Airgreets Die eigene Wohnung, fast ein Hotel

Gemeinsam mit zwei Kollegen hat der Unternehmensberater Sebastian Drescher die Firma Airgreets gegründet, deren Name nicht von ungefähr an Airbnb erinnert.

(Foto: Robert Haas)
  • Das Unternehmen Airgreets ist ein Concierge-Service für Vermieter. Die Firma kümmert sich um Wohnungen von Privatpersonen, die diese zeitweise an Touristen vermieten wollen.
  • Gerade zur Wiesn-Zeit lässt sich damit viel Geld verdienen - allerdings gehen auch 25 Prozent der Einnahmen als Provision an Airgreets.
  • Ein weiterer Kritikpunkt: Das Persönliche, das das Angebot von Airbnb einst auszeichnete, geht so immer mehr verloren.
Von Pia Ratzesberger

Das Wertvollste steht hinten links in der Ecke, unter dem Fenster. Ein kleiner Schrank, nicht einmal einen Meter hoch. Darin hängen die Schlüssel zu 200 Wohnungen. Der Mann neben diesem Schrank ist kein Portier, sondern Unternehmer, ein junger Typ in Jeans und Hemd. Seine Firma dürfte vielen Menschen in München in den vergangenen Monaten bekannt geworden sein, denn ihre Anzeigen forderten einen in den sozialen Netzwerken immer wieder auf, während des Oktoberfestes doch die eigene Wohnung zu vermieten. Besser gesagt vermieten zu lassen. "Wenn man nur ein paar Nächte im Monat nicht in seiner Wohnung ist, lohnt sich das schon", sagt der Mann in Jeans. Er heißt Sebastian Drescher. Die Schlüssel hängen dann hier, in einem Büro in der Nähe des Hauptbahnhofs - und vor allem während des Oktoberfestes sind sie viel wert.

Nie liegen die Zimmerpreise in der Stadt so hoch wie während dieser Wochen, ein Doppelzimmer in der Nähe der Theresienwiese kostet mindestens 200 Euro pro Nacht. Bei Airbnb, wo man die Wohnungen anderer Menschen mieten kann, kostet ein Zimmer nach Angaben des Unternehmens im Schnitt mindestens 157 Euro, in beliebten Vierteln deutlich mehr, und dementsprechend gut verdienen auch Sebastian Drescher und sein Team. "Wir machen jetzt zweieinhalbmal so viel Umsatz in München", sagt er. Seine Firma heißt Airgreets. Das klingt mit Absicht nach Airbnb.

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Sebastian Drescher und die anderen zwei Gründer, alle 31 Jahre alt, hatten die Idee, Menschen die Arbeit abzunehmen, die ihre Wohnung gerne vermieten würden, aber keine Zeit haben sich darum zu kümmern. Ein Concierge-Service für Vermieter. Für Unternehmensberater und Bänker, Pilotinnen "und überhaupt Leute, die glücklicherweise oft in den Urlaub dürfen", so drückt es Drescher aus. Bei deren Profil auf Airbnb ist seine Firma dann als sogenannter Co-Host eingetragen - wer dort bucht, weiß also, dass ihn nicht der Besitzer der Wohnung begrüßen wird, sondern ein Angestellter. Drescher sagt dazu: "Greeter".

Seit diesem Jahr wirbt Airgreets stark um neue Vermieter, das Unternehmen ist mittlerweile in sechs deutschen Städten aktiv, sie sind etwa 25 Leute. Man könne mit seiner Wohnung viel Geld verdienen, ohne viel zu tun, verspricht man den Kunden. Erst neulich schlüsselte Airgreets in einer Pressemitteilung auf, wie viel Geld sich in welchem Viertel während der Wiesn verdienen ließe und machte gleich noch Vorschläge, was man sich von dem Gewinn leisten könnte: Wer eine Wohnung in Haidhausen eine Woche abgebe, verdiene demnach zum Beispiel etwa 1540 Euro und könne zu zweit "in ein Viereinhalb-Sterne-Hotel nach Gran Canaria mit Sonnengarantie fliegen, inklusive Flug ab München und 220 Euro Taschengeld". Ein Viertel der Mieteinnahmen geht allerdings an Airgreets. Als Provision.

