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"Zwischen Himmel und Hölle" im ZDF:"Wir reden uns ein, wir seien viel humaner als im Mittelalter"

Zwischen Himmel und Hölle

Inspiriert von Martin Luthers (Maximilian Brückner) Vorschlägen für die Erneuerung der Kirche begehrten zahlreiche Bauern gegen Not und Unterdrückung auf - mit einem für sie vernichtenden Ergebnis.

(Foto: ZDF und Hardy Brackmann)

Im ZDF-Dreistünder "Zwischen Himmel und Hölle" erzählt Regisseur Uwe Janson die Geschichte der Reformation als Wettstreit ihrer ungleichen Verfechter. Ein Gespräch über Martin Luther und das eigene Gewissen.

Der Regisseur Uwe Janson hat für das ZDF einen Spielfilm über Martin Luther gedreht - in einer epischen Länge von drei Stunden. Im Gespräch erläutert er, was wir heute noch vom Reformator und seinen Mitstreitern lernen können - und was sich das deutsche Fernsehen von der BBC abschauen sollte.

SZ: Mit dem Reformationstag erreichen die Luther-Festspiele in diesem Jahr ihren Höhepunkt. Gibt es über diesen Menschen überhaupt noch etwas zu sagen?

Uwe Janson: Martin Luther ist schon eine interessante Figur. Aber die Reformation insgesamt und die Menschen, die diese Reformation gebildet haben, sind mir viel wichtiger. Bei "Zwischen Himmel und Hölle" ging es mir deshalb um die ambivalente Darstellung Luthers, aber vor allem auch der Figuren um ihn herum.

Das klingt sehr ambitioniert.

Wenn ich versucht hätte, die historischen Fakten eins zu eins abzubilden, dann hätte das das Format tatsächlich überfordert. Aber als Spielfilm-Regisseur habe ich den Vorteil, mich der Fiktion bedienen zu können, um die dramaturgische Grundkonstellation zu erreichen, die ich mir vorstelle.

Das heißt, Sie haben die Historie auffrisiert?

So lange das den Film spannender macht und die Aussage insgesamt im historischen Rahmen bleibt, ist das vollkommen legitim. Mir ging es darum, dem Zuschauer zu zeigen, wie eine Grundidee in verschiedenen Formen umgesetzt werden kann. Dafür ging ich von einer Dreierbande aus - von Martin Luther, Thomas Müntzer und Andreas Bodenstein, die sich zunächst aufgrund einer gemeinsamen Anfangsidee zusammentun, dann aber wegen Meinungsverschiedenheiten wieder getrennte Wege gehen. Wenn ich zu 100 Prozent bei den historischen Fakten geblieben wäre, hätte ich das so nicht umsetzen können, denn tatsächlich waren nur Luther und Bodenstein Zeit ihres Lebens aufeinander gestoßen, während sich Luther und Müntzer persönlich kaum kannten.

Warum ist es so wichtig, ein Trio zu haben und kein Duo?

Weil ich drei Figuren für die wesentlichen Standpunkte brauchte. Der Grundgedanke bestand bei allen dreien darin, dass Gott gnädig und dass jeder Mensch vor ihm gleich ist. Luther hat daraus abgeleitet, dass die Kirche reformiert werden muss. Müntzer hat hingegen den Schluss gezogen: "Dann sind die Fürsten auch nur genau so wichtig wie der Kuhhirt. Wir müssen die ganze Gesellschaft reformieren." Dazu sagt Luther im Film "Stop!". Tatsächlich war er der Meinung, die Adligen seien von Gott eingesetzt, die fasst man nicht an. Bodenstein steht als Kirchenjurist zwischen den beiden und geht mental daran zugrunde, dass er den Konflikt nicht schlichten kann.

Historisch gesehen ging nur Luther erfolgreich aus diesem Konflikt hervor. Bedeutet das, dass er recht hatte?

Das ist genau die Frage, die ich nicht beantworten will. Deswegen versucht der Film, jede der Figuren mit all ihren Ambivalenzen darzustellen.

Dass Luther Antisemit war, wie Ihr Film zeigt, ist schon öfters thematisiert worden.

Er war nicht nur Antisemit, sondern auch Frauenhasser und Rassist. Andererseits besaß er den Mut, sich 1521 auf dem Reichstag zu Worms (wo er unter Androhung des Todes der Häresie entsagen sollte, Anm. d. Red.) hinzustellen und frei zu reden und seine Meinung zu sagen. Seine Bibelübersetzung war eine Großtat für die deutsche Sprache, und er hat sehr stark auf Gewaltfreiheit bestanden. Trotzdem wird er bei mir nicht heroisiert, so wie das die Amerikaner mit Joseph Fiennes als Luther in Eric Tills Biopic von 2003 getan haben. Denn er hat sich als Diplomat auch den Adligen angepasst und deren Spiel mitgemacht, das muss man ganz klar sagen.

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Im Gegensatz zu Thomas Müntzer, der den Mut hatte, das himmelschreiende Unrecht auszusprechen, das den Bauern von Kirche und Adel angetan wurde.

Richtig. Das ist jemand, der heute stellvertretend stehen kann für den "Aufstand des kleinen Mannes" und für revolutionären Widerstand. Deswegen wurde in der DDR vor allem Müntzer als der Reformator betrachtet, während er im westdeutschen Schulunterricht nicht auftauchte und dort Luther der Held war. Doch auch Müntzer war eine ambivalente Figur, weil es bei ihm ab einem gewissen Punkt in Richtung Unbelehrbarkeit ging. Mit einem Bauernhaufen von 6000 Mann gegen 6000 Soldaten zu kämpfen (Schlacht bei Frankenhausen, Anm. d. Red.), die gerüstet sind, schwer bewaffnet und beritten, war ein fanatischer Schritt, der das Andenken an ihn schwer beschädigt hat. Noch zehn Jahre nach Müntzers Tod, der 1525 enthauptet wurde, hat Luther über ihn geschrieben, er sei dem Teufel begegnet. So wurde Müntzer noch 200 Jahre lang bezeichnet. Von ihm gibt es kein echtes Bildnis, während es von Luther Tausende gibt.