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Dritte Welle:Lockdown, aber für alle

Coronavirus - Notbremse in München

Viele Innenstädte wirken seit der Pandemie fast wie ausgestorben.

(Foto: dpa)

Die Pandemie wirkt wie ein gigantisches Umverteilungsprogramm zulasten des Mittelstandes und der prekär Beschäftigten. Höchste Zeit, Kanzlerin Angela Merkel beim Wort zu nehmen, wenn sie sagt: Das Virus verzeiht kein Zögern.

Kommentar von Kia Vahland

Die Inzidenzen steigen, die Kliniken sind kurz vor der Überlastung, immer mehr Menschen erkranken an Long Covid oder sterben. Doch ein kurzer, umfassender Lockdown, der über das Infektionsschutzgesetz hinausginge, wird von der Politik nicht ernsthaft erwogen. Drei bis vier Wochen lang Kontakte und Reisen wirklich einzuschränken, Betriebe, wo möglich, verpflichtend ins Home-Office zu verlagern und, wie im Frühjahr 2020, auf freiwilliger Basis Fabriken zum Stillstand zu bringen, damit die Infektionen so weit sinken, dass Gesundheitsämter endlich wieder Kontakte nachverfolgen können - das gilt als unzumutbar. Wirklich?

Man frage Gastronomen und Kellnerinnen, Einzelhändlerinnen und Musiker, Hoteliers und Veranstalter: Sie stecken längst im Dauerlockdown fest, die kurzfristigen Lockerungen helfen ihnen kaum. Mehr als 50 000 Einzelhändler befürchten, bald ganz schließen zu müssen. Jeder vierte Gastronom und Hotelier überlegt aufzuhören. Ungezählte Soloselbständige essen ihre Altersvorsorge auf. Eigentlich gut verdienende Künstler müssen umsatteln. Allein im Gastgewerbe haben 36 000 Menschen durch die Schutzmaßnahmen ihre Arbeit verloren. Währenddessen steigert Amazon seinen Gewinn um 84 Prozent, Zalando um 127 Prozent, und die Exportwirtschaft freut sich über den Aufschwung in China, das Covid-19 in Griff bekommen hat.

Das deutsche Missmanagement der Pandemie ist nicht nur gesundheitsschädlich, es ist auch ein gigantisches Umverteilungsprogramm zulasten von Teilen des Mittelstands und der prekär Beschäftigten sowieso. Es gewinnen einige Großunternehmen und internationale Konzerne, vor allem in der Digitalbranche. Es verlieren lokal verankerte Familienbetriebe, mittelständische und kleine Unternehmen. Hinzu kommen all die ohnehin schlecht bezahlten Menschen, die sich von Job zu Job hangeln und nun in Arbeitslosigkeit abrutschen.

Unternehmergeist und Mut zur Selbständigkeit werden bestraft

Noch sind die Effekte dieses Wandels nicht in der ganzen Dramatik zu spüren, was auch daran liegt, dass die Bundesregierung die Pflicht zur Insolvenzanmeldung vorübergehend gelockert hat. Doch nach der Pandemie werden die Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Land ungleicher verteilt sein als zuvor. Unternehmergeist und Mut zur Selbständigkeit werden gerade bestraft, daran ändern die unsystematisch ausgezahlten Finanzhilfen wenig. Eine Laufbahn als Bibliothekarin, in der Metallindustrie oder als Heizungsinstallateur ist eine sichere Sache; ein Start-up für nachhaltiges Reisen, Talent als Pianistin oder eine Investition ins familiäre Modekaufhaus enden schnell im Ruin. Was auch heißt: Am Ende werden die Angestellten des öffentlichen Dienstes und der Autoindustrie sowie gut situierte Rentner mit den verbliebenden großen Reisekonzernen in die Ferien fahren, online Musik von anno dazumal hören, in China produzierte und im Netz vertriebene Einheitsmode tragen.

So viel neue Ungleichheit und Eintönigkeit ist weder sozial noch ökonomisch noch kulturell wünschenswert. Ein schneller, entschlossener, von allen praktizierter Lockdown ist nötig, um Leben zu retten sowie die betroffenen Branchen aus dem ungerechten Dauerlockdown zu befreien. Andernfalls gibt man die unternehmerische Vielfalt im Land preis.

"Das Virus verzeiht kein Zögern", sagte Angela Merkel gerade im Bundestag. Würden sie und die Ministerpräsenten nur auch entsprechend handeln.

© SZ/kus
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