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"Zwischen Himmel und Hölle" im ZDF:"Unser Diskurs wird immer noch sehr scheuklappenmäßig geführt"

Doch für Kompromisse, wie sie Andreas Bodenstein in ihrem Film sucht, schien die Zeit im Mittelalter auch noch nicht gekommen zu sein.

Ja, offensichtlich. Von 1522 an erteilte Luther seinem einstigen Weggefährten Bodenstein ein Hausverbot an der Universität in Wittenberg, nachdem sie sich überworfen hatten. Er erteilte ihm außerdem ein Predigtverbot, was einem Berufsverbot gleichkam. Bodenstein ist schließlich in Basel jämmerlich an der Pest krepiert.

Was kann uns "Zwischen Himmel und Hölle" heute sagen? Häretiker müssen zumindest in westlichen Demokratien ja nicht mehr um Leib und Leben fürchten.

Das vielleicht nicht. Aber unser Diskurs wird immer noch sehr scheuklappenmäßig geführt. Wer zum Beispiel bei uns die Doktrin vom ständigen Wirtschaftswachstum in Frage stellt, braucht Mut und wird als naiver Träumer hingestellt. Warum schalten wir zum Beispiel die Atomkraftwerke nicht endlich einfach ab? Wir wissen, dass sie nicht gut für uns sind. Warum müssen wir uns dann den Sermon vom Übergang anhören? Dasselbe gilt für die Diesel- und Elektro-Mobilität. Warum soll da die Umstellung 30 Jahre dauern? Das kann mir kein Mensch erzählen. Fünf, acht Jahre, ja. Aber länger darf das nicht dauern.

Die Szene in Ihrem Film, in der Thomas Müntzer hingerichtet wird, steht für ein gnadenloses Rechtsempfinden, mit dem heute niemand mehr konfrontiert wird: Der Erzbischof verkündet die Vierteilung Müntzers und die Zurschaustellung seines abgehackten Kopfes - als Abschreckung.

Unser Grausen vor dem finsteren Mittelalter ist ein Alibi, mit dem wir uns einreden, wir seien heute viel humaner. Wir fragen: 'Wie bösartig war das denn?' Dazu kann ich nur sagen: Das 20. Jahrhundert war das übelste von allen, da sind die meisten Menschen im Krieg gemeuchelt worden. Natürlich sind wir heute aufgeklärter als die Menschen im Mittelalter, aber das heißt ja, das wir uns erst recht fragen müssen, wo wir stehen. Die drei Männer in meinem Film gehen verschiedene Wege, die ich als Vorschlag dafür verstehe, was man tun kann, wie man sich wehren kann, ohne das zu werten. Wichtig ist nur, dass sie überhaupt etwas getan haben.

Als Geistliche hatten alle drei allerdings die Kanzel und eine Autorität bei den gottesfürchtigen Gläubigen, über die heute wohl nur noch die wenigsten Wortführer verfügen.

Zunächst einmal gilt, dass wir heute viel bessere Möglichkeiten haben als die Menschen damals, uns klarzumachen, wo wir mit dem eigenen Gewissen stehen. Wenn wir etwa versuchen, die täglichen Nachrichten einzuschätzen: 'Was ist richtig, was ist falsch? Wann lese ich The Intercept (Investigativ-Plattform im Netz, Anm. d. Red.), um einen Vergleich zu haben, wann bleibe ich beim Spiegel, der Süddeutschen oder dem Stern? Solche Gedanken anzuregen, war uns bei dem Film wichtig. Und jeder hat die Möglichkeit mit anderen Menschen zu reden - zum Beispiel in Verbänden und Vereinen. Auch wenn es da hauptsächlich um Fußball oder Tennis geht, kann man auch dort zu anderen Themen Zeichen setzen - so wie die Footballer in Amerika, die sich vor jedem Spiel hinknien.

Und wie kämpfen Sie für eine bessere Welt? Als Regisseur haben Sie ja durchaus einen gewissen Einfluss.

Das erkläre ich am besten am Beispiel "Ziemlich beste Freunde". Einen solchen Film über einen querschnittsgelähmten alten Mann und einen Schwarzafrikaner hätte in Deutschland niemand finanziert bekommen, vollkommen unmöglich. Die Franzosen haben's gemacht und daraus ist gute Unterhaltung geworden, aber mit einer gewissen Nachdenklichkeit über die dargestellte Situation. Und wir machen "Fack ju Göhte". Da stehe ich schon eher bei den Franzosen. Natürlich muss man den Zuschauer mit etwas packen, was er kennt. Ich muss ihn unterhalten, aber ich möchte ihn eben auch zum Nachdenken anregen. Und diese Haltung sehe ich deutlicher bei der BBC als etwa bei Sat.1 oder bei RTL.

© SZ.de/doer/fued
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