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Katholische Kirche:Aufstand der Gläubigen

Auch der Papst sagt Nein: Franziskus hat das Dokument der Glaubenskongregation gutgeheißen.

(Foto: Tiziana Fabi/AP)

Die Empörung über das Nein der Glaubenskongregation zur Segnung homosexueller Paare ist groß, ob an den Unis oder in den Gemeinden. Selbst Bischöfe sagen: So geht es nicht weiter.

Von Matthias Drobinski, Frankfurt

Der Frust sei "einfach riesengroß", sagt Thomas Bremer, Professor für katholische Theologie an der Uni Münster. Dutzendweise gebe es theologische Bücher zum Thema. Und die Bibel verurteile Homosexualität nicht, wie man das lange sah, sondern den Missbrauch von Sexualität. Es gebe konkrete und differenzierte Vorschläge, wie Segnungen lesbischer und schwuler Paare gestaltet werden könnten. "Und dann denkt die Glaubenskongregation in Rom, sie könnte alle Forschungen und Debatten ignorieren und sagen, es sei nun mal Gottes Plan, dass Homosexuelle nicht gesegnet werden können."

Als vorige Woche das Nein der Glaubenskongregation zur Segnung homosexueller Partnerschaften veröffentlicht wurde, haben sie von der Münsteraner Fakultät aus Mails an die Professorinnen und Professoren in Deutschland, Österreich, der Schweiz geschickt und um Unterschriften unter eine Protestnote geworben. 212 sind gekommen, und immer noch trudeln welche ein. Das "Responsum" aus Rom sei "von einem paternalistischen Gestus der Überlegenheit geprägt und diskriminiert homosexuelle Menschen und ihre Lebensentwürfe", heißt es in der Stellungnahme. Den Erläuterungen mangele es an theologischer Tiefe. So untergrabe "das Lehramt seine eigene Autorität".

Lange nicht mehr hat es einen solchen geballten Protest aus der Professorenschaft gegeben, getragen von praktisch allen Koryphäen des Faches; vor zehn Jahren forderten schon einmal mehr als 300 Theologinnen und Theologen tief greifende Reformen in der katholischen Kirche, geholfen hat das damals wenig. Jetzt rufen sie zum Ungehorsam auf: In vielen Gemeinden böten Priester, Diakone, Seelsorgerinnen und Seelsorger Segnungsfeiern für homosexuelle Paare an - "wir begrüßen diese würdigenden Praktiken ausdrücklich".

Die traditionelle Ehe als "Plan Gottes" - so sehen es nur noch die Hardliner

Tatsächlich ist auch in vielen Kirchengemeinden der Ärger über das Dokument der Glaubenskongregation so groß wie der Wille, sich einfach nicht an dieses Nein aus Rom zu halten. 2000 Priester, Ordensleute, Kirchenangestellte, aber auch einfache Gläubige haben mittlerweile eine Erklärung unterschrieben, ungeachtet des Verdikts weiterhin schwule und lesbische Paare segnen zu wollen, initiiert von den beiden Pfarrern Burkhard Hose und Bernd Mönkebüscher, die sich vor zwei Jahren als homosexuell outeten. Palmsonntag wollen sie ihre Liste dem Limburger Bischof und Bischofskonferenzvorsitzenden Georg Bätzing überreichen.

Bätzing hat schon erklärt, dass er unglücklich über die Post aus der Glaubenskongregation ist; sie erwecke den Eindruck, als wolle man dort die ernsthafte theologische Debatte über den Umgang mit Homosexualität unterbinden. Die findet derzeit besonders in Deutschland statt, wo Bischöfe und Abgesandte des Kirchenvolks auf dem "Synodalen Weg" über Kirchenreformen als Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal beraten. Auch deshalb haben viele Bischöfe den Eindruck, das Schreiben aus Rom ziele direkt auf diesen Beratungsprozess. Er verstehe nicht, "wie man in diesem Synodalen Prozess so einen Blattschuss setzen" könne, sagte der Aachener Bischof Helmut Dieser am Wochenende.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck berichtet in einem Brief an die Gemeinden seines Bistums, er habe in den vergangenen Tagen zahlreiche Zuschriften von Seelsorgerinnen und Seelsorgern erhalten, die die Position des Vatikans offen ablehnten. Dies könne "nicht mehr ignoriert werden". Die "bloße Wiederholung der bisherigen lehramtlichen Wahrnehmung und Wertung von Homosexualität" werde nicht mehr akzeptiert, schreibt Overbeck. Es brauche "eine ernsthafte und zutiefst wertschätzende Neubewertung der Homosexualität in unserer Kirche", die die Verletzungen heile, die die katholische Kirche homosexuellen Menschen zugefügt habe.

Sein Regensburger Amtsbruder Rudolf Voderholzer hingegen hat das Schreiben aus Rom sehr gelobt, ebenso der Passauer Bischof Stefan Oster. Die Ehe sei "Plan Gottes" und "auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet", erklärte Voderholzer, ein Segen für homosexuelle Paare dürfe das nicht verunklaren. Die Erklärung des Bischofs von Regensburg kam so prompt nach der Veröffentlichung aus Rom, dass auch mancher Bischof argwöhnt, der Amtsbruder könnte die Sache angestoßen haben.

© SZ/fa/kit
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