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Rede auf dem Grünen-Parteitag:Carolin Emcke wird gezielt verunglimpft

Carolin Emcke

Die Autorin Carolin Emcke wurde für ihre Rede auf dem Parteitag der Grünen kritisiert.

(Foto: dpa)

Die CDU und die Bild-Zeitung kritisieren die Autorin, in einer Rede habe sie Klimaforscher mit Holocaust-Opfern verglichen. Das ist perfide. Nichts dergleichen hat Emcke gesagt.

Kommentar von Ronen Steinke

Auf so einen Vorwurf muss man erst einmal kommen. Einen "Eklat" habe die Autorin und Publizistin Carolin Emcke produziert (Bild), eine "unglaubliche und geschichtsvergessene Entgleisung" (CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak), eine "Instrumentalisierung" der "Opfer jahrhundertelanger Verfolgung und Mordtaten" (Elio Adler, Vorsitzender des deutsch-jüdischen Vereins WerteInitiative in Bild).

Carolin Emcke hat auf dem Parteitag der Grünen eine kurze Gastrede gehalten, so wie auch etwa die Präsidentin der Münchner jüdischen Gemeinde, Charlotte Knobloch. In ihrer Rede hat Emcke, die auch regelmäßige Autorin der SZ ist, im leicht akademischen Sound etwas Zutreffendes beschrieben. Eine der größten Bedrohungen für den demokratischen Diskurs heute sei die systematische Desinformation und Hetze von rechts, die sich nicht nur unter dem Label der "Querdenker" immer wieder gezielt gegen bestimmte Gruppen von Menschen richte.

Feministinnen zählten oft zu den Feindbildern. Virologen auch, seit dem Aufkommen der "Lüge von der Hygienediktatur" (Emcke). Und Juden sowieso immer, das gehört beim hetzerischen Gerede von einer angeblichen Weltverschwörung sozusagen zu den Basics. "Das Objekt, auf das sich dann der empörte Protest richtet, ist so austauschbar wie mutwillig", formulierte Emcke. Und sie warnte: Im Bundestagswahlkampf werde sich dieselbe Technik der Desinformation und Hetze verstärkt auch gegen Klimaforscher richten.

Die entscheidenden drei Sätze ihrer Rede: "Die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben. Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministinnen oder die Virologinnen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen."

An dieser Diagnose kann man vielleicht kritisieren, dass Emckes Aufzählung der heutigen Betroffenen von Hetze noch zu kurz ist. Auch Muslime stehen im Fadenkreuz digitaler Schmierkampagnen. Ganz an den Haaren herbeigezogen ist dagegen der Vorwurf, der nun Emcke gemacht wird. Juden in einer Aufzählung neben anderen Menschen zu nennen, die angefeindet werden - das "bagatellisiert" nicht, wie die Welt am Sonntag behauptet, "das Leid der Juden". Es bringt bloß zum Ausdruck, dass Emcke von einer Form von Anfeindung sprechen möchte, die mehrere Gruppen trifft. Juden und andere.

So etwas gibt es. Selbstverständlich. Emcke spricht von der Gegenwart, vom digitalen Hass. Davon, dass im Internet "erfundenes Material geleakt und gedoxt" werde. Nirgends in ihrer Rede hat sie vom Holocaust gesprochen. Auch nicht indirekt. Die Idee, Kritik an heutigen Virologen oder Klimaforschern ernsthaft mit dem Holocaust gleichzusetzen, ist Carolin Emcke, soweit ersichtlich, auch nicht ansatzweise in den Sinn gekommen, und auch beim Zuhören konnte man auf diese Idee nur kommen, wenn man denn wirklich, wirklich einen "Eklat" konstruieren wollte. Zum Beispiel, weil Wahlkampf ist.

"Rednerin vergleicht Klimaforscher mit verfolgten Juden", diese Bild-Schlagzeile ist perfide, weil bei der gewählten Formulierung "verfolgte Juden" viele Menschen natürlich an den Holocaust denken. So eine Schlagzeile verkauft die Leserinnen und Leser für dumm, so eine Schlagzeile führt die Leserinnen und Leser in die Irre, um gezielt eine Person des öffentlichen Lebens zu demontieren, unmöglich zu machen, zu beschädigen. Man könnte auch sagen: Desinformation.

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