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"Wormwood" auf Netflix:Die Sache mit der CIA und dem LSD

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Diese nur allzu wahre Verschwörungstheorie ist nicht durchgängig Doku, sondern, wo immer es geht, Spielfilm, mit Peter Sarsgaard als Frank Olson.

(Foto: Zach Dilgard/Netflix)

Wie starb der Bakteriologe Frank Olson - war es Suizid oder Mord? Ein Netflix-Dokudrama sucht nach der Wahrheit - und ist spannender anzuschauen als eine Staffel "Homeland".

Niemand denkt logischer als der Paranoiker. Er zählt eins und eins zusammen, verknüpft Ursache und Wirkung und fügt so lange Indiz an Beweis, bis sich das Bild in seiner ganzen grausigen Schönheit präsentiert: Alles hängt mit allem zusammen, es ist eine einzige große Verschwörung. Dann wird er wegen seiner Kombinationsgaben eingeliefert. Das Problem ist, dass der Verschwörungstheoretiker manchmal trotzdem recht hat.

Ehe das LSD unter die Hippies geriet und als Manna der Gegenkultur verherrlicht wurde, hatte bereits die CIA die Finger im Topf und verabreichte den Stoff kostenlos als Acid-Test. In bester Absicht, versteht sich, denn es hätte ja sein können, dass amerikanische Soldaten hinter feindliche Linien gerieten und dort Wahrheitsdrogen ausgesetzt und eine Persönlichkeitsumwandlung erleiden würden. Für diesen Fall musste vorgearbeitet werden.

Eines der ersten Forschungsobjekte war, eines der frühen Opfer wurde 1953 der Bakteriologe Frank Olson. Zu Versuchszwecken war ihm LSD verabreicht worden, Olson erwies sich als labil, wurde von Amts wegen betreut, und dann lag er schon tot auf dem Gehsteig vor einem Hotel in New York. Selbstmord, lautete die Todesursache, Sturz aus einem Fenster im 13. Stock, tragisch alles und Schwamm drüber.

Mehr als zwanzig Jahre später wurde bekannt, dass Olson das Versuchskaninchen in einem MKULTRA genannten Programm war. Im liberalen Klima der Watergate-Aufklärung war die CIA gezwungen worden, ihre "Kronjuwelen" preiszugeben, die illegalen Unternehmungen in der ganzen Welt bekannt zu machen, Bestechung, Umsturz, Mord. Das waren die klassischen Hilfsmittel der US-Außenpolitik, aber dass die Agency auch zu Hause mit Gehirnwäsche experimentiert und möglicherweise die gesamte Gegenkultur beeinflusst hatte, empörte die Amerikaner mehr als jeder strategische Umsturz irgendwo weit hinter der Türkei.

Davon handelt Wormwood (in der deutschen Version: Wermut), das von diesem Freitag an bei Netflix zu sehen ist. Wundersamerweise gelingt es dieser Serie, über sechs Folgen die Spannung aufrechtzuerhalten, obwohl das Ende von Anfang an feststeht. In einer grausam langen Einstellung stürzt ein Mann von einem New Yorker Hotel in die Tiefe. War es Selbstmord oder doch ein geschickt getarnter Mord?

Eric Olson erscheint der Vater nicht als Geist, sondern als Leiche. Er hat ihn exhumieren lassen

Diese Frage beschäftigt Eric Olson, den Sohn des Wissenschaftlers, selber ausgebildeter Psychologe. Wie es sich für einen echten Verschwörungstheoretiker gehört, sieht er finstre Mächte am Werk, überall Bestechung, Vertuschung, übelste Ränke, und natürlich war es Mord.

Dafür wird ausgiebig der Vergleich mit Hamlet strapaziert, der im Auftrag seines toten Vaters dessen Mörder finden muss. Laurence Olivier grübelt in der berühmten Verfilmung in düsterer Großaufnahme über Sein oder Nichtsein, führt den Dolch im Gewande und weiß nicht, gegen wen er ihn richten soll. Eric Olson erscheint der Vater vierzig Jahre nach seinem Tod nicht als Geist, sondern als Leiche, weil er ihn hat exhumieren lassen, um der Todesursache und der vermuteten Mordlust der CIA auf die Spur zu kommen.

