bedeckt München 21°
vgwortpixel

"Wormwood" auf Netflix:Die Wirklichkeit ist schon abenteuerlich genug

Errol Morris, der berühmte Regisseur von Fog of War, in dem er den ehemaligen Vietnam-Verteidigungsminister Robert McNamara zum Weinen brachte, begleitet die Suche des Sohnes so gründlich wie eine nachmitternächtliche Dokumentation, lässt ihn ausgiebig zu Wort kommen und setzt dabei diesen eklatanten Fall von Regierungskriminalität aus Hunderten von Indizien und Beweisen zusammen.

Der Homeland-verwöhnte Zuschauer erfährt, dass es gar kein Drehbuch mit aberwitzigen Wendungen braucht, weil die Wirklichkeit schon abenteuerlich genug ist. Gehirnwäsche als Mittel, um der befürchteten Gehirnwäsche durch die Kommunisten vorzubeugen, war in den Fünfzigern für regierungsfinanzierte Wissenschaftler offenbar eine Selbstverständlichkeit. Schließlich hatte der Koreakrieg eben gezeigt, wozu die andere Seite in der Lage war. Das Imperium schlug zurück.

Der Sohn entdeckt tatsächlich ein CIA-Handbuch, in dem der gewaltsame Fenstersturz als "bevorzugtes Mittel der Ermordung" beschrieben wird. Und so bekommt auch Sidney Gottlieb einen Auftritt, eine vollkommen unwahrscheinliche Figur, wie sie nur im B-Picture oder eben bei der CIA vorkommt. Gottlieb hatte für den Auslandsgeheimdienst das verheerende LSD-Programm entwickelt. Im Regierungsauftrag versuchte er später, Fidel Castro mit einem vergifteten Füller und dann mit einer explodierenden Zigarre umzubringen. Anschließend assistierte er beim Mord am kongolesischen Präsidenten Patrice Lumumba. Offenbar bereute Gottlieb irgendwann seine Taten doch, arbeitete in Indien in einer Leprakolonie und verbrachte seine letzten Tage in Gesellschaft naturbelassener und garantiert drogenfreier Ziegen.

Die Sache mit dem LSD sei aber nur eine Tarngeschichte gewesen, behauptet der Sohn, und selbst Seymour Hersh, der Reporter, der My Lai aufdeckte und seither von jeder Regierung gefürchtet wird, sei darauf hereingefallen: Die CIA habe seinen Vater schlicht hingerichtet, weil er beim geplanten bakteriologischen Krieg gegen Nordkorea nicht mitmachen wollte.

Das Thema erlaubt es nicht nur, sondern erfordert es fast: Morris hat diese nur allzu wahre Verschwörungstheorie nicht durchgehend als Doku inszeniert, sondern, wo immer es geht, als Spielfilm. Ach, wenn das doch in diesen Knopp-und-Breloer-Breiten wenigstens einmal so gut aussähe! Morris kann seinem Faible für den film noir nachgeben: die Bilder sind gern verkantet und schwarzweiß, die Kamera ist high angle positioniert, die mutmaßlichen Mörder schreiten unter großen Hüten in Zeitlupe endlose Hotelflure entlang. Niemand wäre überrascht, wenn Peter Lorre und Sidney Greenstreet um die Ecke kämen, und alles auf Humphrey Bogart wartete, damit der den Fall endlich aufkläre.

Restlos aufgeklärt wird der Tod Frank Olsons auch in Wormwood nicht. Dafür wird die paranoide Atmosphäre der frühen Fünfziger erschreckend lebendig, als die USA eine kommunistische Machtübernahme fürchteten und jeder zweite Wissenschaftler womöglich schon umgedreht war. Und wenn Frank Olson aus dem Fenster fliegt und ewig und ewig nicht am Boden anzukommen scheint, ist das wie eine Antwort auf die frivole Anfangssequenz von Mad Men: dass der Hedonismus der Werber nur um den Preis einer schafs-, nein, ziegendummen Blindheit gegenüber der Wirklichkeit zu haben war.

Wormwood, bei Netflix.

© SZ vom 15.12.2017/luch
Zur SZ-Startseite