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Wunsch-"Tatort": Münster:Absaufen? Doch nicht Boerne und Thiel

Tatort Münster; Episode "Schwanensee"; Robert Gwisdek und Jan Josef Liefers

Eigentlich sollte Boerne (rechts, Jan Josef Liefers, mit Robert Gwisdek) ja auf Tauchurlaub sein. Doch er kann sich nicht von der Arbeit losreißen - und geht am Ende zweimal baden.

(Foto: WDR/Willi Weber)

Die ARD zeigt einen Fall aus dem Jahr 2015, in dem die Münsteraner in einem psychiatrischen Therapiezentrum ermitteln. Die Kritik von damals.

Von Holger Gertz

Diese "Tatort"-Kritik ist am 7. November 2015 in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Aufgrund der Wahl des Films zum Wunsch-"Tatort" veröffentlicht SZ.de sie hier erneut.

Thiel und Boerne ermitteln im Therapiezentrum "Schwanensee", wo die Leiche einer Patientin auf dem Boden eines Swimmingpools gefunden worden ist. Ein Autist, der auch dort lebt, ist über die Frau hinweggeschwommen und hat nichts bemerkt, Gerichtsmediziner Boerne kennt wie immer den Grund: "Der arme Mann hat mehr Sedative in seinem System als Oscar Wilde zu seinen besten Zeiten." Sie haben ihren speziellen Witz in Münster, sie werden geliebt dafür. Das wissen sie. Deswegen wird der Witz oft überdosiert.

Im ersten Teil dieser Geschichte von André Erkau (Buch: Christoph Silber und Thorsten Wettcke) geht es einigermaßen erwartbar zu. Verschiedene Menschen stolpern Dinner-for-One-artig über Hindernisse; Türen fallen, wie bei Loriot, aus ihren Halterungen. Und Thiel (Axel Prahl) ärgert sich darüber, dass er kein Frühstück gekriegt hat, er hat eine Mörderlaune deswegen, das wird so ausgewalzt wie sonst nur ein Motiv im Kinderprogramm. Kurzes grausiges Erinnern an abgedrehte Münsteraner Episoden wie "Das Wunder von Wolbeck", aber dann kriegen sie doch halbwegs die Kurve, weil der rechenbegabte Autist (Robert Gwisdek) so berührend ist, und viele hübsche Ideen drinstecken in dem Film.

Zwillingsbrüder haben sich beim Tai Chi jeweils einen Arm gebrochen

Das merkt man etwa, wenn die Bewohner der Pflegeheims, mit Luftballons am Ufer stehend, vorgestellt werden. Zwillingsbrüder haben sich beim Tai Chi jeweils einen Arm gebrochen, ein Zwangsneurotiker korrigiert die Lage von Thiels Handy, und der Bufdi Olli hat für die fragliche Nacht ein schwaches Alibi, er hat am Computer Pussynator gespielt. Bufdi ist eine Abkürzung für Bundesfreiwilligendienst, und natürlich saugen sie sämtlichen Honig, der drinsteckt in diesem eigenartigen Wort.

Der Plot nimmt abenteuerliche Abzweigungen, eine Steuerangelegenheit bewegt sich Richtung DFB-Gate. Zum Glück blickt das stille Rechengenie durch. Dieser Tatort ist keine Gag-Schleuder, der Fall an sich bizarr. Das Ganze wird zusammengehalten durch das Ensemble. Prahl, Liefers, Kempter, Urspruch. Man schaut ihnen nicht beim Spielen zu, sondern beim Miteinanderumgehen: Manchmal ist das eine Freude. Ohne das Team wäre der Tatort Münster nichts.

Irgendwann sitzen Boerne und Thiel im Tretboot und folgen einem Schwan. Sie suchen längst keine neuen Ufer mehr, aber sie saufen auch nicht ab.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 07.11.2015/doer/khil
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