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Österreich vor den Wahlen:Konfrontation in Serie

Wahlkampf in Österreich

Im Dauermodus: Eine der unzähligen Wahlkampf-TV-Veranstaltungen vor der Nationalratswahl in Österreich.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Wahlkampf in Österreich sei schmutzig wie nie, heißt es. Doch die Barbarisierung der Politik läuft schon lange. Und am Ende steht die große Wählerbetäubung.

In der Ballsaison gilt es als größte Peinlichkeit: wenn beim ersten Defilee im Saal alle Welt sieht, dass zwei Damen in der exakt gleichen Robe auftreten, obwohl doch beide glaubten, ihr Schneider habe extra für sie ein besonders originelles Abendkleid entworfen. In der Wahlsaison ist das weniger peinlich als unausweichlich.

Als die zwei Parteien der in Zank zerfallenen österreichischen Regierung ihre Wahlplakate präsentierten, war bei ihren Gegnern die Schadenfreude groß. Der jüngste Altkanzler aller Zeiten, Sebastian Kurz, war auf seinem Plakat nämlich als Wandersmann mit Rucksack zu sehen, von dem es im balkengroßen Schriftzug heißt: "Einer, der unsere Sprache spricht." Am selben Tag ging auch Herbert Kickl, der geschasste Innenminister von der FPÖ, an die Öffentlichkeit, und zwar mit einem Porträt, das mit den Worten unterlegt war: "Einer, der unsere Sprache spricht."

Das Kurzzeitgedächtnis hat bereits Schaden genommen

Da es also darauf ankommt, dass alle dasselbe sagen, einigten sich die politischen Kommentatoren darauf, dass es sich eben um den schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten handle, in dem sich die Parteien nicht nur mit Verdächtigungen und Unterstellungen bekämpfen, sondern einander sogar ihre genialen Slogans stehlen. Das Gerede vom schmutzigsten Wahlkampf ist ein starkes Indiz dafür, dass in der digitalen Ära nach dem Langzeit- bereits das Kurzzeitgedächtnis Schaden genommen hat.

Denn obwohl nichts verschwinden kann, was je im Internet vermeldet wurde, zählen mittlerweile einzig die üble Nachrede, der Skandal von heute. Vergessen ist bereits der Wahlkampf von 2017, als die beiden späteren Koalitionsparteien brachial darum wetteiferten, jedes soziale, politische, ökonomische Problem des Landes mit der Anwesenheit von Flüchtlingen und Migranten zu erklären. Indem sie für jedwede soziale Frage eine ethnische Antwort parat hatten, haben sie mit einer ungemein schmutzigen Propaganda das Land verändert und die politische Debatte folgenreich bis heute simplifiziert.

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Damals ging es aggressiv allerdings gegen eine bestimmte Menschengruppe, was offenbar nicht als verwerflich gilt. Der ewige Bezug auf die Flüchtlinge reicht zwei Jahre später jedoch nicht mehr aus, um einen ganzen Wahlkampf erfolgreich zu bestreiten. Vielleicht hätte man es daher mit der pointierten Debatte über die grundsätzlichen Werte, auf denen die Republik aufbauen sollte, und mit bestimmten Sachfragen probieren können, von der Klimakrise, der Integration der Zuwanderer und der Wohnungsnot bis zur Zukunft von Arbeit und Bildung. Doch eine solche Debatte scheint den Bürgern nicht mehr zuzumuten zu sein. Also musste die überschüssige Energie, die letztes Mal gegen die Migranten schlug, in einen gehässigen Kampf der Parteien und ihrer Repräsentanten gegeneinander umgeleitet werden, und das empfinden nun wirklich alle als schmutzig, nicht zu Unrecht übrigens.

Natürlich hat die Barbarisierung auch damit zu tun, dass inzwischen alle Parteien auf das Internet setzen und ihre bezahlten Trolle und unbezahlten Hooligans die eigene Sache verfechten, Nichtigkeiten verbreiten, Denunziation als Aufklärung ausgeben lassen. Aber auch der öffentlich-rechtliche ORF und die privaten Fernsehsender haben, vermutlich um sich gegen die reale Konkurrenz der virtuellen Medien zu behaupten, auf einen verhängnisvollen Dauermodus umgeschaltet: Mehr als vierzig Konfrontationen, Duelle, Gesprächsrunden der Spitzenkandidaten haben sie angesetzt und neue Formate erfunden - deren dümmlichem Showcharakter sich seriöse Journalisten vor Jahren noch verweigert hätten -, damit jeden Abend Wahlkampf live übertragen werden könne.

Die Wähler und die Politiker sind von der seriellen Konfrontation überfordert

Die Wähler, die überzeugt werden sollen, und die Politiker, die sich überzeugend zu präsentieren haben, sind von der seriellen Konfrontation aber schlichtweg überfordert, und beide sind für die Demokratie nicht gut: erschöpfte Massen und automatenhaft sich wiederholende Politiker. Medienwissenschaftler vermuten, dass der flächendeckende Beschuss des Wahlpublikums im internationalen Maßstab rekordverdächtig sei; ob solche mediale Aufrüstung dazu beiträgt, dass die Wähler sich rekordverdächtig gut zu informieren wissen, ist zu bezweifeln.

Das hat mit der Dramaturgie dieser Sendungen zu tun, von denen als besonders innovativ jenes Speeddating angepriesen wird, bei dem sich zwei Kandidaten gegenüberstehen und in zwanzig Minuten ihr unverwechselbares Programm vorstellen, das des Kontrahenten zerlegen und sich auch noch als so authentisch präsentieren müssen, dass man ihnen nicht anmerkt, wie übertrainiert sie ins Rennen geschickt werden.

Dabei wurden ernsthafte Politiker wie beflissene Praktikanten der Unterhaltungsindustrie vorgeführt, etwa wenn von den zweien, die einander beim Speeddating sogleich fetzen werden, zum Gaudium verlangt wird, dem Gegner zuvor noch rasch ein albernes persönliches Präsent zu überreichen. Kaum ist die Wahlkonfrontation aus, folgen übrigens die Expertenrunden, die dem tumben Publikum erklären, was es gerade gesehen und gehört und wie es die Dinge zu verstehen habe.

Wochenlanger Overkill mit Debatten und Duellen

Warum das alles? Um der Politik ausgerechnet als Show wieder zu ihrem Recht zu verhelfen? Oder weil das Entertainment sich alles greift, was es kriegen kann, und sich auch die Politik einverleibt? Die Demoskopen gelangen jedenfalls zu einem denkwürdigen Fazit: Nach dem wochenlangen Overkill mit Debatten und Duellen hat sich an den Wahlpräferenzen der Österreicher offenbar so gut wie nichts geändert. Die Leute, betäubt von der großen Show, wählen am Ende genau den, von dem sie schon vorher überzeugt waren, dass er ihre Sprache spreche.

"Einer, der unsere Sprache spricht": Wem gehört eigentlich das Copyright an diesem Werbespruch, der gar so überzeugend auch wieder nicht anmutet? Der neuen türkisen ÖVP, der alten FPÖ, bei der jede vermeintliche Erneuerung nur wieder ihre alten völkischen und autoritären Traditionen hervorkehrt? Nein, es ist ein Toter, der uns im Kampf um die Wählerstimmen voranschreitet. Es war Jörg Haider, der unerreichte Großmeister des österreichischen Populismus. Er ist schon 1999 mit diesem Slogan auf Wählerjagd gegangen.

Kolumne von Karl-Markus Gauß
Gauß

Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, ist österreichischer Schriftsteller und Essayist. Er ist Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Alle Kolumnen von ihm lesen Sie hier.