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Kolumne:Sex und Segen

Ostersonntag - Leerer Petersplatz

Der Vatikan verurteilt weiterhin Sexualität jenseits der Ehe von Frau und Mann.

(Foto: Gregorio Borgia/dpa)

Die katholische Kirche verweigert schwulen und lesbischen Paaren ein gutes Wort. Warum das auch bei Gläubigen Empörung auslöst.

Von Heribert Prantl

Als diese oberste Kirchenbehörde noch Inquisition hieß, hat sie Giordano Bruno, Galileo Galilei und deren Lehren verurteilt. Heute heißt sie Glaubenskongregation und verurteilt die Homosexualität. "Hat die Kirche die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen?" Auf diese Frage gab sie eine Antwort, die so unmissverständlich, kurz und überzeugend ist wie eine Ohrfeige. Es "wird geantwortet: Nein". Dieses Nein ist ein "Responsum ad dubium", also eine Antwort auf etwas, was angeblich in Zweifel steht.

Das Dogma heißt: Sex ist allein in der Ehe von Mann und Frau erlaubt

Die Ohrfeige schafft eine zweifellose Klarheit, an der man verzweifeln möchte: kein Segen für gleichgeschlechtliche Paare. Und weil ein ordentlicher Patriarch nicht nur haut, sondern den Geschlagenen dann den guten Zweck der Klatsche erklärt, folgt dem Nein eine "erläuternde Note". Wer sie liest, wird von einer skurrilen Ehrfurcht erfasst vor so viel grotesk gescheiter Unfreiheit im Denken. Das hat alles seine Logik und Stringenz, wenn und weil die Glaubenslehre weiter auf ihrem Dogma beharrt. Das Dogma heißt: Sex ist allein in der Ehe von Mann und Frau erlaubt. Und die Ehe steht, so der Vatikan, unter der doppelten Forderung der Treue und der Fortpflanzung. Das sei Gottes Schöpfungsordnung und ewige Bestimmung des Menschen. Alles andere: Sünde.

Ausgangspunkt ist also eine fundamentalistische und biologistische Theologie, die in ewigen Wahrheiten und autoritären Dogmen schwelgt; für sie ist das konkrete Leben keine erkenntnisleitende Kategorie. Wenn man dieser Theologie folgt, wird der Irrsinn logisch. Dann wird aus dem, was der menschliche Normalfall ist, dass man also vor der Ehe miteinander schläft, dass viele Menschen homosexuell geboren werden, dass Ehen scheitern, eine kaum beherrschbare "komplexe Situation". Unter dieser Überschrift werden die Lebenslagen der Liebe im päpstlichen Schreiben "Amoris laetitia" (2016) zusammengefasst. Auf dessen Linie liegt nun das Responsum zur Homosexualität, und darum wundert es nicht, dass Papst Franziskus die Veröffentlichung gutgeheißen hat.

Die Bibel erlaubt, lustvoll, großzügig und frei über Sexualität zu sprechen

Wer das für katholisch und allgemeingültig hält, wer sein Hirn und Herz in dieses Gedankengebäude einmauert und es auch noch für das einzige Haus hält, in dem Gott und Geist wohnen, muss mit "Nein" antworten, wenn Menschen, die angeblich gottlos lieben, um Segen bitten. Dabei würde die Bibel es erlauben, lustvoll, großzügig und frei über Sexualität zu sprechen. Die biblische Sprache hat ein wundervolles Wort dafür, wenn zwei Menschen miteinander schlafen. Es heißt: Sie erkennen einander. Sie gewähren einander Zugang zu dem, was das Persönlichste und Verletzlichste ist: zum eigenen Körper. Dieses Erkennen gehört so selbstverständlich zum Leben wie atmen, essen und trinken. Die Kirchen haben dieses Erkennen jahrhundertelang verkannt und verketzert, haben Verbote und Tabus in die Köpfe gepflanzt. Sexualität hatte eine besondere Nähe zu Schmutz und Sünde. Das zeigt sich jetzt im Nein des Vatikans noch einmal in besonderer Weise.

