365-Euro-Ticket Wien hat, was München gerne hätte

Stopp vor der Staatsoper - nur noch 27 Prozent der Wege durch die Stadt legen die Wiener mit Autos zurück, 39 Prozent mit den "Öffis".

(Foto: Mauritius Images)
  • In Wien kostet das Jahresticket für den Nahverkehr nur 365 Euro, Ministerpräsident Markus Söder hat das im Wahlkampf auch für München vorgeschlagen.
  • In Wien war die Einführung des Tickets eine Erfolgsgeschichte: 39 Prozent der Wege werden dort mit den "Öffis" gefahren.
  • Auch in anderen Städten ist das Konzept populär, in Deutschland hat es aber noch keine Stadt umgesetzt.
Von Ralf Wiegand

"Wien, Wien, nur du allein, sollst die Stadt meiner Träume sein": Wer hätte gedacht, dass gerade Markus Söder dieses einst von Fritz Wunderlich gesungene, von Rudolf Sieczyński geschriebene und vom Zeitgeist weggewehte Lied wieder populär machen würde. Im übertragenen Sinne natürlich. Denn das traumhafte Wien ist die einzige europäische Großstadt, die hat, was Bayerns Ministerpräsident gerne hätte: ein 365-Euro-Ticket für den Nahverkehr.

Vor sechs Jahren führte die österreichische Metropole das Ein-Euro-am-Tag-Ticket ein - mit durchschlagendem Erfolg. Bis heute sind aus einst 373 000 Jahres-Abonnenten 780 000 geworden. 2,6 Millionen Gäste befördern die Busse, U- und Straßenbahnen jeden Tag. Nur noch 27 Prozent der Wege durch die Beinahe-Zwei-Millionen-Stadt werden mit dem Auto gefahren, aber 39 Prozent mit den zärtlich "Öffis" gerufenen Transportmitteln des Nahverkehrs - in München sind es nur 23 Prozent. "Die Stadt gehört Dir", schmeichelt die PR-Abteilung der "Wiener Linien" ihren Benutzern nicht zu Unrecht. Zum Vergleich: Berlin mit knapp 3,5 Millionen Einwohnern verkauft für den Nahverkehr rund 450 000 Jahrestickets, das günstigste ist indes auch doppelt so teuer wie die Wiener Variante.

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Das 365-Euro-Ticket musste man aber auch in Wien politisch erst mal wollen, das heißt vor allem bezahlen wollen. Vor der Reform, die auf die Idee einer grünen Stadträtin zurückgeht und von der rot-grünen Stadtregierung umgesetzt worden ist, kostete das Öffi-Abo zwar auch schon lediglich 449 Euro; durch die weitere Preissenkung und die dadurch gestiegenen Fahrgastzahlen wächst aber vor allem die Notwendigkeit von Investitionen und damit Subventionen. Es braucht längere Züge, eine kürzere Taktung, neue Linien. 2026 wird die Linie U5, die derzeit im Bau ist, eröffnet. Der Etat von 1,2 Milliarden Euro für die Wiener Linien wird nicht einmal zur Hälfte durch den Fahrkartenverkauf gedeckt - 700 Millionen Euro legen Stadt und Bund drauf. Wenn Wien weiter wächst, derzeit kommen 30 000 Einwohner pro Jahr hinzu, und das 365-Euro-Ticket trotz allgemeiner Preissteigerung so günstig bleiben soll, wie es seit sechs Jahren ist, braucht es noch mehr Zuschüsse.

Deshalb ist das Wiener Preismodell zwar in vielen Wahlkämpfen auch hierzulande populär, aber noch nirgendwo in Deutschland umgesetzt. In Hessen gibt es immerhin ein vom Land bezuschusstes Schüler-Jahresticket, das 365 Euro im Jahr kostet - überall sonst wird vorerst nur schwitzend gerechnet. Die Stadt Frankfurt und der dortige Rhein-Main-Verkehrsverbund rechnen mit Mehrkosten von 100 Millionen Euro jährlich, würde im Großraum der Bankenmetropole das Ein-Euro-am-Tag-Ticket eingeführt. Am billigsten ist dort derzeit das Seniorenticket, und das kostet schon 539 Euro im Jahr.

Am Wiener Preismodell wollen sich offenbar die Städte Essen, Herrenberg, Mannheim, Reutlingen und Bonn orientieren und den Preis ihrer Jahrestickets um bis zu 50 Prozent senken. Das sind bisher allerdings nur Planspiele im Rahmen des Projekts "Lead City", einer Initiative der Bundesministerien für Umwelt und Verkehr, wodurch die Luft in Städten sauberer werden soll. Relativ konkret sind die Vorbereitungen in Bonn, wo die Stadt ein "Klimaticket" einführen will - für 365 Euro im Jahr. Es soll allerdings nur für Neukunden und auch nur für ein Jahr gelten. Eine dauerhafte Jedermann-Lösung würde die vergleichsweise kleine Stadt nach deren eigenen Berechnungen jährlich 26 Millionen Euro zusätzlich kosten.

Ein billiges Jahresticket, wie es Ministerpräsident Markus Söder für den Großraum München vorschwebt, ist also ein ideelles Vorhaben. Man muss es sich leisten wollen, einen Öko-Traum leben, sozusagen. Wie in Wien: Dort durfte die Bevölkerung abstimmen, welche Farbe auf den Fahrplänen künftig die neue U5 haben soll. Sie wird türkis sein, die Farbe des Lebens.

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