Ausstellung:Im Takt

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Ausstellung: Mit dem Foto "Katzenkonzert", erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 1./2. März 1958, begann die Karriere von Barbara Niggl Radloff.

Mit dem Foto "Katzenkonzert", erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 1./2. März 1958, begann die Karriere von Barbara Niggl Radloff.

(Foto: Barbara Niggl Radloff/Münchner Stadtmuseum)

Die Fotografin Barbara Niggl Radloff näherte sich den Menschen mit großem Interesse und noch mehr Geduld. Ihre außergewöhnlichen Porträtaufnahmen zeigt das Münchner Stadtmuseum nun unter dem Titel "Vertrauliche Distanz".

Von Evelyn Vogel, München

Was muss das für eine Selbstbestätigung für die junge Fotografin gewesen sein, ihre Aufnahme seitentragend in der Süddeutschen Zeitung zu sehen. Kein journalistisches Foto, für das sie losgeschickt worden wäre, um ein konkretes Ereignis abzulichten. Sondern ein Bild, das im Feuilleton der Wochenendausgabe vom 1./2. März 1958 zu einer wunderbaren Schnurre des Schriftstellers Eugen Skasa-Weiß über Siam-Katzen abgedruckt wurde. Das wirklich außergewöhnliche Foto zeigt eine Katze mit ihren Jungen, die in einem Zimmer wie um einen Notenständer herumtanzen, scheinbar dirigiert von einer unsichtbaren Person, deren Hand nur mit dem Taktstock ins Bild hineinragt. Es war die erste Veröffentlichung der gerade 22-jährigen Barbara Niggl, nur ein halbes Jahr, nachdem sie die Abschlussprüfung am Institut für Bildjournalismus in München, einer der führenden deutschen Fotoschulen der Nachkriegszeit, "als herausragend begabte Schülerin" quasi mit links bestanden hatte. Es sollte nicht die letzte bleiben.

"Vertrauliche Distanz" heißt die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, mit der das Werk der Fotografin Barbara Niggl Radloff, deren Karriere so bemerkenswert begann, erstmals gewürdigt wird. Anlass war, dass ihr Nachlass 2018 als Schenkung der Familie in die Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums gekommen war. Mehr als 2500 Abzüge sowie ein Negativ-Archiv mit mehr als 50 000 Aufnahmen wollten erforscht und erschlossen werden, was vor allem dem jungen Kunsthistoriker Maximilian Westphal mit seiner preisgekrönten Masterarbeit über die Fotografin gelang.

Ausstellung: Barbara Niggl Radloffs Selbstporträt erschien 1965 auf dem Titelblatt der Zeitschrift "scala international".

Barbara Niggl Radloffs Selbstporträt erschien 1965 auf dem Titelblatt der Zeitschrift "scala international".

(Foto: Barbara Niggl Radloff/Münchner Stadtmuseum)

Das "Katzenkonzert" (die Entdeckung ist übrigens dem Publizisten Hans-Michael Koetzle zu verdanken) ist wie andere frühe Aufnahmen dort natürlich auch zu sehen. Im Mittelpunkt der Ausstellung aber steht Niggl Radloffs Porträtfotografie, für die sie bald schon bekannt wurde. 1960 hatte sie bei der Münchner Illustrierten eine Anstellung als Verlagsfotografin erhalten - als damals einzige Frau. 1961 erhielt sie einen Vertrag für die Zeitschrift scala international, wo sie 1965 sogar mit ihrem Selbstporträt auf der Titelseite zu sehen war. Auch in den Illustrierten Quick und twen sowie dem einflussreichen Jahrbuch Das Deutsche Lichtbild wurden ihre Aufnahmen veröffentlicht.

