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Recht auf Home-Office:Der tiefe Eingriff in die Arbeitswelt ist längst passiert

Familie im Homeoffice

Eine Familie im Home-Office.

(Foto: Josep Rovirosa/Westend61/imago images)

Arbeitsminister Heil will das Recht auf 24 Tage Home-Office im Jahr gesetzlich festschreiben. Einen Kulturwandel wird dieses Gesetz nicht bewirken. Den hat Corona längst erzwungen.

Kommentar von Nina von Hardenberg

Zu den schönen Nebeneffekten der Corona-Krise gehört, dass sie einen gelehrt hat, selbständiger zu arbeiten. Den Arbeitsplatz nach Hause zu verlegen, sei in ihrem Job technisch und von den Abläufen her nicht möglich, gaben vor der Krise die Mehrheit der Arbeitnehmer und auch die zugehörigen Arbeitgeber an - und wurden dann oft selbst überrascht, wie gut sie miteinander arbeiten können, auch ohne morgens gemeinsam am Konferenztisch zu sitzen. Corona war und ist ein gigantisches Lernprojekt für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen.

Es ist darum übertrieben, wenn die Union jetzt vor dem von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) angeregten Recht auf 24 Tage im Jahr mobiles Arbeiten warnt und argumentiert, dies sei gerade für mittelständische Firmen wegen des bürokratischen Aufwandes nicht zumutbar. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der CSU im Bundestag, Stephan Stracke, spricht zwar zu Recht von einem "tiefen Eingriff in die Arbeitsabläufe der Unternehmen". Doch dieser Eingriff ist längst passiert, Corona hat ihn erzwungen. Eher schon kann man sich fragen, ob für diesen Wandel überhaupt noch ein neues Gesetz nötig ist.

In diesem Sommer arbeiteten Umfragen zufolge 36 Prozent aller Arbeitnehmer von zu Hause, sehr viele von ihnen fast ausschließlich und der ganz große Teil mit großer Zufriedenheit. Sie werden auch künftig darauf bestehen, öfter als früher den heimischen Schreibtisch zu nutzen, haben sie doch gemerkt, wie schön sich der Feierabend dehnt, wenn man ihn statt in der überfüllten S-Bahn auf dem eigenen Balkon verbringt. Und wie zufrieden das Kind im Hof spielt, wenn es die Eltern in der Nähe weiß. Die Arbeitgeber wiederum haben vielfach die Erfahrung gemacht, dass die Mitarbeiter auch dann noch fleißig waren, wenn ihnen kein Chef argwöhnisch über ihre Schulter blickte. Statt der im Büro verbrachten Zeit zählt im modernen Unternehmensmanagement ohnehin längst der Output, nicht die Stechuhr.

Es ist keine Frage: Home-Office wird in Zukunft viel mehr als früher die Regel sein - allerdings gilt dies keineswegs für alle Branchen. Auswertungen zeigen, dass vor allem Akademiker ihren Arbeitsplatz nach Hause verlegten. So arbeiteten zuletzt 48 Prozent aller Beamten von zu Hause, aber nur sechs Prozent der Arbeiter. Anders gesagt: Nicht die Erzieherin und auch nicht der Fließbandarbeiter kann sich nach Hause verabschieden, sondern vor allem die hochbezahlte Programmiererin; vielfach gesuchte Fachkräfte also, die ohnehin leichter Bedingungen für ihr Arbeiten stellen können. Unternehmen werden ihnen das gerne gewähren, zumal, wenn sie merken, dass die Produktivität nicht leidet und das Unternehmen vielleicht gar an der Büromiete spart. Ein Rechtsanspruch wird es diesen Mitarbeitern noch leichter machen, die neue Arbeitsweise einzufordern. Es ist eine wichtige Geste. Einen Kulturwandel aber wird dieses Gesetz nicht bewirken. Er ist schon da.

© SZ.de/hij

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