Hotel Vier Jahreszeiten Dieser Pianist lebt seit 45 Jahren im Hotel

Ein Raum voll Beethoven: Josef Bulva in seiner Suite im siebten Stock des Hotels Vier Jahreszeiten.

(Foto: Catherina Hess)

Seit seiner Flucht aus der früheren Tschechoslowakei ist Josef Bulva Dauergast im Hotel Vier Jahreszeiten in München. Und füllt dort seine Suite mit Musik.

Von Karl Forster

Versonnen schaut Josef Bulva aus dem Mansardenfenster nach Norden in den Himmel. "Von hier aus", sagt er leise, "von hier aus sehe ich die Staatskanzlei. Bei mir daheim schaue ich aufs Meer." Ein paar Sekunden hängt ein bisschen Traurigkeit in der Luft. Doch dann lacht Josef Bulva schon wieder und sagt: "Staatskanzlei ist auch schön." Josef Bulva, 75, spricht in diesem weichen slawischen Akzent, der auch das Deutsche charmant und verführerisch klingen lässt wie Musik.

Er ist Pianist, also, nicht nur Pianist, sondern "der Pianist unter den Pianisten", wie man ihn bei Steinway & Sons nennt. Seit 1973, nachdem er aus der damaligen Tschechoslowakei geflohen war, hat Josef Bulva im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten eine feste Bleibe. 45 Jahre Leben im Hotel. "Es ist schön, wieder in meiner Wahlheimat und vor allem nach eineinhalb Jahren wieder gesund zu sein", sagt Josef Bulva. Man genießt mit ihm diese Freude, vor allem die über die Genesung. Eineinhalb Jahre war er "weg vom Fenster". Wegen diverser Gebrechen. Doch nun ist er wieder da, hochgewachsen, elegant, konzentriert.

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Dass ein Musiker, auch ein so außergewöhnlich erfolgreicher wie Josef Bulva, jahrzehntelang quasi als Dauergast ("Long Stay") in einem renommierten Hotel residiert, ist, bei aller Extravaganz, die ein Virtuosenleben prägt, schon etwas außergewöhnlich. Und eigentlich dem außergewöhnlichen Popstar Udo Lindenberg vorbehalten. Aber erstens hat Josef Bulva aus einem Leben zu erzählen, das noch viel mehr Außergewöhnliches zu bieten hat als ein Leben im Hotel, Schönes wie Schreckliches. Und zweitens ist ein Ort seine wirkliche und geschäftsfähige Heimat geworden, den mit München eine gewisse Namensverwandtschaft verbindet: Monte Carlo im Stadtstaat Monaco. Es war jenes Schreckliche im Leben des Josef Bulva, was ihn anno 1996 dorthin getrieben hat.

Das Schönste widerfuhr ihm, als er 13 Jahre später den Direktor von Steinway & Sons anrief, um ihm mitzuteilen, er, Josef Bulva, könne jetzt wieder Klavierspielen. "Da fragte er mich, ob ich denn eins hätte. Ich sagte: Nein, aber das würde sich schon ergeben. Da meinte er nur: Geben Sie mir ihre Adresse und 72 Stunden, dann haben sie einen Flügel." Es war der Schweizer Handchirurg Beat Simmen von der Züricher Schulthess-Klinik, der das Wunder vollbracht hat. Josef Bulva wird nicht müde, dessen Tat zu rühmen als "weltweit einzigartige chirurgische Leistung".

In sich versunken sitzt er auf der weißen Ledercouch in seiner Suite, als könne er sein Glück immer noch nicht fassen. 13 Jahre ohne Musik, nein: 13 Jahre ohne Musik machen zu können. "Ich hatte ja immer Musik im Kopf", erklärt er, "aber nicht eben nur Musik, sondern immer die Herstellung von Musik, verstehen Sie? Das macht einen fast wahnsinnig." Ein Architekt, so versucht er zu erklären, sehe ja auch nicht ein Gebäude einfach so als Gebäude, in seinem Kopf liefen sofort Prozesse von dessen Entstehung ab. Musik nur im Kopf zu spielen, muss fürchterlich sein.

Heute steht gleich rechts vom Eingang zur Suite im siebten Stock des Hauses, das dieser Tage den 160. Geburtstag begeht, ein schwarzes Klavier, Deckel offen.

In dem Hotelzimmer steht auch ein Klavier zum Üben.

(Foto: Catherina Hess)

Josef Bulva hat sich eine eindrucksvolle Beschreibung zugelegt, um zu veranschaulichen, was damals, an diesem verhängnisvollen 22. März 1996, bei einem Besuch in seiner Heimat passierte. Es waren nur acht Meter von der Haustür zum wartenden Auto. Doch da rutschte Josef Bulva auf dem schneeglatten Weg aus, stürzte mit der linken Hand voran auf Glasscherben, die unter dem Schnee verborgen lagen. "Es sah aus wie ein Fleischpflanzl mit hämatologischer Aktivität", sagt er und lacht ein wenig in der Hoffnung, man habe die Dramatik im Lustigen erkannt.

Es war, als habe der Blitz in Josef Bulvas Leben eingeschlagen. Ein Pianist auf der Höhe des Ruhms, von Joachim Kaiser in der SZ als "Pianist des wissenschaftlichen Zeitalters" gepriesen, verliert binnen einer Sekunde sein Arbeitsinstrument, auch wenn es nur der kleine Finger der linken Hand ist. Nur?