Tatort Münster "Das Wunder von Wolbeck" Bedingungslose "Tatort"-Liebe

Der "Tatort Münster" ist den Zuschauern heilig. Am Sonntag feiert er seinen zehnten Geburtstag mit vielen seltsamen Menschen und Tieren sowie einem in eine junge Ziege verliebten Ermittler. Alle Darsteller rund um Thiel und Boerne scheinen jedoch "laaangweilig" zu sein.

Von Holger Gertz

Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) verliebt sich diesen Sonntag in eine junge Ziege.

(Foto: dapd)

Bei Twitter schrieb neulich einer: "Nächste Woche kommt der Tatort wenigstens aus Münster. Boehrner und Thiel können gar nicht schlecht sein." Der Mann, um den es da geht, heißt zwar Boerne, aber kleine Ungenauigkeiten verzeiht sich die Twitter-Gemeinde in ihrer breiter angelegten Weisheit natürlich sofort. Und dass Professor Boerne und Frank Thiel, also die Ermittler aus Münster, gar nicht schlecht sein können, ist nicht nur eine Meinung, die Meinung ist Gesetz, Widerspruch wird nicht geduldet. Wenn das deutsche Publikum sich entschieden hat, bedingungslos zu lieben, dann liebt es besinnungslos. Und auch wenn der Tatort an sich regelmäßig in Grund und Boden hineingetwittert wird: Münster ist den Leuten heilig, Münster ist wie Guttenberg vor der Affäre. In Münster können sie alles machen und darauf vertrauen, dass die Masse fordern wird: Gebt uns mehr davon.

Kann sein, dass die Münsteraner tatsächlich mal so was wie ein Kontrastprogramm zum dauernden "Wo waren Sie gestern zwischen halbacht und neun?"-Gequatsche geboten haben: Die Tatort-Parodie als besserer Tatort, Markenbegriff crime and smile. Kann aber auch sein, dass diese Masche irgendwann totgeritten ist. Liefers und Prahl ermitteln im zehnten Jahr, ihr Binnenverhältnis ist immer stärker ins Zentrum der Handlung gewandert, die Fälle wurden das, was der Fischer Beifang nennt. So ist es auch im "Wunder von Wolbeck", obwohl der Regisseur Matthias Tiefenbacher etwas gewagt hat.

Die Episode soll keine Komödie sein, sondern eine Groteske mit seltsamen Menschen und seltsamen Tieren und diesen seltsamen Mord- und Wortwitzen des Rechtsmediziners Boerne: "Was gibt es denn hier? Fleisch, Blut, Scheiße. Da gehört schon einiges dazu, sich den aufrechten Gang nicht abzugewöhnen." Bei Twitter, wo alle in dankbarer Erwartung dem Sendebeginn entgegenfiebern, wird so was zitiert und mit zahlreichen Retweets geadelt. Auch dass Boerne sich unterwegs in eine junge Ziege verliebt, dürfte begeistert zur Kenntnis genommen werden. Und ein wenig Kuhdung fliegt ihm zwischendurch auch ins Gesicht.

Allerdings sind das - aufs Ganze gesehen - nur kleine Sensationen in einer ziemlich schwergängigen Geschichte. Eine groteske Figur soll Mitleid und Abscheu erregen, womöglich beides. Die Figuren jenseits von Thiel und Boerne, all die Landwirte mit ihren norddeutschen Gesichtern, die Frauen mit verzweifeltem Kinderwunsch, die in sich eingesperrten Menschen ohne Landlust, die schweigsamen Paarhufer und auch die Gefiederten: Sie erregen überhaupt nichts.

"Laaangweilig" würden - im Geiste des großen Philosophen Homer Simpson - die Twitterer twittern. Wenn das hier nicht der Tatort Münster wäre.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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