Nachfolge von Thomas Bellut:ZDF-Intendantenwahl könnte unerwartet spannend werden

Tina Hassel übernimmt Chefredaktion des ARD-Hauptstadtstudios

Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios

(Foto: WDR; Jürgen Welter/dpa)

ARD-Journalistin Tina Hassel soll nach Wunsch der SPD gegen den Favoriten Norbert Himmler antreten.

Von Claudia Tieschky

Die Wahl zum Intendanten beim ZDF, sie könnte noch unerwartet spannend werden. Bis vor Kurzem schien es, als sei der wegen der Pandemie noch offene Termin vielleicht das Spannendste an der bevorstehenden Wahl im ZDF. Intendant Thomas Bellut tritt nach zwei Amtszeiten nicht wieder an und hört im März 2022 auf. Das moderne ZDF, wie es heute ist, hat er erfunden, erst als Programmdirektor unter Intendant Markus Schächter und seit 2012 als salomonischer Intendant, den äußerlich zumindest nicht einmal Jan Böhmermanns immer überraschender Fernsehgarten aus der Ruhe bringen konnte.

Genauso hätte es weitergehen können, und nach Meinung vieler auch weitergehen sollen. Denn als Favorit für die Nachfolge Belluts galt derjenige, der genau das ist, was Bellut einst selber war - der langjährige Programmdirektor des Intendanten: Norbert Himmler, Miterfinder von ZDF neo, damals gewissermaßen für die jüngere Zuschauerschaft im ZDF zuständig und seit 2012 Programmdirektor des Zweiten. Fünfzig Jahre alt, geboren in Mainz, Studium ebendort und in München, nebenbei ist Himmler auch Berater der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz. Einer, der sich hochgearbeitet und den Laden nach vorne gebracht hat. Bei dem man weiß, was man kriegt. Es gibt nicht nur beim ZDF Leute, die das gut finden. Als Diversität im ZDF, sagen Spötter, gehe schon ein evangelischer Mann durch.

Eigentlich hätte die Wahl nun ungefähr so ablaufen können wie die von Bellut im Jahr 2012: Der designierte Nachfolger des Intendanten stellt sich dem Fernsehrat vor, während draußen vor der Tür all diejenigen aus dem ZDF mit nur mäßig strapazierten Nerven warten, die schon etwas sind im Sender - oder unter dem neuen Intendanten etwas werden wollen. Es gibt immer noch nicht allzu viele Frauen, die es im ZDF in höhere Führungspositionen geschafft haben. Eine hausinterne Gegenkandidatur gibt es offenbar bislang nicht.

Wieso sie? Gibt es beim ZDF keine geeigneten Journalistinnen?

Nun könnte es aber sein, dass es vielleicht doch noch eine unerwartet spannende Wahl wird für das ZDF, wenn auch nicht mit einer Himmler-Konkurrenz aus dem eigenen Haus. Denn nach SZ-Informationen schickt der politisch "rote Freundeskreis" im für die Wahl zuständigen Fernsehrat Tina Hassel gegen Himmler ins Rennen, die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios. Der "rote" Freundeskreis ist politisch breiter zu verstehen als nur SPD-nah, genauso wie das Lager des "schwarzen" Freundeskreises auf den anderen Seite nicht nur aus dem Kern der Unionsanhänger besteht. An diesem Dienstag wurde Hassel offenbar von zwei Fernsehratsmitgliedern offiziell als Kandidatin für die Wahl vorgeschlagen. Vom Büro des Fernsehrates wird bestätigt, dass derzeit zwei Namen für die Wahl auf dem Tisch liegen. Hassel ist so ziemlich das Gegenteil von Himmler, nicht nur, weil sie eine Frau ist.

Dass die 57-Jährige jetzt zur Wunschkandidatin eher linker Kreise aufsteigt, erscheint allerdings als kurios. Hassel ist zwar in den Nachrichten äußerst präsent, wirkt aber in Interviews - wie bei Farbe bekennen - weit weniger souverän als etwa die ZDF-Moderatoren Marietta Slomka oder Claus Kleber im Heute-Journal. Die Karriere der gebürtigen Kölnerin umfasst alles außer Lerchenberg. Sie leitete drei Jahre lang das ARD-Studio in Washington, war Korrespondentin in Paris und Brüssel. Hassel ist Trägerin des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises. Von Friedrichs stammt der Satz, dass sich ein guter Journalist mit keiner Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten. Als Hassel im Januar 2018 begeistert auf Twitter von der neu gewählten grünen Doppelspitze Habeck/Baerbock schwärmte, hinterließ sie allerdings durchaus den Eindruck, parteipolitisch Sympathisantin zu sein. In Zeiten, in denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk gegen den Ruf kämpft, zu sehr großen teilen aus Grünen-Anhängern zu bestehen, war das für die ARD in der Öffentlichkeit wenig hilfreich.

