Architekturspaziergang Messestadt Riem: Ankommen statt abfliegen

Die Messestadt Riem ist eines der jüngsten Quartiere der Stadt, multikulturell und ein Ort der Innovationen: Hier werden Wohnmodelle gelebt, die woanders noch diskutiert werden.

Von Anna Hoben (Texte) und Florian Peljak (Fotos)

Die Geschichte der Messestadt Riem beginnt am 17. Mai 1992. In der Nacht zuvor ist der Münchner Flughafen von Riem ins Erdinger Moos umgezogen. Zwei Jahre hatten die Planungen gedauert, der Umzug selber dauerte nur 16 Stunden - und machte Platz für einen neuen Stadtteil am östlichen Stadtrand, gut sieben Kilometer vom Zentrum entfernt.

Nach Freiham ist die Messestadt Riem der jüngste Stadtteil Münchens. Sie ist eines der größten städtebaulichen Entwicklungsgebiete Europas, und sie ist ein Ort der Innovationen: Während 2017 in der Stadt über dieselfreie Zonen diskutiert wird, gibt es in der Messestadt seit fast 20 Jahren Projekte für autofreies Wohnen. Das erste Mehrfamilien-Passivhaus und das erste Mehrfamilien-Nullenergiehaus Münchens sind hier entstanden. Doch auch was die Architektur betrifft, ist die Messestadt besser als ihr Ruf. Der zeichnet ein monotones Bild von weiß-grauer Schachtelarchitektur, zu niedrig seien die Häuser, heißt es zudem, das räche sich angesichts der aktuellen und künftigen Wohnungsnot. Trotzdem: Die Messestadt ist städtebaulich innovativ. Auch weil experimentelle Wohnprojekte wie das Galeriahaus oder Genossenschaften wie Wogeno, Frauenwohnen oder jüngst die Kooperative Großstadt ausprobieren, was möglich ist, wenn man lieber gemeinschaftlich wohnen möchte.

Tourbeschreibung

Los geht es an der Messestadt West (U2). Von dort sieht man schon den alten Tower. Nachdem man die Teichanlage einmal umrundet hat, geht es von der Willy-Brandt-Allee in die Lehrer-Wirth-Straße und dann rechts in die Erika-Cremer-Straße. Immer geradeaus, bis es links in die Helsinkistraße geht. Kurz nach der Hausnummer 100 links abbiegen und wieder bis zur Lehrer-Wirth- Straße gehen. Nach dem Turnverein rechts in Richtung Park und zum Riemer See. Von dort geht es wieder zurück und über die Selma-Lagerlöf-Straße bis zur U-Bahnstation Messestadt Ost.

Dauer: etwa eineinhalb Stunden

Das Areal der Messestadt Riem ist in mehrere Nutzungsgebiete unterteilt, zentrale Ost-West-Achse ist die Willy-Brandt-Allee. Nördlich davon befinden sich die Neue Messe, der Technologiepark West und das Gewerbegebiet Ost, südlich davon die Wohngebiete, der Riemer Park und eine Promenade mit Infrastruktureinrichtungen. Wohnen, Arbeiten und Natur sind eng miteinander verbunden: Auf 560 Hektar Fläche befinden sich Wohnungen für unterschiedliche Einkommensgruppen, Kindergärten und Schulen, ein Einkaufszentrum, Gewerbeflächen, die Messe und ein fast 200 Hektar großer Landschaftspark mit Rodelhügel und Badesee, der über Grünzüge mit den Wohngebieten vernetzt ist. Und mit der U-Bahn ist man in nur 20 Minuten im Münchner Stadtzentrum.

