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ARD-Film:Die Luthers: Familienidyll mit Hausmusik

'Katharina Luther' - Dreharbeiten

Karoline Schuch (Katharina von Bora) und Devid Striesow (Martin Luther) bei Dreharbeiten des Films "Katharina Luther".

(Foto: dpa)

Die ARD zeigt die Ehe zwischen Martin Luther und Katharina von Bora als blank polierten Bilderreigen. Einziger Lichtblick: Devid Striesow als grantiger Gelehrter.

TV-Kritik von Willi Winkler

Ah, die Freiheit, endlich! Als sie aus dem Kloster fliehen kann, setzt die Nonne Katharina von Bora den Fuß zum ersten Mal unbeschuht auf den Boden und vereinigt ihn naturmystisch mit dem grünen, grünen Gras. Endlich frei! Wer's glaubt, wird selig, denn eine bessere Versorgung als im Kloster gab es vor 500 Jahren für junge Frauen in Deutschland nicht, und lesen und schreiben lernten sie dort auch. Aber mit solchen Details würde der Zuschauer, erst recht die empfindsame Zuschauerin nur verwirrt, deshalb zeigt der historisch-unkritische Film Katharina Luther (Regie: Julia von Heinz) auch lieber ein verletztes Vögelchen, das von zarten Frauenhänden gesund gepflegt und wieder in die Freiheit entlassen wird. Ja, die gute Kathi!

Bei der ganzen Lutherei das ganze Jahr darf schon aus Quotengründen ein Film über die Frau an der Seite des Reformators nicht fehlen. Eine Frau habe häuslich zu sein, meinte der erste Protestant, das sei anatomisch bedingt, und verwies auf den dickeren Hintern und die breiteren Hüften, die sie zum Stillsitzen bestimmten. Dieser Blödsinn bleibt einem zum Glück erspart, allerdings gönnt der Drehbuchautor Christian Schnalke uns Nachgeborenen auch Luthers unromantische Definition der Ehe nicht, die dem späten Hochzeiter einfiel: "Wenn er aufwacht, sieht er im Bett zwei Zöpfe neben sich liegen, die er vorhin nicht sah." Die Hauptdarstellerin Karoline Schuch hat auch gar keine langen Haare.

Ganz auf der Höhe der Luther-Entmythologisierung

Die befreite Katharina ist es, die um den bindungsängstlichen Mönch wirbt. Sie ist so sehr von heute, dass sie als Wirtschafterin stolz verkündet: "Wir stellen unser Essen selber her" - als wäre Subsistenzwirtschaft im 16. Jahrhundert so ungewöhnlich gewesen. Besagte Ehe wird zunächst gar nicht vollzogen, Luthers Befehl an die Obrigkeit, die aufständischen Bauern zu massakrieren, fordert den ganzen Mann, dann find't Mönch doch zu Nonne, die dummen Menschen, Freund Melanchthon eingeschlossen, verstehen es nicht, aber zuletzt wird eitel Familienidyll mit Hausmusik draus und drumherum lauter nette und vorschriftsmäßig blonde Kinder.

Ein Lichtblick in diesem blank polierten Bilderreigen ist Devid Striesow als Luther. Kann schon sein, dass er sich Robert Mitchums berühmtes Kürzel im Drehbuch notiert hat - N. A. R. (no acting required - Schauspielen unnötig) -, in seiner kunstfertigen devidstriesowhaften Wurschtigkeit gibt er den grantigen, gern auch weltfremden Gelehrten, der das turbomodernisierte Biederfräulein mühelos an die Klostermauer spielt. Dafür brilliert sie als Innenarchitektin - auch nicht schlecht, wie es bei Hermann Lenz heißt.

Denn so muss es wohl sein, wenn dem Christenvolk oder jedenfalls den Protestanten 500 Jahre nach der Reformation eine fromme Legende nachgereicht wird, die Legende von der Frau, die den Reformator tatkräftig unterstützt, wenn es nötig wird, sogar als wissenschaftliche Assistentin einspringt und ansonsten geduldig seine Launen erträgt, ihn pflegt, wenn er's braucht und überhaupt so pastorengattinnenbrav waltet, wie es Schiller später der züchtigen Hausfrau vorschrieb. Das ist sogar weitgehend richtig, aber bitte, das Augustinerkloster war keine Ruine, und Katharina längst nicht so emanzipiert, wie frau das heute gern hätte. Wo hätte sie es auch hernehmen sollen, wenn Paulus ein für alle Mal deklariert hatte, dass die Frau in der Kirche zu schweigen habe?

Ganz auf der Höhe der Luther-Entmythologisierung kommt zwar der infernalische Judenhass des Theologen zur Sprache, aber natürlich ohne Hinweis darauf, dass "Herr Käthe" womöglich eine noch viel größere Judenfeindin war als ihr Mann. Zweieinhalb Wochen vor seinem Tod ereilte Luther auf einer Reise ein Herzanfall. "Aber wenn du werest da gewest", schreibt er der Komplizin, seiner lieben Hausfrau, "so hettestu gesagt, Es were der Juden oder ires Gottes schuld gewest." Das hat die tapferen Feministinnen zu München aber auch nicht gestört, als sie 2010 unbedingt eine Straße nach ihrem liebreizenden Käthchen benannt haben wollten. Der allerdings katholische Filmdienst hätte sich bei dieser bildschönen Heiligenlegende früher mit der Kurzkritik "Abzuraten" begnügt.

Katharina Luther, ARD, 20.15 Uhr.

© SZ vom 22.02.2017
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