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Meinung am Mittag: Ausgangssperren:Ein sinnloser Eingriff in die persönliche Freiheit

News Bilder des Tages FRANCE - SOCIETY - CONTAINMENT 8 p.m. in Montreuil, with her neighbours, a young woman applauds f

In Frankreich wurde schon ein härter Lockdown beschlossen. Symbolbild

(Foto: Remi Decoster /imago images)

Die Ausgangssperre ist eine Fehlentscheidung. Sie verhindert nicht wirksam, dass Menschen sich drinnen anstecken, aber sie verhindert, dass Menschen sich dort bewegen, wo weniger Gefahren lauern: draußen.

Kommentar von Angelika Slavik

Es ist gut, dass die Bundesregierung nun einheitliche Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens verabschiedet, schließlich ist das föderale Pandemie-Management krachend gescheitert. Und trotzdem ist die Änderung des Infektionsschutzgesetzes, die heute beschlossen wurde, ein Fehler. Denn sie sieht Ausgangsperren vor, zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr morgens dürfen die Menschen das Haus mit nur minimalen Ausnahmen nicht mehr verlassen. Das ist unverhältnismäßig - und vollkommen lebensfremd.

Es gibt viele Gründe, um abends an die frische Luft zu gehen. Weil man vom Herrn Ehegatten genervt ist, mit dem man seit vielen Monaten eine höchst unfreiwillige Home-Office-Bürogemeinschaft bildet, zum Beispiel. Weil das Fitnessarmband mault, es fehlten von den angestrebten 10 000 Schritten noch 9500. Oder schlicht: Weil man eben Lust dazu hat. In der Pandemie ist vieles, das Menschen Freude macht, das ihnen hilft, den Kopf frei zu bekommen, ohnehin nicht zu haben. Kein Theater, kein Stadionbesuch, kein Fitnessstudio, keine Partys.

Nun auch noch den Abendspaziergang zu verbieten, ist ein eklatanter Eingriff in die Freiheitsrechte. Er wäre nur zur rechtfertigen, wenn es dafür absolut zwingende wissenschaftliche Gründe gäbe - und das ist nicht der Fall. Sich im Freien anzustecken, ist grundsätzlich sehr unwahrscheinlich, wie Aerosol-Forscher sagen. Und was es noch schlimmer macht: Das Verbot, allein oder mit der Familie abends um den Block zu laufen, ist ja ohnehin eher ein Kollateralschaden der Pandemiebekämpfung. Denn was die Politik mit der Ausgangssperre eigentlich verhindern will, ist ja offensichtlich, erstens, dass sich Jugendliche abends treffen und dabei am Ende Abstand und Maskenpflicht vergessen. Und zweitens, dass Menschen abends zu Verabredungen in privaten Räumen unterwegs sind. Denn genau dort gibt es ein hohes Infektionsrisiko.

Die Menschen haben Sehnsucht, deshalb reden sie Risiken klein

Diesen Problemen mit einer Ausgangssperre zu begegnen, basiert allerdings auf der Vorstellung, dass die Leute rational und vernünftig handeln und wegen der neuen Regeln tatsächlich zu Hause bleiben werden. Nur: So sind Menschen eben nicht. Sie sind nicht rational und vernünftig, sonst wären wir bei der Eindämmung der Pandemie schon ein ganzes Stück weiter. Menschen handeln auch emotional und irrational. Sie haben Sehnsucht nacheinander, nach dem Leben, deshalb reden sie Risiken klein, wenn ihnen die Vorsichtsmaßnahmen nicht passen, deshalb machen sie Ausnahmen, weil sie denken, das sei bloß die nette Nachbarin, bei der werde man sich schon nicht anstecken.

Man kann sich also vorstellen, wie diese perfekt unperfekten Wesen auf eine Ausgangssperre ab 21 Uhr reagieren werden: Sie werden sich eben für 18.30 Uhr verabreden. In Innenräumen. Mit der netten Nachbarin. Und die gescholtenen Jugendlichen werden sich eben um 20.55 Uhr in irgendjemandes Bude verziehen und aus der Freiluft-Ansammlung eine Übernachtungsparty machen. Darf ja keiner gehen vor fünf Uhr morgens, nicht wahr?

Natürlich ist das blöd, und natürlich könnte man nun schimpfen, die Leute sollten sich doch einfach an die Regeln halten. Aber man kommt in der Pandemiebekämpfung keinen Schritt weiter, wenn man die Regeln am vermeintlichen Ideal des rational agierenden Menschen ausrichtet. Man muss die Maßnahmen an der Realität ausrichten.

Das bedeutet konkret, dass man mehr Anstrengung darauf richten muss, Menschen über die Risiken aufzuklären - und ihnen gleichzeitig auch Optionen zugestehen sollte, das Leben zu genießen, so weit es eben möglich ist. Wenn alle wüssten, dass man am Balkon und mit Abstand bei recht geringem Risiko zusammensitzen kann, wogegen im Wohnzimmer die Ansteckungsgefahr enorm ist, dann sind die Chancen gut, dass sich die Menschen daran orientieren. Verbietet man den Kaffeeklatsch ganz grundsätzlich, wird er in vielen Fällen nicht ausfallen, sondern drinnen stattfinden - damit die Nachbarn einen nicht bei der Polizei anschwärzen.

Ausgangssperren sind ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in die persönliche Freiheit jedes Einzelnen - dass sie zudem absehbar nicht zum Ziel führen werden, macht diese Maßnahme noch ärgerlicher.

© SZ/kia
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