Katholikentag in Stuttgart:Die Kirche hat sich ihres Markenkerns beraubt

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Katholikentag in Stuttgart: "Leben teilen" lautet das Motto des Katholikentags in Stuttgart.

"Leben teilen" lautet das Motto des Katholikentags in Stuttgart.

(Foto: Imago/Arnulf Hettrich/Imago/Arnulf Hettrich)

Pandemie, Krieg, Flucht und Hunger allüberall auf der Welt - wie lindernd könnte da die katholische Stimme wirken, eine glaubwürdige katholische Stimme. Doch die Kirche hört nicht, denn sie ist ja mit sich selbst beschäftigt.

Kommentar von Annette Zoch

"Leben teilen" heißt das Motto des 102. Katholikentags, der nach pandemiebedingter Pause noch bis Sonntag in Stuttgart stattfindet. Das klingt schön - aber, wenn die Frage erlaubt sei, teilen mit wem? Mit der katholischen Kirche wollen derzeit nicht mehr so viele Menschen ihr Leben teilen. Die Strahlkraft der Institution, das kann niemand ernsthaft bestreiten, hat merklich abgenommen.

Nun ist der Katholikentag zwar eine Veranstaltung der katholischen Laien; für das schlechte Bild, das gerade die Amtskirche abgibt, werden die Laien aber in Mithaftung genommen. Die Anmeldezahlen sind - vielleicht pandemiebedingt, vielleicht aber auch nicht - mau geblieben. Zu den großen Gottesdiensten blieb der Schlossplatz in Stuttgart ziemlich leer, und noch nicht mal alle Bischöfe haben sich die Mühe gemacht zu kommen. Kölns Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki feiert zum Beispiel lieber ein Pontifikalamt im heimischen Marienwallfahrtsort Neviges.

Und der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, kommt plötzlich selbst in Erklärungsnot: Er hatte einen Priester, der zweimal Frauen sexuell bedrängt hatte, zwar ermahnt, ihn in Kenntnis dieser Übergriffe aber dann trotzdem zum Bezirksdekan ernannt.

Ein verheerendes Signal an die Opfer von Übergriffen

Bätzing begründet die Entscheidung nun damit, dass der Mann sich entschuldigt und Reue gezeigt habe und diszipliniert worden sei. Zudem habe es sich nicht um strafbaren Missbrauch gehandelt, und die Taten lägen lange zurück. Doch deshalb musste Bätzing den Mann noch lange nicht befördern - für Betroffene ist dies ein verheerendes Signal. Die katholische Kirche muss verstehen, dass sie bei diesem Thema an strengsten Maßstäben gemessen wird. Dass ausgerechnet der reformbereite Bätzing, in den Laien große Hoffnungen setzen, sich so verhalten hat - das verstört viele.

Und so ist die katholische Kirche einmal mehr mit sich selbst beschäftigt, statt mit Diskussionen und Impulsen auszustrahlen in die Gesellschaft. Es ist eine selbstverschuldete Lage: Die Päpste, die Kurie und die Bischöfe haben jahrzehntelang unterschätzt, welch grundstürzende Erschütterung der Skandal um sexualisierte Gewalt für die Fundamente der Kirche bedeutet. Wie sehr der Umgang mit dem Missbrauch der katholischen Kirche ihren Markenkern genommen hat, nämlich die Glaubwürdigkeit.

Misstrauisch beäugt Rom das deutsche Reformbestreben

Stattdessen beäugt der Apostolische Stuhl misstrauisch die deutschen Reformbemühungen, die ja aus genau diesem Skandal erwachsen - verweigert aber zugleich auch den Dialog. Im Grußwort von Papst Franziskus an den Katholikentag kommt der Synodale Weg nicht mit einem Wort vor. Und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken wartet bis heute auf eine Einladung aus Rom, um dem Papst den Reformprozess erklären zu können.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte auf dem Katholikentag, von den Ergebnissen des Synodalen Wegs werde es auch abhängen, ob es sich lohne, "wieder neu auf die Kirche zu hören". Denn ja, noch kommen Steinmeier, Kanzler Scholz, Prominente aus Politik und Gesellschaft. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Dabei, und das ist die große Tragik, wäre die Stimme der Kirche gerade jetzt vielleicht so wichtig wie nie. Eine Stimme, die auf etwas Größeres hinweist. Darauf, dass Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben werden. Die Corona-Pandemie, der russische Überfall auf die Ukraine, die Klimakatastrophe, Elend, Flucht und Hunger überall auf der Welt - die Menschheit ist müde, mürbe und erschöpft. Wann, wenn nicht jetzt, bräuchte sie Trost und Hoffnung und Zuversicht?

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