Asylsuchende Ärzte im Dauereinsatz für Flüchtlinge

Ursula Beirer und Marc Anschütz warten in den Zelten vor dem Hauptbahnhof auf Flüchtlinge.

(Foto: Florian Peljak)
  • Krankenpfleger, Ärzte, Sanitäter - viele von ihnen arbeiten derzeit rund um die Uhr, um Flüchtlingen am Münchner Hauptbahnhof zu helfen. Nachdem der Dienstag ruhig war, kommen aktuell wieder mehr Menschen dort an.
  • Jeder geflüchtete Mensch wird medizinisch untersucht.
  • Sehr geschwächte Flüchtlinge kommen im Klinikum Schwabing unter.
Von Inga Rahmsdorf

Als der kleine Junge mit seiner Familie das Zelt betritt, ist ein schmutziger Verband um sein Gesicht gewickelt. Die Kinderärztin Lena Meier stellt fest, dass der Kiefer des etwa vierjährigen Kindes gebrochen ist und eine Pupille nicht mehr reagiert. Sie ruft den Dolmetscher, er übersetzt, was die Eltern erzählen. Die Familie ist aus Syrien geflohen. Ihr Sohn sei vor vier Tagen in Ungarn vom Auto angefahren worden.

Das Kind muss sofort in die Klinik, ganz dringend, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, sagt die Kinderärztin. Die Eltern bekommen Panik. Nein, auf keinen Fall wollen sie ins Krankenhaus. Sie haben Angst, dass die Familie getrennt wird. Doch die Ärzte in dem Zelt am Münchner Hauptbahnhof können sie beruhigen, die Eltern und Geschwister dürfen mitfahren.

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Das sei schon ein besonders schwerer Fall gewesen, sagt die Münchner Kinderärztin Lena Meier, die nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen möchte. Seit Tagen arbeitet sie fast täglich mehrere Stunden in einem der vier weißen Zelte, die zur medizinischen Untersuchung am Hauptbahnhof aufgebaut worden sind.

Viele ehrenamtliche Dolmetscher im Einsatz

Wie derzeit auch viele andere Ärzte, Klinikmitarbeiter oder Sanitäter führt Meier das medizinische Screening bei den neu ankommenden Flüchtlingen durch. Ehrenamtlich, und oft noch vor oder nach ihren regulären Arbeitsschichten in Kliniken oder Praxen sind sie im Einsatz: vom Assistenzarzt bis zum Professor, von Gynäkologen über Anästhesisten bis hin zu Krankenpflegern.

Wenn der Andrang am Bahnhof gerade groß ist, stehen die Flüchtlinge in langen Schlangen vor den Zelten. Meistens dauert die medizinische Untersuchung pro Person nur eine halbe Minute. Ein Blick auf Bauch, Rücken, Hände und Haare, dann noch Fieber messen und die Frage, ob alles in Ordnung sei.

Mittlerweile kennt die Kinderärztin auch die arabischen Wörter für Schmerzen und Juckreiz. "Viele der Menschen sind sehr erschöpft und geschwächt von der langen Flucht, die meisten haben aber keine schweren Krankheiten", sagt Meier.

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Notfälle wie das vierjährige Kind werden direkt weiter in Klinken verwiesen, Menschen mit Krätze oder Läusen umgehend in einem besonderen Zelt behandelt, alle anderen werden in die Erstaufnahmeeinrichtungen oder Notunterkünfte gebracht.

Die Arbeit der Ehrenamtlichen gemeinsam mit den Mitarbeitern der Aicher Ambulanz, die für das medizinische Screening am Hauptbahnhof zuständig ist, hätten sich in den vergangenen zwei Wochen sehr gut bewährt, sagt Katrin Zettler, Sprecherin des Gesundheitsreferates. Und auch die Weitervermittlung von Notfällen an die Kliniken funktioniere gut.

Die Situation sei dennoch seltsam, sagt die Kinderärztin Meier. "Die Flüchtlinge erzählen, dass sie Stunden durch Ungarn mit kleinen Kindern gelaufen sind. Oder dass sie drei Tage in einem Zug saßen und gefroren haben, einige Babys sind unterkühlt. Dann kommen sie hier an, werden durch die Zelte geschleust und wir sagen: Please show me your belly."

Trotzdem reagierten die meisten Menschen freundlich und dankbar. Und schließlich sei es auch die Aufgabe der Ärzte, trotz dieser vielleicht etwas peinlichen Prozedur ein Willkommensgefühl und gute Stimmung in den Zelten zu vermitteln, sagt Meier. Und das würde meist auch gelingen.