So multikulturell wie dort hat man es in der Messestadt allemal. "Es gibt nicht zwei Welten hier", hat Gregor Kern vom Bürgerforum Messestadt einmal gesagt. "Es gibt hundert. Oder wenn man so will: eine Welt." Natürlich entspreche der Stadtteil nicht immer der romantischen Vorstellung vom Wohnen, aber mit seiner Multikulturalität sei er besonders und zukunftsweisend. "Die Messestadt hat mehr mit einem New Yorker Viertel zu tun als mit Trudering. Queens hat 149 Nationen bei 2,5 Millionen Einwohnern, wir haben 111 Nationen bei 12 000 bis 13 000 Einwohnern."

Richtig los ging die Geschichte der Messestadt Riem im Jahr 1998, als sich kurz vor Weihnachten der erste Möbelwagen durch den Schnee kämpfte. Die meisten Pioniere kamen 1999. Einrichtungen, die heute noch wichtig sind für den Stadtteil, etwa das Kinder- und Jugendzentrum Quax, entstanden 2000. Die probeweise Flutung des Badesees zwei Jahre später war ein Ereignis. Das riesige Bauloch der Arcaden wurde zur Attraktion für Spaziergänger. Noch gab es kein Einkaufszentrum, keine Läden. Normalerweise spielt sich städtisches Leben ja im Erdgeschoss ab: in Geschäften zum Beispiel, in Cafés oder anderen Lokalen. Da hat die Messestadt Aufholpotenzial, noch gilt meist: Im Erdgeschoss nichts los (außer Wohnen). Das ändert sich nur langsam.

Und es kann ja alles werden. Die Messestadt ist schließlich ein Viertel, das immer noch im Entstehen begriffen ist. Zurzeit läuft der vierte und letzte Bauabschnitt. Durch die Erweiterung der Arcaden bis Sommer 2018 soll auch der Willy-Brandt-Platz - immerhin so groß wie der Marienplatz - zum Leben erweckt werden. Denn noch sei die Willy-Brandt-Allee entlang der Messe eine "tote Straße", sagt der Architekt Ludwig Wappner. In seinen Augen verbindet man mit der Messestadt Riem noch immer das Stigma der Vorstadt, doch das werde ihr nicht gerecht.

All die überzeugten Riemerianer, die sich dort angesiedelt haben, können das bestätigen. Sie schwärmen von der ruhigen Lage und vom Riemer See, in dem man im Sommer in der Früh seine Bahnen ziehen kann. Die Kooperative Großstadt, die von 2019 an dort bauen will, hat die Messestadt augenzwinkernd zum Sehnsuchtsort gemacht: San Riemo nennt die Genossenschaft ihr erstes Wohnprojekt.

1. Alter Flughafen-Tower

Info

Adresse: Olof-Palme-Straße 9

Architekt: Kadawittfeldarchitektur, Aachen

Fertigstellung: 2016

Gehzeit: 8 Minuten von der U-Bahnstation Messestadt West (U2)

Warum es sich lohnt innezuhalten: Seit der Verlegung des Flughafens 1992 lag das Areal in unmittelbarer Nähe des Eingangs zur Messe weitgehend brach. Während die historische Wappenhalle mit ihrer einstigen Abflugzone längst in ein modernes Bürogebäude integriert war, stellte der benachbarte Turm - rostbraun, 35 Meter hoch, denkmalgeschützt - ein Problem dar. Kein Investor konnte etwas mit ihm anfangen; drei Ausschreibungen in den Jahren 1995, 2006 und 2009 scheiterten. Es gab sogar die Idee, den Tower zu versetzen, um das Grundstück besser nutzen zu können. Bis das Medizintechnik-Unternehmen Brainlab sich entschloss, von Feldkirchen nach München-Riem umzusiedeln. Die Aachener Architekten planten einen modernen, schwungvollen Glaskomplex, der sich gewissermaßen um den Turm schmiegt. Der ist vielleicht keine architektonische Schönheit, aber er erinnert imposant an alte Zeiten.

