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Annalena Baerbock:Das grüne Experiment

Die Frau macht's - Annalena Baerbock zieht als Kanzlerkandidatin in den Wahlkampf. Auf den ersten Blick wird das viele befrieden mit dem Anspruch, Frauen an die Spitze zu stellen. Überwinden muss die 40-Jährige nun die Zweifel, ob sie ohne Amtserfahrung das Land führen kann.

Kommentar von Stefan Braun

Jetzt ist es also so weit: Die Grünen ziehen mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin in dieses spannende Jahr der Bundestagswahl. Vor nicht allzu langer Zeit hätten das viele noch als größenwahnsinnig gegeißelt. Gerade mal 8,9 Prozent erzielte die Partei vor vier Jahren. Doch nur eine Legislaturperiode später ist die Hoffnung aufs mächtigste Amt im Land eine reale Möglichkeit geworden. Nichts zeigt deutlicher, wie sehr sich die politische Landschaft verändert hat seit 2017.

Dass es Annalena Baerbock geworden ist, kommt nicht wirklich überraschend, allen Inszenierungen zum Trotz. Die viel größere Überraschung an diesem Tag wäre Robert Habeck gewesen. Ihn zu nominieren, hätte der Grünen-Spitze zumindest in die eigene Partei hinein mehr Widerspruch beschert. Wie hätten ausgerechnet die Grünen bei all den gerechtigkeitsgeprägten Debatten im Land erklären sollen, dass nach SPD und Union auch sie mit einem Mann in die politische Schlacht ziehen. Ausgerechnet jetzt quälende Identitätsfragen auszulösen, das sollte und musste aus Sicht der Parteispitze vermieden werden.

Wer seit Jahren aus guten Gründen mit dem Schlachtruf "Mehr Frauen in Führungspositionen!" übers Land fährt, hätte in diesem Moment mit harter Kritik rechnen müssen. Selbst Baerbock persönlich wäre dabei nicht ausgespart worden. So gesehen passte das taktische Kalkül der Parteiführung mit dem Ehrgeiz der 40-Jährigen bestens zusammen. Sie kann, sie will, sie wird - was sich die CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer einst zum Wahlspruch machte, hat Baerbock mit Verve und Chuzpe für sich übernommen.

Baerbock kann ohne Habeck nicht gewinnen

Für den Start in das, was ab jetzt wortwörtlich ein Wahl-KAMPF sein wird, ist die Entscheidung für Baerbock deshalb clever gewesen. Doch was an diesem Montag richtig und logisch erscheint, ist nur der Beginn einer riesigen Bewährungsprobe. So smart und fleißig und keck Baerbock auftritt, zu dem Aufstieg der Partei in den vergangenen drei Jahren hat sie manches, aber nicht alles beigetragen. Im Gegenteil. Der erste Beförderer dieses Höhenflugs ist Robert Habeck gewesen. Nicht als Mann und nicht als über allem schwebender Philosoph, wie er heute von vielen Gegnern und manchen Parteifreunden fast schon abschätzig beschrieben wird, sondern als Politiker, der reales Politik-Management und schmerzhafte Kompromissfähigkeit bei den Grünen hoffähig gemacht hat.

Habeck kam im Januar 2018 an die Spitze mit zwei großen Fähigkeiten. Er hatte in Schleswig-Holstein erst als Fraktionschef, dann als Vizeministerpräsident zwei Dinge im Gepäck, ohne die die Partei heute nicht da wäre, wo sie ist. Er hatte im Norden vorgelebt, wie man eine in Flügel gespaltene Partei eint. Und er hatte als Umwelt-und Landwirtschaftsminister gezeigt, wie man die Ideale der Grünen und die realen Probleme der betroffenen Landwirte, Fischer und Schäfer mit Reden, Streiten, Überbrücken und Entscheiden zusammenbringen kann. Sein politischer Charme bestand nicht im Lächeln, sondern im Brückenbauen. Dem Bauernverband zwischen den Küsten gefiel das nicht immer. Aber es rang ihm mehr und mehr Respekt ab. Das war sein Trumpf - Habeck hatte als Minister vorgelebt, wie es gut gehen kann.

Ob Annalena Baerbock das auch gelingt, ist offen. Dass sie ein sehr ähnliches Politikverständnis hat, steht für die, die sie kennen, außer Frage; dass ihr das die Menschen auch abnehmen, muss sich aber erst erweisen. Vor allem muss sie bis in den September hinein mit dem Vielleicht-Makel leben, dass sie bisher kein Ministerium, keine Behörde, keine größere Organisation geführt hat. Das muss keine Schwäche sein. Aber es kann eine werden. Und dass die politische Konkurrenz das thematisieren wird, damit sollte in einem so harten Kampf um die Macht jede und jeder rechnen.

Die Partei braucht jetzt ein echtes Team an der Spitze

Aus diesem Grund wird Baerbock in den kommenden Monaten zwar ganz vorne stehen bei den Grünen. Aber sie wird Robert Habeck mindestens genauso brauchen wie bisher. Ja, ob das Experiment Baerbock eine Chance hat, hängt von Habeck mindestens genauso ab wie von der Ab-jetzt-Kanzlerkandidatin. Natürlich hat ihn die Entscheidung geschmerzt; und natürlich wird er das noch eine ganze Weile im Herzen tragen. Umso mehr aber wird er jetzt den Bogen schaffen müssen, trotzdem und unzweifelhaft an ihrer Seite zu kämpfen. Beide sagten zuletzt, dass nun eine oder einer "einen halben Schritt" weiter nach vorne gehen werde. Im Bild bleibend kann das nur heißen: Habeck darf nicht mehr als einen halben Schritt zurückbleiben.

So schön das jetzt für Baerbock als Frau an der Spitze sein mag - die Grünen werden ohne ein echtes Team mit noch deutlich mehr Leuten nicht lange überleben. Den Wahlkampf mag man in kleinerer Mannschaft bestreiten können. Beim Regieren aber würden die Grünen ohne ein viel größeres Team sehr schnell an ihre Grenzen stoßen. So historisch dieser Tag für die Partei sein mag, so groß ist die Gefahr, dass er für eine lange Zeit ihr schönster gewesen sein könnte.

© SZ/kus
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