Die Bibel ist in archaischen Lebenswelten entstanden

Ja, in der Bibel steht in der Tat, dass es ein Gräuel sei, wenn ein Mann bei einem Mann liegt wie bei einer Frau. Da steht aber auch, dass der Mann mehrere Frauen haben darf. Und dort liest man staunend, dass ein Mann verpflichtet sei, der Witwe des verstorbenen Bruders ein Kind zu zeugen, wenn dieser das zu Lebzeiten nicht hingekriegt hat. Es steht viel Zeitgebundenes in der Bibel, sie ist in archaischen Lebenswelten entstanden. Die Ablehnung der Homosexualität im Neuen Testament steht vor dem Hintergrund, dass manche römische Herren junge Kriegsgefangene versklavten und sexuell ausbeuteten. Es geht da nicht um homosexuelle Partnerschaften, es geht um die Ablehnung von Gewalt.

Man kann die Bibel als Steinbruch für die eigenen harten Vorurteile verwenden und als Zitatgeber für Dogmatismus. Aber das ist nicht ihr Sinn. Was "da steht", steht nicht da, um Menschen zu bedrängen und zu verachten; es steht da, um den Menschen zu helfen. Was da steht, fällt daher ohne liebevolle Auslegung um. Keine sexuelle Orientierung ist an sich verwerflich. Verwerflich ist jeder unfreiwillige, bemächtigende, gewalttätige Sex; nicht aber die Partnerschaft von zwei Männern oder Frauen. Verwerflich sind in der Bibel Ausbeutung, Machtmissbrauch und Heuchelei.

Die Glaubenskongregation hat grundsätzlich nicht unrecht mit der Auffassung, dass keine Lebenspraxis gesegnet werden darf, die gegen Gottes Pläne ist. Es ist also gut, dass Segnung von Waffen Geschichte ist. Die Kirche ist keine Anstalt zur Absegnung von Unrecht und Gewalt; die Glaubenswächter sollten aber nicht so töricht sein, diese Einsicht auf gleichgeschlechtliche Liebe anzuwenden. Papst Franziskus tut gut daran, wirtschaftlichen Praktiken den Segen zu verweigern, die ausbeuten und töten. Es wird aber Zeit, dass er auch den Praktiken der männerbündischen Verteidiger fundamentalistischer Sexuallehren im eigenen Haus den Segen entzieht, weil sie die Homophobie und die Unterdrückung von Frauen befördern.

Viele deutsche Kirchenleute kritisieren das Segnungsverbot

In Deutschland haben nun dreitausend Priester, Professoren und Pastoralassistentinnen das Segnungsverbot kritisiert. Sie wollen "Menschen, die sich auf eine verbindliche Partnerschaft einlassen, auch in Zukunft begleiten und segnen". Es geht um ein gutes Wort für katholische Homosexuelle, "für ihre eigene Art zu leben und zu lieben, weil Gott sie gemacht hat, wie sie sind". So hat das Pfarrer Rainer Maria Schießler formuliert, der seit dreißig Jahren im Münchner Szeneviertel Glockenbach wirkt. Eine der ersten Gemeinden, die eine Regenbogenfahne an der Kirchenfassade aufzog, war St. Laurentius in Senden/Westfalen; sie wurde heruntergerissen. Der Pfarrer kündigte an, eine neue zu befestigen, höher gehängt und tiefer verankert; die Gläubigen antworteten mit Applaus. Der Applaus ist ihre Form des Segens für den Ungehorsam der Geistlichen.

Das Nein zur Segnung wurde am 22. Februar unterschrieben, dem "Fest der Kathedra Petri", wie am Schluss des Schreibens keck betont wird - dem Tag des Lehramtes in der Kirche, aus dem auch das Unfehlbarkeitsdogma hervorging. Der 22. Februar ist zugleich der Tag einer volkstümlichen Wetterregel: Ist's noch so kalt um Petri Stuhl, bleibt's nicht mehr lang so kuhl. Die Gesellschaft braucht eine Kirche, die nicht kalt und die den Menschen nahe ist.

© SZ/kia
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Kolumne von Heribert Prantl

Heribert Prantl ist seit 1. März 2019 Kolumnist und ständiger Autor der Süddeutschen Zeitung. Zuvor leitete er das Ressort Meinung sowie die Innenpolitik und war Mitglied der Chefredaktion. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.

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