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Spanische Aktivistin:Hilferuf der Helferin

Die spanische Aktivistin Helena Maleno, Gründerin der Organisation "Caminando Fronteras"

(Foto: AFP)

Helena Malenos Handy ist eine Art Notrufzentrale für Migranten, die auf dem Weg nach Europa in Seenot geraten. Nun wurde die spanische Menschenrechtsaktivistin aus Marokko abgeschoben.

Von Karin Janker

Als Helena Maleno ihre Wahlheimat Marokko das erste Mal überstürzt und ohne Gepäck verlassen musste, war es zu ihrem Besten. Damals, im Jahr 2005, hatte die Spanierin einen Autounfall in der Wüste. Sie hatte zusammen mit anderen Helfern von Nichtregierungsorganisationen marokkanische Konvois verfolgt, die Geflüchtete mit Bussen in die Wüste brachten, um sie dort ohne Wasser zurückzulassen. Maleno spricht von einem "Massaker". Es war fünf Uhr morgens, als ihr Auto sich im Nirgendwo mehrfach überschlug. Maleno wurde in ein Krankenhaus nach Gran Canaria ausgeflogen. Sie kehrte bald nach Tanger zurück, wo sie seit 2001 lebt und arbeitet.

Helena Maleno ist in Almería geboren und eigentlich Journalistin, spezialisiert auf Menschenrechtsthemen und Menschenhandel. Sie schrieb Reportagen über Frauen, die zur Prostitution gezwungen wurden, und über Männer, die als Erntehelfer wie Sklaven arbeiteten. Immer wieder führten Recherchen sie nach Marokko, eines der wichtigsten Transitländer für Migranten. Maleno blieb irgendwann dort. Sie wechselte die Seiten und gründete eine NGO, Caminando Fronteras, zu Deutsch: Grenzen überschreiten.

Vor drei Monaten musste Maleno Marokko nun zum zweiten Mal verlassen. Wieder überstürzt, wieder hatte sie nicht gepackt. Diesmal geschah es gegen ihren Willen. "Es ist eine Bestrafung", sagt sie. Vor wenigen Tagen hat die 50-Jährige ein Video veröffentlicht, in dem sie schildert, wie man sie Ende Januar ohne Vorwarnung in ein Flugzeug nach Barcelona setzte, wo die spanische Polizei sie empfing.

Maleno hat sich in den vergangenen 20 Jahren Feinde gemacht. Manche nennen sie "Schutzengel der Illegalen", andere eine "unbequeme Zeugin". Unbequem ist sie sowohl Teilen Spaniens als auch Marokkos. "Man versucht seit Jahren systematisch meine Arbeit zu behindern", sagt Maleno. Sie erhalte Drohanrufe, ihr Haus in Tanger, in dem sie mit ihrer 14-jährigen Tochter lebte, war Ziel von Angriffen, einmal schickte man ihr das Bild einer geladenen Pistole, daneben stand, sie solle schweigen oder sie werde sterben.

Erst vor wenigen Tagen starb ein zweijähriges Mädchen auf Gran Canaria

Malenos Arbeit besteht vor allem darin, Anrufe anzunehmen. Es sind Anrufe von Menschen, die in Lebensgefahr sind, oder von Angehörigen, die um Familienmitglieder bangen. Irgendwann habe sich herumgesprochen, dass es da eine Europäerin in Tanger gibt, die sich für die Menschen interessiert, die niemand haben will: Afrikaner, die von südlich der Sahara kommen und denen es noch schlechter geht als vielen Marokkanern. Irgendwann habe sich auch ihre Handynummer herumgesprochen. "Sie rufen mich an, wenn ihnen auf dem Meer das Trinkwasser ausgeht", sagt Maleno. Sie verständigt dann die spanische Küstenwache. Ihr Handy ist zu einer Art Notrufzentrale geworden.

Spaniens Küstenwache ist insbesondere vor den kanarischen Inseln im Einsatz. Die Zahl der Menschen, die von Marokko mit Holzbooten in Richtung Kanaren ablegen, ist zuletzt stark gestiegen. Die Route gilt als extrem gefährlich, Schätzungen zufolge kommt jeder 16. Bootsinsasse ums Leben. Erst vor wenigen Tagen starb ein zweijähriges Mädchen auf Gran Canaria. Es war auf der vier Tage dauernden Überfahrt verdurstet.

Maleno betrachtet ihre Arbeit als Nothilfe, juristisch sieht sie sich darin bestätigt. 2017 eröffnete Marokko ein Verfahren gegen sie wegen Schlepperei. Die Justiz habe sich auf ein Dossier gestützt, das von spanischen Ermittlern erstellt worden war. Maleno vermutet, dass es unter der Hand von spanischer an die marokkanische Seite weitergegeben wurde. 2019 wurde das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt. Malenos Vertrauen in Europa ist seither erschüttert. Seit ihrer Abschiebung habe sie Angst vor dem spanischen Staat. "Ich durfte nichts mitnehmen, durfte keine Fragen stellen, man verweigerte mir einen Schluck Wasser", sagt sie. Mit einem Mal habe sie empfunden, wovon ihr Geflüchtete oft erzählt hatten: das Gefühl, keine Rechte zu besitzen.

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