2. Neue Messe Riem

Info

Adresse: Messegelände/Willy-Brandt-Allee

Architekt: Planungsgemeinschaft Neue Messe: Kaup, Scholz, Jesse

Fertigstellung: 1998

Gehzeit: 5 Minunten vom Alten Flughafen-Tower

Warum es sich lohnt innezuhalten: In nur fünf Jahren entstand auf dem ehemaligen Flughafengelände die gewaltige Anlage der neuen Messehallen und des International Congress Centers. Das Areal gilt heute als eines der modernsten und nachhaltigsten Messegelände überhaupt. Mit einer der weltweit größten Photovoltaik-Anlagen auf Gebäudedächern und mit einem ausgefeilten Energiekonzept spart sie jährlich mehr als 8000 Tonnen Kohlendioxid ein. Die Architektur der Hallen soll nach außen ihre Funktion widerspiegeln. Die riesigen Hallen - 161 Meter lang und 71 Meter breit - sind mit leicht gebogenen Dächern gedeckt, die an Flugzeug-Tragflächen erinnern. Und die Messe vergrößert sich weiter: Erst im Juni wurde Richtfest für zwei neue Hallen und einen neuen Konferenzbereich im Nordosten des Messegeländes gefeiert.

3. Riem-Arcaden

Info

Adresse: Willy-Brandt-Platz 5

Architekt: Allmann Sattler Wappner, München

Fertigstellung: 2004

Gehzeit: 6 Minuten von der Neuen Messe Riem

Warum es sich lohnt innezuhalten: Die Arcaden sind nicht nur das Zentrum der Messestadt Riem, sondern auch deren täglicher Nahversorger. Denn außer dem Einkaufszentrum waren in dem Stadtteil beim Bau keinerlei weitere Geschäfte oder Supermärkte geplant. Bis Sommer 2018 entsteht ein Neubau, der die derzeit 100 000 Quadratmeter Nutzfläche der Riem-Arcaden um 18 500 Quadratmeter erweitert. Dann soll auch ein den Willy-Brandt-Platz überspannender Portikus stehen. Das mächtige Tor wird, 22 Meter hoch, zwischen dem Hotel im Osten und dem Neubau im Westen des Platzes gespannt. Neben der aufeinander abgestimmten Fassadengestaltung soll die 150 Meter lange Stahldachkonstruktion den Platz optisch einrahmen. Der Architekt Ludwig Wappner hofft, dass die Dachkonstruktion identitätsstiftend für den Ort sein wird: "Wenn der Portikus gebaut wird, werden alle mit offenen Mündern dastehen."

4. Ökumenisches Kirchenzentrum

Info

Adresse: Platz der Menschenrechte 1

Architekt: Florian Nagler Architekten, München

Fertigstellung: 2005

Gehzeit: 3 Minuten von den Riem-Arcaden

Warum es sich lohnt innezuhalten: Hier teilen sich zwei Kirchen einen Kirchturm, die katholische Kirche St. Florian und die benachbarte evangelische Sophienkirche. Als das 22 Millionen Euro teure ökumenische Kirchenzentrum vor zwölf Jahren eröffnet wurde, überschlugen sich die Lobesredner. Als eine "fast überirdische Erscheinung" wurde es bejubelt, als ein Haus von "mediterranem Flair", modern und leuchtend weiß. Die Euphorie ist inzwischen verflogen. Dunkle Schlieren verunstalten die Fassade. Das Zentrum macht weniger durch seine Eleganz als durch Wasserschäden und sich lockernde Deckenleuchten von sich reden. Jetzt muss teuer saniert werden, denn beim Bau wurde gepfuscht. Ein interessantes Gebäude ist es trotzdem: Nach außen hin gibt es sich eher zurückhaltend, im Inneren jedoch empfängt den Besucher eine andere Welt, die geprägt ist von Ein- und Durchblicken, Höfen und Brunnen.

