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Schweiz:Die produktive Wut der Frauen

Demonstration am Internationalen Frauentag, 1911

Nur etwas mehr als 100 Jahre her: 1918 zieht ein am Frauentag ein Demonstrationszug für das Wahlrecht der Frauen in Deutschland durch Berlin.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Es ist historisch peinlich, dass die Schweiz Frauen erst vor 50 Jahren das Wahlrecht gegeben hat. Doch inzwischen hat das Land eine Gleichstellungsbewegung, die ihresgleichen in Europa sucht.

Kommentar von Isabel Pfaff, Bern

Deutschland feierte vor gut zwei Jahren 100 Jahre Frauenwahlrecht. Dass die Schweiz am Sonntag den 50. Jahrestag des Stimmrechts für Frauen begeht, ist kein geringfügiger Unterschied. Es ist Zeugnis einer historischen Blamage.

Sicher, in der westlichen Welt war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall schlecht um die politische und rechtliche Gleichstellung der Frauen bestellt. Aber während die meisten Länder recht bald ihre Verfassungen und Gesetze änderten, um die andere Hälfte der Bevölkerung am demokratischen Prozess zu beteiligen, dauerte es in der Eidgenossenschaft bis 1971. Und damit war längst noch nicht alles gut.

Erst 1978 konnten Schweizerinnen, die einen Ausländer geheiratet hatten, ihre Staatsbürgerschaft an ihre Kinder weitergeben. Erst seit 1981 steht die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Schweizer Verfassung. Erst 1988 wurde das alte Eherecht abgeschafft, das den Mann zum "Haupt der Familie" machte und ihm damit die Entscheidungsgewalt über die Berufstätigkeit der Frau oder das eheliche Vermögen zusprach.

Reformunwillige Gesellschaft

Erst 1990 führte der letzte Kanton das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene ein. Erst seit 2005 haben Schweizer Mütter 14 Wochen lang Anspruch auf Lohnersatz. Und erst seit diesem Jahr gibt es einen Vaterschaftsurlaub, der länger als den vorher gewährten einen Tag dauert: nämlich ganze zwei Wochen.

Das alles ist bitter. Und auch wenn die Bundesrepublik ebenfalls eher Spätzünderin war in Gleichstellungsfragen (im Gegensatz übrigens zur DDR), zeichnet diese Zeitreihe doch ein erschütterndes Bild. Eines, das zu einem vollständigen Blick auf die Schweiz zwingend dazugehört.

Es gibt aber noch eine weitere Seite dieses Landes, die in diesem Zusammenhang ins Blickfeld rücken sollte. Parallel zu einer eher reformunwilligen Gesellschaft und einem chronisch schwerfälligen politischen System hat sich nämlich in der Schweiz eine Frauenbewegung formiert, deren Schlagkraft in Europa ihresgleichen sucht.

Produktive Wut der Frauen

Der Frauenstreik im Sommer 2019, der eine halbe Million Frauen auf die Straßen holte. Die Parlamentswahl im Herbst desselben Jahres, bei der es der Initiative "Helvetia ruft!" gelang, den Frauenanteil im Nationalrat von 32 auf 42 Prozent zu steigern. Die breite gesellschaftliche Front, die aus den gerade erkämpften zwei Wochen Vaterschaftsurlaub gleich eine ganze Elternzeit machen will.

Vielleicht ist es die noch ziemlich frische Erfahrung verweigerter Grundrechte, die in der Schweiz die Streitlust am Kochen hält; vielleicht ist es auch der im Vergleich etwa mit Deutschland immer noch höhere Leidensdruck. Der schlanke Staat, die niedrige Steuerlast in der Schweiz: beides Faktoren, die dazu führen, dass Dinge wie Kinderbetreuung privat geregelt und finanziert werden müssen. Meist arbeiten Frauen deshalb weniger, haben weniger Einfluss und erhalten am Ende auch weniger Rente als Männer.

Doch egal, was der Grund ist: Die produktive Wut der Frauen trägt gerade dazu bei, dass die Schweiz sich spät, aber dafür nun beachtlich schnell modernisiert.

© SZ/kus/ick
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