Das Unternehmen hat mit Airbnb außer dem ähnlichen Namen nichts gemein, Drescher und seine Kollegen sind eine unabhängige Firma, die sich mit ihrem Service auf das Angebot von Airbnb draufgesetzt hat. "Wir haben mittlerweile sehr, sehr guten Kontakt zu Airbnb", sagt Drescher. Fragt man ihn, ob es die Leute dort nicht störe, wenn eine Firma sich plötzlich einen ähnlichen Namen gebe und einen Service alleine für Airbnb anbiete, sagt er: Man könne sich schon immer vorstellen, auch mehr Portale aufzunehmen, aber Airbnb sei eben das wichtigste am Markt. Zudem nehme man Airbnb ja kein Geld weg und steigere "die Qualität der Angebote auf dem Portal". In allen Wohnungen beziehen seine Mitarbeiter die Betten und legen Handtücher ins Bad, begrüßen die Gäste. Fast wie im Hotel - und genau deshalb kann man das mit der gesteigerten Qualität auch anders sehen.

Airbnb könnte durch solche Services noch mehr das verlieren, was das Angebot früher einmal von anderen Unterkünften unterscheiden sollte. Das Persönliche. Am Anfang war der Gedanke des Unternehmens, das in einem Jahr mittlerweile mehr als drei Milliarden US-Dollar Umsatz macht, sich nicht nur eine hippe Unterkunft buchen zu können, sondern auch mit Leuten vor Ort ins Gespräch zu kommen. Drescher sagt dazu nur: "Für mich ist das Wichtigste, dass mich jemand begrüßt und dass es sauber ist - weniger, dass der Gastgeber selbst zu Hause ist und mir erklärt, wo es die beste Pizza gibt."

Offenbar sehen das mehr Leute so, zumindest scheint es bisher nicht schlecht zu laufen für Airgreets. Wie viel Umsatz die Firma macht, will Drescher nicht sagen, er und sein Team sind aber gerade in ein neues Büro im Bahnhofsviertel gezogen, weil sie sich vergrößern mussten. An der Tür klebt ein provisorisches Schild in einer Klarsichthülle. Er und die anderen zwei Chefs teilen sich ein kleines Büro, sechs Zimmer für 13 Mitarbeiter, nebenan sitzen die Kollegen aus der Kundenbetreuung an einem langen Schreibtisch. Dahinter ein Schrank mit einem Notfallvorrat an Klopapierrollen für die Wohnungen - und der Schrank mit den Schlüsseln.

Airgreets vermietet nur in ausgewählten Postleitzahlgebieten, in München unter anderem in der Altstadt, in Schwabing, in der Maxvorstadt und in Neuhausen, im Lehel und im Glockenbachviertel. Dort also, wo die Mieten besonders hoch liegen und wo immer wieder Mitarbeiter der Stadt nach zweckentfremdeten Wohnungen fahnden; nach Wohnungen, die länger als acht Wochen im Jahr als Ferienwohnungen vermietet werden. Das ist nach dem Bayerischen Zweckentfremdungsgesetz verboten.

Wie Airgreets sich absichere, dass die Kunden dieses Gesetz nicht umgehen? Sebastian Drescher lehnt sich auf seinem Stuhl im kleinen Besprechungsraum zurück. Noch steht darin nur ein Tisch, ein Sofa und ein alter Fernseher. Er hat die Frage schon oft gehört. Es gebe keinen Algorithmus, der die Buchungen überprüfe, aber wenn jemand in Berlin zum Beispiel drei Wohnungen vermieten wolle, werde man misstrauisch. "Wir sind radikal, wenn wir merken, dass es nicht um Homesharing geht." Das sei "für den Umsatz schade, aber moralisch nicht". Er habe schließlich selbst einmal eine Wohnung in München gesucht. Das Gesetz gegen Zweckentfremdung findet er okay, auch wenn sich über die Grenze von acht Wochen streiten lasse - ein längerer Zeitraum wäre ihm natürlich lieber.

Drescher und seine zwei Freunde, heute Kollegen, haben die Firma vor zwei Jahren gegründet. Sie alle arbeiteten damals als Unternehmensberater in München oder in Frankfurt, waren viel unterwegs. Sie suchten nach einer Firma, die ihre Wohnungen vermieten würde, aber es gab keine. Und so fanden sie eine Lösung für ihr eigenes Problem. Um die 50 bis 100 Wohnungen kommen jetzt jeden Monat dazu. Viele vermieten immer wieder über die Firma, sagt Drescher, dann blieben die Schlüssel im Schrank. Hinten links, unter dem Fenster. Vielleicht aber wird der Platz bald nicht mehr reichen. Vielleicht wollen gerade im Winter viele nach Gran Canaria.

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