Zusätzlich kurios jetzt: Von der SZ mit der ZDF-Wahl konfrontiert, lässt Tina Hassel nun eine Sprecherin des ARD-Hauptstadtstudios antworten, das ja eigentlich mit der Wahl beim ZDF kaum befasst sein sollte: "Ich bitte um Verständnis, dass sich Tina Hassel aktuell zu dem von Ihnen erwähnten internen Bewerbungsverfahren, von dessen fairem Verlauf wir überzeugt sind, derzeit nicht öffentlich äußern möchte. Zu einem anderen Zeitpunkt, stünde sie ggfs. für ein Wortlautinterview zur Verfügung, sollten Sie Interesse haben."

Wer hatte denn einen fairen Verlauf des Verfahrens in Zweifel gezogen?

Als Vorteil könnten Befürworter ihrer Kandidatur die Tatsache werten, dass sie die ARD kennt, weil die Öffentlich-Rechtlichen unter immer stärkerem Kooperationsdruck stehen. Doch das Thema ist heikel. Gerade erst hat der scheidende Intendant Bellut im FAZ-Interview einer zu engen Kooperation mit der ARD eine Absage erteilt. Die Öffentlich-Rechtlichen müssen vor allem im Osten ihr Publikum davon überzeugen, dass sie ihr Geld wert sind - das spricht für eine Senderspitze mit journalistischem Zugang. Sie müssen aber auch erst einmal unter die (jungen) Leute kommen, dafür ist technische Strategie nötig. Das zentralistische ZDF war hier bislang oft etwas flinker als die ARD mit ihren föderalen Intendantenrunden.

Die Konstellation bei der ZDF-Intendantenwahl kann zu beinharten Blockademöglichkeiten führen

Der konservative Freundeskreis im Fernsehrat sieht Norbert Himmler offenbar als gesetzten Nachfolger. Warum die "Roten" auf der Suche nach einer geeigneten Frau als Gegenkandidatin im ZDF nicht fündig wurden? Die Kandidatur von Hassel dürfte jedenfalls die Ruhe in Mainz schnell in einen anderen Modus versetzen. Die Wahl, die nach dem Willen der Fernsehratsvorsitzenden Marlehn Thieme möglichst schon Anfang Juli unbedingt als Präsenzsitzung stattfinden soll und nicht auf dem Bildschirm, wird nun kein Programm aus der Kategorie Der Bergdoktor. Am 15. Juli sollen sich die Kandidaten erstmals einem Ausschuss des Fernsehrats vorstellen und dabei bereits Eckpunkte ihres Zukunftskonzeptes für das ZDF erläutern.

Der Fernsehrat, der über die Bellut-Nachfolge abstimmt, hat 60 Mitglieder, darunter Parteipolitiker wie den ehemaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung, CDU, oder den früheren Ministerpräsidenten des Saarlands, Reinhard Klimmt, SPD. Vertreten sind auch die gesellschaftlichen Gruppen, die Glaubensgemeinschaften, der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands, die Landesfeuerwehr Sachsen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände.

Eine Besonderheit im ZDF liegt darin, dass "schwarzer" und "roter" Freundeskreis jeweils Stimmen des anderen Lagers brauchen, um einen Kandidaten durchzubringen: Für die Wahl ist eine Drei-Fünftel-Mehrheit nötig, das sind 36 Stimmen. Die Konstellation führt zu beinharten Blockademöglichkeiten und gelegentlich zu unplanbaren Ergebnissen: In langen Wahlnächten können verblüffende Deals ablaufen, wenn die Lager aufeinander angewiesen sind. Markus Schächter wurde 2002 als Überraschungskandidat im fünften Wahlgang Intendant. Bei Wahlen im ZDF ist also, sofern es überhaupt mehr als einen Kandidaten gibt, vieles möglich. Zwar hat Thieme um Vorschläge bis zum 25. Mai gebeten. Theoretisch können die Fernsehräte aber selbst in der Wahlsitzung noch eine Kandidatin oder einen Kandidaten ins Rennen bringen. Markus Schächter hatten sie damals von der Gartenarbeit direkt zur Kür geholt. Diesmal drohte es extrem geräuschlos zu werden. Das dürfte jetzt doch anders kommen.

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