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USA:Von Macht, Ohnmacht und Niederlage

US-ATTACKS-BIN LADEN-OBAMA

Live dabei: Am 1. Mai 2011 verfolgen US-Präsident Barack Obama und sein Stab im Weißen Haus in Washington den Einsatz gegen Al-Qaida-Chef Osama bin Laden.

(Foto: Pete SOUZA/AFP)

Zehn Jahre nach dem Tod von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden verblasst die Erinnerung. Andere Bedrohungen gewinnen an Bedeutung. Warum aber ist es so schwer, aus dem Terror die richtigen Lehren zu ziehen?

Kommentar von Stefan Kornelius

Vor zehn Jahren wurde Osama bin Laden auf einem Schiff in ein weißes Baumwolltuch gewickelt. Ein Imam sprach das Totengebet, danach wurde der Leichnam dem Arabischen Meer übergeben. Aufnahmen von diesem Moment wurden nie veröffentlicht, der Ort der Seebestattung ist unbekannt. Die Erinnerung an den Anführer von al-Qaida und die Symbolfigur für die wohl wirkungsvollsten Terroranschläge der Vergangenheit - sie sollte verblassen. Eine Gedenkstätte hätte nur einen Märtyrer geschaffen.

Tatsächlich ist das Kalkül aufgegangen. Osama bin Laden wurde von anderen Symbolfiguren des Terrors abgelöst, al-Qaida war nur eine Spielart des islamistischen Terrors, vielfach kopiert und überboten, nicht zuletzt vom sogenannten Islamischen Staat. Die Kraft der Legende: Nun verblasst sie und geht den Gang in die Geschichte. In Afghanistan sollen 600 Al-Qaida-Kämpfer aktiv sein, doch die größere Gefahr zumindest für das Land selbst geht von den Taliban aus, deren Organisationsgrad und Machthunger 20 Jahre Besatzung und Staatsaufbau nicht brechen konnten.

Der 11. September 2001 wurde zum Wendepunkt der Geschichte

Osama bin Ladens al-Qaida hatte sich das wirkkräftigste Symbol für ihren Machtkampf ausgesucht: die USA und alles, was den amerikanischen Führungsanspruch in der Welt symbolisierte. Gut zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges hatten die USA den Höhepunkt ihrer Macht erklommen. Der hegemoniale Moment war einmalig, das Land stolperte durch seine unipolare Seligkeit, China war schwach, Russland am Boden, die Demokratie wies den Weg.

Der 11. September 2001 wurde zum Wendepunkt der Geschichte - nicht weil die Taten so monströs und die Bilder so unfassbar intensiv waren. Die fallenden Leiber aus den Zwillingstürmen, der letzte Anruf des Vaters an die 14-jährige Tochter, der heldenhafte Kampf im Cockpit: Der Tag sollte ein für alle Mal die Hebelkraft des Terrors belegen, der mit vergleichsweise geringen Mitteln gewaltige Wirkung erzielt.

Die USA ließen sich von Osama bin Laden zu zwei konventionellen Kriegen verleiten, sie akzeptierten die Militarisierung ihrer Gesellschaft und die Radikalisierung ihrer Innenpolitik. Demokratie und Freiheit erlebten überall im Westen düstere Augenblicke. 2001 wird für immer ein Scharniermoment der Geschichte bleiben, der Scheitelpunkt in der Verlaufskurve von Macht, Ohnmacht und Niederlage.

Amerika hat die zentrale Botschaft nicht beherzigt

Dennoch verblasst auch eine Jahrhundertbedrohung. Diesmal nach nicht mal einer Generation. Andere Risiken belasten die Welt, neue Rivalitäten wie nun zwischen China und den USA erzwingen neue Allianzen. Die Islamisten haben aus ihrer Ideologie wenig bleibendes Kapital geschlagen. Terror bleibt ein Sektengeschäft, kein Mehrheitsmodell.

Umso ärgerlicher, dass die USA die zentrale Botschaft aus der Tat nicht beherzigt haben: bleibt standhaft. Der Rückzug aus Afghanistan, symbolstark eingeleitet zum Todestag bin Ladens, wird den Radikalen einen letzten Triumph bescheren. Die Taliban werden schnell die Macht an sich ziehen. Am vergangenen Wochenende erst starben 27 Menschen bei einem Anschlag auf ein Gästehaus in der Provinz Logar - ein Indiz, dass der Vertrag von 2020 über Abzug und Gewaltverzicht nun tatsächlich nicht mehr gilt. Bin Ladens Saat ist zerstört, der Boden aber bleibt fruchtbar.

© SZ/kus
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