5. Kinder- und Jugendzentrum Quax

Info

Adresse: Helsinkistraße 100

Architekt: Schneider + Schumacher, Frankfurt/Main

Fertigstellung: 2003

Gehzeit: 6 Minunten vom Ökomenischen Kirchenzentrum

Warum es sich lohnt innezuhalten: Das Kinder- und Jugendzentrum "Quax" liegt an der südlichen Promenade, die das Gelände zum Landschaftspark hin abgrenzt. Tiefe Einschnitte in den schlichten Baukörper bilden Eingangsbereiche und Terrassen. Durch große Verglasungen in diesen Einschnitten entstehen Übergänge zwischen Innen und Außen. Die Nutzung ist aufgeteilt in einen Kinder- sowie einen Jugendbereich, dazwischen liegt der gemeinsam nutzbare Mehrzweckbereich mit Café und Infothek. Längs verläuft eine zweigeschossige Flurzone, sie bildet das Rückgrat und verknüpft die beiden Geschosse räumlich. Die schwarz-gelbe Schachbrettfassade bildet einerseits einen Bezug zu der Landebahn des früheren Flughafens. Andererseits wollten die Architekten durch eine derart unkonventionelle Gestaltung erreichen, dass sich die Kinder und Jugendlichen leicht mit dem für sie geschaffenen Ort identifizieren.

6. Galeriahaus

Info

Adresse: Lehrer-Wirth-Straße 117-121

Architekt: Röpke Architekten, München

Fertigstellung: --

Gehzeit: 6 Minunten vom Kinder- und Jugendzentrum Quax

Warum es sich lohnt innezuhalten: Das preisgekrönte Wohnhaus war eines der ersten Häuser in der Messestadt. Geschützte Innenräume wie hier findet man sonst eher in Einkaufszentren als in Wohngebäuden. Rund um ein glasbedecktes, 1500 Quadratmeter großes Atrium sind 172 Wohnungen angeordnet. Im Laubenganghaus wohnten zur Eröffnung 470 Bewohner, fast die Hälfte davon Kinder unter 16 Jahren. Der Rohbau wurde kostengünstig mit Betonfertigteilen errichtet, doch für ein Projekt des sozialen Wohnungsbaus traf man auch unübliche Maßnahmen, etwa den Einbau von Fußbodenheizungen und die Verwendung ökologischer Materialien. "Es gehört zum Lebendigsten im sozialen Wohnungsbau in der Republik", schwärmte Alt-OB Christian Ude einmal. In den vergangenen Jahren gab es jedoch auch Beschwerden von Bewohnern, die darüber klagten, dass Jugendliche das Haus als Treffpunkt nutzten und vermüllten.

7. Riemer Park / Riemer See

Info

Adresse: -

Architekt: Landschaftsarchitekturbüro Latitude Nord, Paris

Fertigstellung: 2005

Gehzeit: 15 Minuten vom Galeriahaus; etwa 18 Minuten vom Riemer See zur U-Bahnstation Messestadt Ost (U2)

Warum es sich lohnt innezuhalten: Der Riemer Park entstand zur Bundesgartenschau 2005. Hier wurde eine höchst artifizielle Landschaft geschaffen, die geprägt ist von langen, geradlinigen Achsen, streng geometrischen Flächen und schnurgeraden Böschungen. Die wesentliche Idee ist abgeleitet von der Lage des Parks zwischen den Waldflächen im Südosten und der strukturarmen Kulturlandschaft im Nordosten Münchens. Diagonal angeordnete Gehölzflächen stehen in einer weiten Fläche aus Grasheiden und stellen die Verzahnung eines bewaldeten mit einem offenen Landschaftsraum dar. Der Park erfüllt eine wichtige Funktion als Frischluftschneise für die in der Messestadt lebenden und arbeitenden Menschen. Ein zehn Hektar großer Badesee dient als Naherholungsgebiet für den gesamten Münchner Osten. Einiges ist auch noch von der Buga geblieben, etwa der Friendship-Garten, ein Geschenk der Partnerstadt Cincinnati.