er ab, dann ist er frustriert. Auch darüber, dass alles doch nicht so einfach ist. Trotz Webseite, trotz Visitenkarten.

Er beginnt, Einaudis "Divenire" zu spielen, biegt dann in eine eigene Komposition ab. Er wiegt leicht vor und zurück, die Finger fliegen. Sein Spiel hat eine ungeheure Leichtigkeit, nur sein Blick ist angespannt, unsicher. Ein Mann filmt ihn, eine ältere Frau schließt die Augen und lächelt. Das Klavierspielen lässt Andre Racz eine Verbindung zu Menschen aufnehmen. Die Verbindung, die ihm sonst so schwer fällt und nach der er sich doch sehnt. Beim Klavierspielen ist alles Schwere leicht.

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Quelle:
SZ vom 15.09.2018/baso
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