Die Wirklichkeit ist schon abenteuerlich genug

Errol Morris, der berühmte Regisseur von Fog of War, in dem er den ehemaligen Vietnam-Verteidigungsminister Robert McNamara zum Weinen brachte, begleitet die Suche des Sohnes so gründlich wie eine nachmitternächtliche Dokumentation, lässt ihn ausgiebig zu Wort kommen und setzt dabei diesen eklatanten Fall von Regierungskriminalität aus Hunderten von Indizien und Beweisen zusammen.

Der Homeland-verwöhnte Zuschauer erfährt, dass es gar kein Drehbuch mit aberwitzigen Wendungen braucht, weil die Wirklichkeit schon abenteuerlich genug ist. Gehirnwäsche als Mittel, um der befürchteten Gehirnwäsche durch die Kommunisten vorzubeugen, war in den Fünfzigern für regierungsfinanzierte Wissenschaftler offenbar eine Selbstverständlichkeit. Schließlich hatte der Koreakrieg eben gezeigt, wozu die andere Seite in der Lage war. Das Imperium schlug zurück.

Der Sohn entdeckt tatsächlich ein CIA-Handbuch, in dem der gewaltsame Fenstersturz als "bevorzugtes Mittel der Ermordung" beschrieben wird. Und so bekommt auch Sidney Gottlieb einen Auftritt, eine vollkommen unwahrscheinliche Figur, wie sie nur im B-Picture oder eben bei der CIA vorkommt. Gottlieb hatte für den Auslandsgeheimdienst das verheerende LSD-Programm entwickelt. Im Regierungsauftrag versuchte er später, Fidel Castro mit einem vergifteten Füller und dann mit einer explodierenden Zigarre umzubringen. Anschließend assistierte er beim Mord am kongolesischen Präsidenten Patrice Lumumba. Offenbar bereute Gottlieb irgendwann seine Taten doch, arbeitete in Indien in einer Leprakolonie und verbrachte seine letzten Tage in Gesellschaft naturbelassener und garantiert drogenfreier Ziegen.

Die Sache mit dem LSD sei aber nur eine Tarngeschichte gewesen, behauptet der Sohn, und selbst Seymour Hersh, der Reporter, der My Lai aufdeckte und seither von jeder Regierung gefürchtet wird, sei darauf hereingefallen: Die CIA habe seinen Vater schlicht hingerichtet, weil er beim geplanten bakteriologischen Krieg gegen Nordkorea nicht mitmachen wollte.

Das Thema erlaubt es nicht nur, sondern erfordert es fast: Morris hat diese nur allzu wahre Verschwörungstheorie nicht durchgehend als Doku inszeniert, sondern, wo immer es geht, als Spielfilm. Ach, wenn das doch in diesen Knopp-und-Breloer-Breiten wenigstens einmal so gut aussähe! Morris kann seinem Faible für den film noir nachgeben: die Bilder sind gern verkantet und schwarzweiß, die Kamera ist high angle positioniert, die mutmaßlichen Mörder schreiten unter großen Hüten in Zeitlupe endlose Hotelflure entlang. Niemand wäre überrascht, wenn Peter Lorre und Sidney Greenstreet um die Ecke kämen, und alles auf Humphrey Bogart wartete, damit der den Fall endlich aufkläre.

Restlos aufgeklärt wird der Tod Frank Olsons auch in Wormwood nicht. Dafür wird die paranoide Atmosphäre der frühen Fünfziger erschreckend lebendig, als die USA eine kommunistische Machtübernahme fürchteten und jeder zweite Wissenschaftler womöglich schon umgedreht war. Und wenn Frank Olson aus dem Fenster fliegt und ewig und ewig nicht am Boden anzukommen scheint, ist das wie eine Antwort auf die frivole Anfangssequenz von Mad Men: dass der Hedonismus der Werber nur um den Preis einer schafs-, nein, ziegendummen Blindheit gegenüber der Wirklichkeit zu haben war.

Wormwood, bei Netflix.

© SZ vom 15.12.2017/luch
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