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Meinung am Mittag: Corona-Impfung:Lasst endlich die Ärzte ran

Corona-Impfung in einer Hausarztpraxis auf Hiddensee

Impfen in einer Hausarztpraxis auf der Ostseeinsel Hiddensee.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die Gesundheitsminister haben sich durchgerungen, dass auch Haus- und Fachärzte gegen das Coronavirus impfen können. Das aber kommt zu spät und zu halbherzig.

Kommentar von Marc Beise

Im ärztlichen Wartezimmer, diesem ganz besonderen Ort des Lebens, in dem man in banger Erwartung und mit Hoffnung auf Hilfe sitzt, liegt dieser eine Gedanke so nahe, auf den die Politik aber erst nach vielen Monaten gekommen ist: Warum nicht die Haus- und Fachärzte in die erste Reihe der Virusbekämpfer zu schicken? Warum nicht gerade die Profis vor Ort die Menschen testen und impfen lassen, was das Zeug hält?

Schon im vergangenen Herbst, als das Land es versäumt hat, sich wirklich auf die nächste Welle vorzubereiten, wäre Zeit gewesen, die niedergelassenen Mediziner auf die große Aufgabe vorzubereiten und alle verwaltungsmäßigen Hürden zu beseitigen. Viel Zeit wurde verloren, erst jetzt kommt die Sache ins Laufen - und nicht ohne, wie immer, heftigen Streit.

Am Mittwoch haben sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern endlich darauf verständigt, dass die Hausärzte spätestens Mitte April beim Impfen eingebunden werden sollen, natürlich nur "schrittweise", alles andere wäre auch zu schön gewesen. Mal abgesehen davon, dass "Mitte April" das frühere Ziel "Anfang April" ersetzt, wird vermutlich auch dann nicht viel passieren. Da der Impfstoff zunächst prioritär an die Impfzentren der Länder geht, wird nicht viel ankommen bei den Haus- und Fachärzten.

Das kann man einerseits verstehen insofern, als in den Impfzentren entsprechend der von der Ständigen Impfkommission (Stiko) vorgeschlagenen Prioritätenliste vom Alter an abwärts geimpft wird, was ja grundsätzlich richtig ist: die besonders Gefährdeten bitte zuerst. Andererseits gibt es Berichte über Millionen von Impfdosen, die unbenutzt herumliegen - wo eigentlich? Hier dafür zu sorgen, dass alles Material an die richtigen Stellen verteilt wird, sollte also im Vordergrund stehen, nicht ein eifersüchtiges "Das ist mein Impfstoff".

Auch Haus- und Fachärzte werden sich an die Regeln halten

Und wäre es nicht überhaupt sinnvoll, die Prioritätenliste um die Möglichkeit spontaner Maßnahmen zu ergänzen, die man dann den Haus- und Fachärzten überlassen kann? Sie mit Empfehlungen zu versehen und sie im Übrigen nach eigener Einschätzung impfen zu lassen? Auch wenn sich das manche Entscheider in Berlin und den Ländern nicht vorstellen können: Auch Haus- und Fachärzte haben Herz und Verstand, sind dem hippokratischen Eid verpflichtet und werden schon darauf achten, dass nicht nur diejenigen zum Zug kommen, die die Tür zur Praxis besonders dynamisch aufstoßen.

Damit sind wir bei einem Kernproblem der Pandemiebekämpfung in Deutschland insgesamt: In diesem so sorgfältig durchorganisierten Verwaltungsstaat ist das Misstrauen traditionell groß, Dinge an der Basis einfach mal laufen zu lassen. Das ist am Ende der eigentliche Grund, warum Deutschland nach leidlich gutem Auftakt im Frühjahr 2020 mittlerweile aus der Spur ist und fast schon neidvoll anerkennen muss, wie viel effizienter selbst frühere Corona-Problemländer wie Großbritannien oder die USA aus der Krise kommen.

Weil es nie zu spät ist, sich zu korrigieren, sollen die Regierenden in Berlin und in den Ländern sich noch einmal besinnen und so schnell und wie möglich so viel Impfstoff wie möglich in die Praxen ausliefern. Nur dann wird sich der erkennbar wachsende Unmut der Bürger besänftigen lassen.

© SZ/kia
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