Auf Reisen durch Deutschland, Israel und Moskau, die sie bis 1966 unternahm, porträtierte sie Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Besonders oft aber international bekannte Künstlerinnen und Künstler, darunter zahlreiche Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Hannah Arendt, sonst eher staatstragend ernst, bekam sie 1958 beim ersten Kulturkritikerkongress in München lächelnd vor die Kamera. Die bald 90-jährige Annette Kolb mit einer flüchtigen Geste ein Jahr später bei einer Lesung im Cuvilliés-Theater. Erich Kästner ließ die Fotografin 1962 im Herzogpark aus einem unscharfen Vordergrund aus Blättern hervortreten, Lale Andersen versteckte sie beinahe hinter den von ihr ausgestoßenen Rauchwolken.

Ausstellung: Truman Capote im Garten der Pension Biederstein, München, 1960/61.

Truman Capote im Garten der Pension Biederstein, München, 1960/61.

(Foto: Barbara Niggl Radloff/Münchner Stadtmuseum)

Ganz besonders interessant ist aber die Porträtaufnahme von Truman Capote. Der amerikanische Schriftsteller war Anfang der Sechzigerjahre zwar physisch in München anwesend, nicht jedoch gedanklich: "Er litt an diesem Tag, bzw. dieser Stunde, unsäglich unter der Trennung seines Mopses, der totgeweiht in einem Krankenhaus lag." So beschrieb es Niggl Radloff, die mit Capote durch den Garten der Pension Biederstein streifte und ihn schließlich wie aus einem ihn beschützenden Busch heraustreten ließ. Für wie bedeutsam im Hinblick auf ihre Arbeit die Fotografin diese Aufnahme hielt, belegt ihr Schreiben 1962 an den Bonner General-Anzeiger. Der hatte Barbara Niggl Radloff für eine Reihe über die "Elite deutscher Fotografen" um ihr Lieblingsbild und einige erläuternde Worte gebeten. Sie schickte Capotes Porträt und schrieb dazu: "Es scheint mir durch Umgebung und Stimmung [...] gelungen zu sein, die Person des Dichters und die Personen in seinen Büchern zugleich bildlich erfaßt zu haben." Auch Kurator Maximilian Westphal nennt das Foto im Katalog "zweifellos einen Höhepunkt innerhalb ihres beeindruckenden Œuvres an Porträtfotografien".

Ausstellung: Lale Andersen 1962 in München.

Lale Andersen 1962 in München.

(Foto: Barbara Niggl Radloff/Münchner Stadtmuseum)

Die Ausstellung zeigt Capotes Foto - wie beispielsweise auch das von Günther Grass mit einem seiner Zwillinge - umgeben von als raumhohe Streifen reproduzierten Kontaktabzügen. So lässt sich sehr gut nachvollziehen, wie sich die Fotografin geduldig zusammen mit den zu Porträtierenden durch Raum und Landschaft bewegte, um sich ihnen anzunähern. Und ganz im Sinne des Ausstellungstitels "Vertrauliche Distanz" zu schaffen. Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind einige Arbeiten von Zeitgenossen Niggl Radloffs, die einen Vergleich der fotografischen Bildsprachen jener Zeit ermöglichen. Außerdem widmet sich ein Kapitel den seit 1986 entstandenen Aufnahmen von Gästen des Künstlerhauses Villa Waldberta in Feldafing am Starnberger See.

Dort lebte sie - inzwischen mit dem Künstler Gunther Radloff verheiratet und Mutter von drei Kindern - seit 1966. Ihre Leidenschaft für die Fotografie hat Barbara Niggl Radloff bis ans Lebensende 2010 nicht verlassen. Ihre Karriere aber, die so vielversprechend begonnen hatte, war nach der Familienpause faktisch zu Ende. Ein dann doch typisch weiblicher Lebenslauf - nicht nur jener Zeit.

Vertrauliche Distanz. Fotografien von Barbara Niggl Radloff 1958-2004, Stadtmuseum München, St.-Jakobs-Platz 1, bis 20. März 2022, der Katalog ist im Schirmer/Mosel Verlag erschienen und kostet im Buchhandel 29,80 Euro

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